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Viele Arbeitsmarktprogramme sind am Bedarf der Wirtschaft ausgerichtet, nicht an der Bedürftigkeit der Langzeitarbeitslosen, sagt Mathias Bielich.

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Der Vermittler

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Das Jobcenter im sächsischen Bautzen ist so erfolgreich, dass ihm selbst die Arbeit auszugehen droht. Behördenchef Mathias Bielich sieht den Menschen hinter dem "Fall" und seine Talente.

Ein Schreibtisch mit zwei Computerbildschirmen, ein kleiner, runder Konferenztisch und vier Stühle, eine braune Schrankwand, in der sich grüne Ordner reihen. An der Wand hängt noch ein Kalender mit Landschaftsmotiven. Das Büro von Mathias Bielich sieht aus wie Zehntausende anderer deutscher Amtsstuben auch. Durchschnittlich. Der 57-jährige Chef des Jobcenters Bautzen trägt ein kurzärmliges Hemd und Krawatte. Modetechnisch auch eher Durchschnitt. Doch Äußerlichkeiten sagen in dem Fall wenig aus: Denn Bielich und seine Kollegen arbeiten überdurchschnittlich erfolgreich. In der ostsächsischen Region haben sie in den vergangenen sieben Jahren die Zahl der arbeitslosen Hartz-IV-Empfänger um die Hälfte reduziert. Im Bundesvergleich ist das eine Spitzenposition. Wie ist das gelungen?

Bielich hat Maschinenbau studiert und arbeitete in der DDR in einem Landtechnikbetrieb. Erst nach der Wende wechselte er in die Bautzener Kreisverwaltung, war unter anderem für Bau und Personal zuständig. Seit 2013 leitet er das Jobcenter. Seine Einstellung ist jedoch die eines Ingenieurs geblieben: „Egal wie lange etwas dauert und was es kostet, am Ende ist vor allem wichtig, dass es funktioniert.“

Das klingt technisch. Doch der freundlich schauende Mann mit Brille ist kein Technokrat. „Bei der Arbeit hier geht es nicht um Fälle oder Kunden, sondern um Menschen.“ Und kein Mensch sei wie der andere. Das ist für ihn grundlegend, und danach müssten auch die Konzepte ausgerichtet werden. Viele Arbeitsmarktprogramme in Deutschland seien am Bedarf der Wirtschaft ausgerichtet, aber nicht an der Bedürftigkeit der Langzeitarbeitslosen.

In Bautzen nahm der Landkreis die Betreuung der Hartz-IV-Empfänger selbst in die Hand. Das ermöglicht mehr Freiräume. „Ein wichtiger Erfolgsfaktor sind unsere erfahrenen Mitarbeiter“, sagt Bielich. Zu 38,8 Millionen Euro ausgegebenen Eingliederungsmitteln von 2015 bis 2017 kamen 22,1 Millionen Euro eingeworbene Drittmittel hinzu. Hinter den Zahlen stecken sehr spezifische Förderungen. Bielich erzählt den Fall einer 50-jährigen Frau, die zwölf Jahre wegen psychischer Erkrankungen zu Hause war. Ihr Selbstwertgefühl hatte dadurch so sehr gelitten, dass sie sich nicht mehr in der Lage sah zu arbeiten. Dann bekam sie eine 20-Stunden-Stelle als Helferin in der Küche eines Kindergartens. „Die Kinder waren unvoreingenommen, haben ihre Einschränkungen als solche kaum wahrgenommen“, erzählt Bielich. Die Frau sei dort angenommen worden.

