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Der Verlust der Mitte

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Von: Daniel Stelter

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Wie die Gesellschaft in Schieflage geraten ist

Brexit, TTIP, Ceta – das Unbehagen vieler Menschen angesichts der Folgen der Globalisierung findet zunehmend Ausdruck in realer Politik von unten. Bei der Volksabstimmung in Großbritannien ging es nicht nur um die EU als Institution, sondern auch um einen Protest gegen zunehmende Ungleichheit.

Dabei ist Ungleichheit in unserem Wirtschaftssystem erst einmal nichts Falsches; sie fördert schließlich den Wettbewerb. Sie wird aber dann zum Problem, wenn unter ungleicher Einkommens- und Vermögensverteilung auch die Chancengleichheit leidet.

Richtig ist: Die Löhne stagnieren oder sinken gar; erst vor wenigen Tagen zeigte eine britische Studie, dass die Generation derer, die heute zwischen 20 und 35 ist, in diesem Zeitraum 8 000 Pfund weniger verdient als dieselbe Alterskohorte eine Generation früher verdiente.

Vermutlich gilt dieser Befund im Trend auch für Deutschland. Der Rückgang der Arbeitseinkommen hat zwar die internationale Wettbewerbsfähigkeit wiederhergestellt. Der Titel des Exportweltmeisters wurde jedoch erkauft durch eine verfallene Infrastruktur als Folge unzureichender Investitionen des Staates. Die absolute und relative Verschlechterung der Leistungen des deutschen Bildungssystems trifft voll die Mittelschicht. Die, die es sich leisten können, flüchten aus dem System. Ein Teufelskreis: Die Standards sinken immer weiter und Teilhabe an besserer Bildung wird zur Geldfrage.

Die Schere geht jedoch nicht nur bei den Einkommen auseinander; auch die Vermögensverteilung wird ungleicher. Jetzt wirkt sich aus, dass jahrzehntelang die falschen Anreize gesetzt wurden. Statt einer breiten Beteiligung der Bevölkerung am Produktivvermögen wurde das Sparen in niedrigrentierlichen Anlagen von der Politik mit allen Mitteln gefördert. Heute steht die deutsche Mittelschicht vermögensmäßig schlechter da als die Bevölkerung in anderen Ländern. Verschärft wird dieser Zustand dadurch, dass dank der Geldpolitik der EZB das klassische Sparen nun sogar bestraft wird und auf der anderen Seite die Preise von Vermögenswerten wie Aktien oder Immobilien in die Höhe getrieben werden.

Doch bevor man daran denkt, durch mehr Umverteilung die Symptome zu bekämpfen, sollte man die wirklichen Ursachen angehen: zu wenig Investitionen im Inland und falsche Anreizsysteme für die Geldanlage.

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