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Autorin Joanne K. Rowling kassierte viele Absagen für ihre Manuskripte. Heute reißen sich die Menschen um ihre Harry-Potter-Bücher.

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Lisa, das Bestseller-Orakel

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Verlage bekommen jedes Jahr Abertausende Manuskripte zugesandt, die meisten lehnen sie ab, oft sogar ungelesen. Eine Berliner Firma hat nun eine Software entwickelt, die helfen soll, das Erfolgspotenzial eines Buches binnen weniger Minuten einzuschätzen.

Was haben Moby Dick, Harry Potter, Die Therapie und das Dschungelbuch gemeinsam? Ihre Autoren kassierten bei den Verlagen reihenweise Absagen mit diesen Manuskripten. „Muss es unbedingt ein Wal sein?“, fragte ein Lektor im Mai 1851 Hermann Melville. „Kann der Kapitän nicht stattdessen mit einer Neigung zu jungen, möglicherweise gar üppig gebauten Mädels kämpfen?“ Joanne K. Rowling wurde unter anderem beschieden, Internatsthemen wirkten auf den normalen Leser zu abgehoben. Sebastian Fitzek musste sein Werk immer wieder umschreiben. Bei Rudyard Kipling bemängelte ein Verlag die seltsame Sprache.

So wie Melville, Rowling und Fitzek ging es anfangs vielen Bestseller-Autoren. Häufige Ablehnungen vor dem Durchbruch scheinen sogar eher die Regel als die Ausnahme zu sein. Die ach so kritischen Lektoren wiederum ärgern sich später darüber, dass ihnen die Chance auf einen schönen Erfolg durch die Lappen gegangen ist.

Hier soll nun künstliche Intelligenz helfen: Die junge Firma Qualifiction aus Berlin bietet Software an, die innerhalb von Sekunden das Potenzial eines Manuskripts erkennt. „Wir wollen helfen, die wenigen Perlen unter vielen eingesandten Texten zu finden“, sagt Gesa Schöning, eine Mitgründerin des Unternehmens. Das Programm „Lisa“ sei schon bei einer Reihe von Verlagen im Einsatz – zur höchsten Zufriedenheit der Lektoren. Der Name steht für „Literaturscreening & Analytik“.

Lisa hat anhand von rund 10 000 Büchern gelernt, welche Eigenschaften zu einem Verkaufserfolg führen. Es verwendet dazu ein neuronales Netz, also ein Datengefüge, das einem Nervensystem nachempfunden ist. Mehrere Verlage haben dem Programm Anschauungsmaterial zur Verfügung gestellt: den kompletten Text des Buches plus die Verkaufszahl. Die so trainierte Lisa gibt nun im Praxiseinsatz die Chance auf einen Verkaufserfolg in Prozent an und macht sogar einen Vorschlag für die Startauflage. Das sei eine enorm nützliche Hilfe für Lektoren, glaubt Schöning. Die 32-Jährige selbst kennt die Branche sehr gut – ihre Eltern hatten eine Buchhandlung.

Tief in den Schichten der künstlichen Neuronen von Lisa steckt also das Wissen darüber, was Menschen gerne lesen. Doch die Entwickler können deshalb selbst nicht unbedingt sagen, was einen Bestseller ausmacht. „Welche Unterschiede das Netz genau erkennt, behält es für sich“, sagt Ralf Winkler, ebenfalls ein Mitgründer von Qualifiction. Winkler ist promovierter Mathematiker und übernimmt die informatische Seite des Geschäfts.

Der 42-Jährige hat früher für den Onlinehändler Zalando Programme zur Erkennung von Mustern in den Bestellungen mitentwickelt. Nun wendet er die modernsten Verfahren der Mustererkennung eben auf Bücher an: Der Unterschied sei gar nicht so groß, sagt er.

Aus den Kriterien, die die Software erlernt hat, lassen sich jedoch zumindest die Eckpunkte aktueller Bestseller ablesen. Eine wichtige Zutat, die oft dabei ist: Alltagsmanagement, etwa das Jonglieren mit Privatleben und Beruf. „Die Leser wollen sich und ihre Situation wiederfinden“, erklärt Schöning diese Eigenschaft vieler Verkaufserfolge. Über das Buch hinweg sollte eine Grundspannung erhalten bleiben. Ausgewogenheit ist ebenfalls wichtig: „Extreme sind mit Vorsicht zu genießen“, sagt Winkler. Sie seien in der Regel schlecht für den Verkaufserfolg.

Doch auch solche Vorlieben können sich ändern: Die Software lernt an aktuellen Veröffentlichungen weiter und passt sich dadurch auch an den aktuellen Geschmack des Publikums an. „Es gibt keine festen Regeln, nichts ist in Stein gemeißelt“, sagt Schöning.

Qualifiction bietet ein weiteres Werkzeug für Lektoren an, das bei der Vorauswahl hilft. Es prüft den Text auf seine objektiven Eigenschaften und zeigt sie in Diagrammen an. Ist der Stil brauchbar? Ein holprig geschriebenes Machwerk voller Rechtschreibfehler lässt sich meist nicht mehr retten. Verwendet der Autor aktive Verben, treibt er die Handlung gleichmäßig voran? Wer hier eine anständige Punktzahl erhält, ist schon eine Runde weiter.

Andere Kriterien geben den Verlagsmitarbeitern Hinweise, ob ein Werk in ihr Programm passt. Was ist das Thema des Buches: Polizisten, Liebe oder Raumschiffe? Geht es eher um Männer oder um Frauen? Land- oder Stadtleben? Ist es ein Buch für Jugendliche oder Erwachsene? Ist die Stimmung düster oder hell? Wie viele Konflikte finden zwischen den Hauptfiguren statt? Hier gibt es kein Richtig oder Falsch, wohl aber unterschiedliche Vorlieben der Verlage.

Um den künstlerischen Wert geht es nicht

Der Versuch solcher Einordnungen ist nicht neu. Erste Pionierarbeit mit lernenden Programmen haben hier die britische Lektorin Jodie Archers und der US-Professor Matthew Jockers geleistet, deren Buch „Der Bestseller-Code“ vor zwei Jahren bereits eine Diskussion über Buchbewertungen durch den Computer angestoßen hat.

Inzwischen steht fest: Maschinen können überraschend zutreffende Aussagen über Literatur abgeben. Es geht hier jedoch ausdrücklich nicht darum, der ganzen Komplexität eines großen Werks gerecht zu werden. „Die Software sagt etwas über das Bestseller-Potenzial der Texte aus“, sagt Schöning. Es geht also nur darum, ob ein Werk ein breites Publikum ansprechen kann, nicht um seine künstlerische Höhe im Sinne des Feuilletons.

Schöning sieht ihr Produkt als Segen für talentierte Nachwuchsautoren, die bisher oft keine Chance bekommen. Die Briefträger laden bei jedem deutschen Verlag viele Tausend unverlangte Manuskripte im Jahr ab. Die Masse davon ist auch tatsächlich amateurhafter Schrott, doch das macht die Arbeit des Lektors umso schwerer. „Die allermeisten davon werden vor ihrer Ablehnung nicht gelesen“, sagt Schöning. In den Verlagen nehmen die Mitarbeiter sich zuweilen nur wenige Sekunden Zeit pro Einsendung. Der Diogenes-Verlag beispielsweise gibt zu, von 9000 Einsendungen nur drei Romane veröffentlicht zu haben. „Es wäre doch nur fair, wenn die herausragenden Leistungen unveröffentlichter Autoren auch eine Chance bekommen.“

Eine solche Ablehnung wie die von Harry Potter wäre mit der Software von Qualifiction unwahrscheinlich, glaubt Schöning. Ob sich das Werk jedoch heute ebenso gut verkaufen würde wie in den Neunzigerjahren? Schließlich könnte der Geschmack der jugendlichen Leser sich gewandelt haben. Schöning weist auch darauf hin, dass derzeit reichlich Bücher über Zauberlehrlinge auf dem Markt sind. Da würde Harry es schwerer haben. Doch Rowling baut auf jeden Fall ihre Geschichten meisterhaft auf und schreibt sehr sauber. Das würde die Software sofort anzeigen.

Rowling selbst machte als etablierte Schriftstellerin ein interessantes Experiment. Sie bot den Verlagen ihre Krimis für Erwachsene anfangs unter falschem Namen an. Die Bücher waren grundsolide geschrieben und verkauften sich später sehr gut (vor allem, nachdem sie sich als die Autorin zu erkennen gab). Dennoch hagelte es zunächst Absagen. „Wir sind zu der Entscheidung gekommen, Ihr Buch nicht mit kommerziellem Erfolg veröffentlichen zu können“, schrieb etwa der Londoner Verlag Constable & Robinson, zu dessen Programm „Der Ruf des Kuckucks“ durchaus gepasst hätte. Der zuständige Lektor schrieb der Mega-Erfolgsautorin unwissentlich in einem Standardbrief, sie solle doch mal eine Schreibwerkstatt besuchen, um das Handwerk richtig zu erlernen.

Ob die Existenz von Software zur Bestseller-Vorhersage dazu führen kann, dass die Lektoren sie für Magie halten und sich künftig zu sehr darauf verlassen? Könnte das nicht zu weiterer Gleichmacherei führen? Nein, glaubt Gesa Schöning. Jeder Verlag müsse im Eigeninteresse sein Profil schärfen, und natürlich würden interessante Manuskripte auch künftig von Lektoren gelesen und betreut. Der Erfolg am Markt, das weiß auch Schöning, hängt am Ende nicht nur vom Text, sondern auch von vielen äußeren Einflüssen ab.

Der Literaturkritiker Jörg Magenau unterscheidet in seiner Abhandlung über deutsche Bestseller zwischen mehreren Arten von Erfolgstiteln. Entweder sei es „ein Fall von Schwarmintelligenz“, in dem die Käufer auf ein wirklich gutes Buch anspringen. Oder es handelt sich „bloß um ein Beispiel dafür, dass der Teufel halt immer auf den größten Haufen scheißt“.

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