Oder der arbeitslose Metall-Facharbeiter, der längere Zeit keinen Job gefunden hat. „Bis jemand einmal mitbekommen hat, dass er abends im Keller immer drechselt. Seine Liebe gilt dem Holz.“ Bielich will mit solchen Schilderungen nicht pathetisch klingen. „Unser Fokus sollte in der Zukunft mehr darauf liegen, Talente besser zu erkennen. Bislang war das nicht so der Schwerpunkt im Jobcenter.“

Bei der Vermittlung der Arbeitslosen ist die Bautzener Behörde auf die Wirtschaft angewiesen. „Wir haben das Glück, dass sich bei uns in der Region die Unternehmen gut entwickeln.“ In der 40 000 Einwohner zählenden Stadt an der Spree betreibt etwa der Konzern Bombardier ein Bahnwerk, „Bautz’ner“ ist eine der beliebtesten Senfmarken Deutschlands geworden, und zahlreiche Industriefirmen arbeiten als Zulieferer in der Autobranche. „Der Fachkräftemangel ist auch hier angekommen“, so Bielich. Die Firmen seien daher bereit, auch Menschen einzustellen, die ein Handicap haben. Die Zahl der arbeitslosen Hartz-IV-Empfänger ging in den vergangenen sieben Jahren um 54 Prozent auf 6429 zurück.

Mitarbeiter des Jobcenters haben Bielich von einem ehemaligen Langzeitarbeitslosen berichtet, der nach getaner Arbeit mit seiner schmutzigen Arbeitshose im Supermarkt einkaufen gewesen ist. Er war einfach stolz darauf, dass er sein Geld wieder selbst verdient – das wollte er auch nach außen zeigen.

Doch auch wenn viele einen Job gefunden haben, gibt es weiter Tausende ohne Arbeit. Meistens sind das Menschen, die mehrere „Vermittlungshemmnisse“ haben, wie es im Amtsdeutsch heißt. Bielich meidet das Wort bewusst. Es geht um fehlende Schulabschlüsse, abgebrochene Ausbildungen oder Krankheiten. „Immer häufiger führen Kinder auch die Arbeitslosigkeit ihrer Eltern fort, weil sie nichts anderes kennengelernt haben“, sagt der 57-Jährige.

Das Jobcenter zahlt ihnen Leistungen, auch wenn die Bereitschaft zu arbeiten fehlt. „Wir sind das letzte Netz, unter uns ist nur der Beton“, sagt Bielich. Jeder, auch wer nicht arbeitet, habe Anspruch darauf, dass seine Würde gewahrt bleibe. In einem Projekt versucht das Jobcenter jungen Menschen, die etwa Drogenprobleme haben, zu helfen. So werden Routinen eingeübt, die für die meisten Menschen selbstverständlich sind. „Das fängt beim morgendlichen Kaffeetrinken an“, sagt Jobcenter-Mitarbeiterin Kristin Penther. Es werde den Menschen vermittelt, wie ein Tag strukturiert wird.

Trotz der Erfolge am Arbeitsmarkt wählte die Region bei der vergangenen Bundestagswahl Protest. Der AfD-Kandidat erlangte das Direktmandat. Doch Protest wogegen? Mit der wirtschaftlichen Situation hat das offenbar wenig zu tun. Auch die Flüchtlingskrise ist für Bielich nicht entscheidend: „Es fehlt sicher an Vertrauen in die Politik.“ Aus Sicht des Jobcenter-Chefs hat sich jedoch auch ein Missverhältnis von „Rechten und Pflichten“ gebildet. „Es gibt Mitmenschen, die sehr fordernd und nehmend auftreten, aber weniger bereit sind, sich in die Gesellschaft einzubringen.“ Dies sei aber kein Frage des Bezuges von Sozialleistungen.

Bielich hält allerdings auch wenig von Forderungen linker Parteien, Hartz IV abzuschaffen. „Das Grundprinzip von ,Fördern und Fordern‘ hat sich bewährt und wird inzwischen in ganz Europa kopiert“, meint er. Das Jobcenter des Landkreises Bautzen kommt jetzt sogar in die Lage, dass ihm selbst die Arbeit ausgeht. In den vergangenen fünf Jahren wurde die Zahl der Mitarbeiter um 100 auf 340 reduziert – häufig durch Umbesetzungen in der Kreisverwaltung. Bielich hat an seine Mitarbeiter eine ungewöhnliche Botschaft ausgegeben: „Wir müssen darauf hinarbeiten, dass wir immer weniger gebraucht werden.“ Ein Geheimrezept für den Erfolg gibt es nach seinen Worten nicht: „Wir haben halt immer darauf geachtet, dass unsere Hilfe ankommt, dass sie funktioniert.“

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