+
Die Neuzulassungen nehmen ab.

Börse

Vermeintlicher Heimvorteil

  • schließen

Wer bei der Geldanlage zu großen Teilen auf deutsche Aktien setzt, wird insbesondere in der Krise enttäuscht. Wie Investoren ihr Risiko am besten streuen können.

Hauptsächlich auf den Deutschen Aktienindex (Dax) zu setzen kann teuer werden. Das sieht man auch derzeit in der Corona-Krise, in der die Wirtschaft ins Schwanken gerät. Zu Anfang des Ausbruchs in Deutschland im Februar und März ist das deutsche Börsenbarometer zeitweise fast um 40 Prozent eingebrochen. Trotz einer leichten Erholung kann von einer Stabilisierung auf Vor-Corona-Niveau noch lange nicht die Rede sein.

Zwar finden sich die 30 größten und wertvollsten deutschen Unternehmen in dem Index, doch ist die Zusammensetzung wenig divers. Die deutsche Wirtschaft wird getragen von der Automobilindustrie und anderen Investitionsgüterbranchen, die somit auch in überwiegender Anzahl im Dax vertreten sind. „Die jetzige Krise führt dazu, dass Menschen vom Kauf langlebiger Konsumgüter wie Autos erst einmal Abstand nehmen, dementsprechend leiden die Autokonzerne“, sagt Olaf Stotz, Professor für Asset Management an der Frankfurt School of Finance & Management.

In Deutschland nahmen die Neuzulassungen bei Volkswagen im April beispielsweise im Vergleich zum Vorjahresmonat um gut zwei Drittel ab, in Großbritannien, Frankreich, Italien und Spanien verkaufte der Konzern fast gar nichts. Bei der Konkurrenz sieht es nicht besser aus.

„In anderen Indizes, wie in den USA, sind hingegen Werte wie Amazon und Netflix überproportional vertreten, also solche Unternehmen, die von der Krise stark profitieren“, so Stotz. Schaut man sich den Dax an, fehlen solche Profiteure. Mit SAP ist zwar ein starker Technologie-Konzern gelistet, insgesamt ist diese Branche in Dseutschland aber unterrepräsentiert. Und das, obwohl Digitalisierung und Technologie gerade auch in Zukunft einen viel stärkeren Stellenwert einnehmen werden.

„Wer sich bei Aktien und Fonds nur auf ein Land fokussiert, lässt sich damit Chancen entgehen“, so der Wirtschaftsexperte. Zwar könne es bei der nächsten Krise schon wieder anders sein und deutsche Exportgüter könnten an anderer Stelle zu den großen Profiteuren gehören. Durch eine zu eingegrenzte Auswahl sei aber eben das Verlustrisiko ungleich höher.

Indexfonds

ETF ist die Abkürzung für Exchange Traded Funds. Der Unterschied zu aktiv gemanagten Fonds ist, dass der ETF stumpf einen Index nachbildet. Es ist also kein Fondsmanager nötig. Dadurch sinken die Kosten. Es fällt kein Ausgabeaufschlag an und die Verwaltungsgebühren sind geringer.
Eine breite Streuung verringert auch das Risiko. Wenn ein Titel schwächelt, können genügend andere Titel diesen Verlust auffangen. Wie aber auch bei andere Fonds gilt: Es sollte ein ausreichend langer Anlagezeitraum gewählt werden, damit Schwankungen am Aktienmarkt ausgesessen werden können. (thd)

Dabei splielt auch die Größe des Dax eine Rolle. Mit seinen nur 30 Werten ist er im Vergleich mit weltweiten Indizes sehr klein. Im MSCI World etwa sind mehr als 1600 Einzeltitel aus über 20 Industrienationen gelistet. Hinzu kommt, dass die Firmen im Dax gerade einmal um die drei Prozent zur globalen Marktkapitalisierung beitragen.

Trotz dieser Argumente gibt es immer noch viele Anleger, die heimische Aktien und Fonds bevorzugen. Stotz schätzt den Anteil von deutschen Privatanlegern, die auf heimische Titel setzen, auf 50 bis 60 Prozent. Auch Vermögensverwalter beobachten, dass das „Home Bias“, also das Phänomen, die Geldanlage auf dem Heimatmarkt überproportional zu gewichten, weiterhin stark verbreitet ist. Es sei in der Tat immer noch so, dass viele deutsche Anleger „zu deutsch“ denken und hauptsächlich in Deutschland investieren, sagt Thomas Buckard, Vorstand der Vermögensverwaltung Michael Pintarelli Finanzdienstleistungen in Wuppertal.

Woher kommt das? Daimler, Siemens oder BASF sind Unternehmen, die in den Nachrichten häufiger vorkommen, Menschen fühlen sich besser informiert, die Kenntnis über die Konzerne ist vermeintlich größer als bei ausländischen Firmen. Anleger glauben deshalb, besser einschätzen zu können, wie sich die Unternehmen an der Börse entwickeln könnten. „Aber welcher Privatanleger schaut sich schon eine Bilanz von Siemens oder BASF so im Detail an, dass er tatsächlich über eine höhere Kompetenz verfügt“, fragt Stotz von der Frankfurt School of Finance & Management.

Und selbst dann bleibt das Klumpenrisiko, wenn nämlich auf zu ähnliche Werte aus einer Region gesetzt wird. Jürgen Brückner, Vermögensverwalter bei „Frankfurter Vermögen“ ist deswegen der Ansicht, dass sich eine globale Ausrichtung des Aktienportfolios gerade deswegen nicht nur in Krisenzeiten empfiehlt. Eignen würde sich seiner Ansicht nach ein international anlegender Investmentfonds beziehungsweise ETF, also ein börsengehandelter Indexfonds, der einen ganzen Index nachbildet und somit Werte aus unterschiedlichen Branchen und Regionen beinhaltet. Insbesondere sollten darin Titel aus den Sektoren Technologie und Medizintechnik enthalten sein, da in diesen Branchen ein nachhaltiges Wachstum zu erwarten sei, so Brückner.

Diese Branchen spiegeln sich auch im MSCI World wider, ebenso wie viele andere Sektoren. Geraten hier gelistete Unternehmen ins Straucheln, fangen Profiteure aus anderen Branchen diesen Sinkflug eher wieder ab. Das Risiko für Anleger ist somit geringer.

Eine weitere Variante ist beispielsweise der MSCI All Countries World, der neben Aktien aus Industriestaaten auch solche aus Schwellenländern wie China oder Indien bündelt. Die Kosten für einen international aufgelegten Indexfonds sind nicht höher als für nationale Varianten. Die Konkurrenz der Anbieter solcher Fonds ist in den vergangenen zehn, 15 Jahren um einiges gewachsen.

Die Corona-Pandemie ist zudem nicht das einzige Beispiel für globale Verwerfungen, die dem Dax zusetzen. Auch ein Zollstreit lähmt globale Geschäfte und kann Exportnationen wie Deutschland zeitweise schwächen. So hat der Handelskonflikt zwischen den USA und China auch am Deutschen Aktienindex Spuren hinterlassen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare