1. Startseite
  2. Wirtschaft

Verkehrsforscher Knie über Neun-Euro-Ticket: „Das wird ein Strohfeuer“

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Joachim Wille

Kommentare

Die Sondertickets sollen im Juni, Juli und August bundesweit Fahrten im Nah- und Regionalverkehr ermöglichen – für jeweils 9 Euro im Monat. Foto: Moritz Frankenberg/dpa.
Die Sondertickets sollen im Juni, Juli und August bundesweit Fahrten im Nah- und Regionalverkehr ermöglichen – für jeweils 9 Euro im Monat. © dpa

Mobilitätsforscher Andreas Knie über die Chancen des Neun-Euro-Tickets, fehlende Vernetzung der Branche und das Versäumnis der Grünen, der FDP das Verkehrsressort überlassen zu haben

Herr Knie, ist das Neun-Euro-Ticket eine gute Idee oder nicht?

Vom Grundsatz geht das in die richtige Richtung, die Ausführung ist aber nicht durchdacht. Von daher ist es eine gute Idee, die schlecht gemacht ist. So wird es jetzt ein Strohfeuer. Viele Schnäppchenjäger werden unterwegs sein, die Kernklientel der Bus- und Bahnfahrer wird sich freuen und denken, warum nicht immer so billig, aber wirkliche Umsteiger wird man nicht treffen.

Was kann getan werden, um das von vielen befürchtete Chaos durch überfüllte Züge zu verhindern?

Es wäre gut gewesen, wenn alle Züge, also auch die des Fernverkehrs für neun Euro nutzbar gewesen wären. Damit hätte man für mehr eine Entspannung sorgen können. Der Zeitraum von drei Monaten ist zudem viel zu knapp bemessen. Wenn man möchte, dass Menschen auf Busse und Bahnen umsteigen, dann hätte man die Geltungsdauer auf mindestens sechs Monate ausdehnen müssen.

Wäre ein Nulltarif für den ÖPNV sinnvoll – und bezahlbar? Das gibt es in Luxemburg.

Seit Jahren kommen alle empirischen Studien zum gleichen Ergebnis: Ein Nulltarif bringt gar nichts. Mehr als zwei Drittel aller Menschen in Deutschland haben den öffentlichen Verkehr überhaupt nicht mehr im Blick. Da könnte man Freibier ausschenken, es würde nichts nutzen. Diejenigen, die noch ansprechbar sind, die sind auch bereit für Qualität zu zahlen.

Aber billigere Fahrpreise bringen schon mehr Menschen in die Züge, bräuchte es das nicht auch im Fernverkehr?

Die Preise im Fernverkehr sind günstig – für Expert:innen, die gerne nach Sparpreisen und Super-Sparpreisen fahnden wollen und flexibel bei der Zugwahl sind. Für alle anderen – und dass ist die Mehrzahl – sind die Ticketpreise deutlich zu hoch. Die Fahrten müssen auch für Kurzentschlossene und Unkundige günstiger werden.

Zur Person

Andreas Knie ist Verkehrsforscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und Professor an der TU Berlin für Soziologie. jw

Andreas Knie, Leiter der Forschungsgruppe „Digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung – WZB. Foto: David Ausserhofer.
Andreas Knie, Leiter der Forschungsgruppe „Digitale Mobilität und gesellschaftliche Differenzierung“ am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung – WZB. © DAVID AUSSERHOFER

Es bräuchte doch auch ein besseres Angebot, mehr Busse und Züge, mehr Schienen, eine bessere Vernetzung. Was müsste passieren, damit der öffentliche Verkehr auf Dauer attraktiv wird?

Da müssten die Finanzierungs- und Anreizstrukturen völlig andere werden. Der öffentliche Verkehr unterliegt in Deutschland der Daseinsvorsorge. Einerseits gut, weil der Staat sich kümmert. Aber auch schlecht, weil dies ohne Anreiz geschieht, sozusagen als Pflichtaufgabe. Ob und wie viele Menschen in den Bussen und Bahnen sitzen, ist den Verkehrsunternehmen egal. Es gibt keinen Anreiz, neue Kunden zu gewinnen. Gedacht und gehandelt wird nach betrieblichen Logiken. Produkte, die jeder haben möchte, kommen in dieser Welt nicht vor, vernetzte Angebote schon mal gar nicht. Die Branche steckt weiterhin tief und fest im Silodenken. Jeder macht seins, Gemeinsames kommt da nicht vor.

Aktuell gibt es Streit um die Finanzierung der Einnahmeausfälle der Verkehrsunternehmen durch das Neun-Euro-Ticket. Aber generell gefragt: Wie sollte der Verkehr insgesamt finanziert werden?

Verkehr sollte Verkehr finanzieren. Für das ganze System Auto zahlen wir nach Berechnungen der EU pro Jahr rund 110 Milliarden Euro. An Einnahmen kommen über die Kfz -und Mineralölsteuer und andere Abgaben aber nur knapp 60 Milliarden herein. Das heißt, wir müssen die Spritsteuern verdoppeln und insgesamt das Autofahren so teuer machen, wie es tatsächlich kostet: Der Sprit bei fünf Euro, keine Pendlerpauschale mehr, keine Dienstwagenprivilegien und ein Preis für das öffentliche Parken von rund 15 Euro pro Tag. Das ist ungewohnt, aber notwendig. Menschen mit sehr geringem Einkommen können dann durch ein Mobilitätsgeld entlastet werden.

Wie bewerten Sie insgesamt die Pläne der Ampel-Regierung zur Verkehrswende?

Bisher sichert das Verkehrsministerium in aller erster Linie die Privilegien des Autos ab. Die Steuer auf Sprit wird sogar vorübergehend gesenkt, die Pendlerpauschale weiter erhöht, und ein generelles Tempolimit auf Autobahnen kommt immer noch nicht. Es sind die völlig falschen Anreize. Die Politik des Verkehrsministeriums ist daher vordergründig populistisch und von Ideen der 50er und 60er Jahre inspiriert.

War es ein Fehler, dass die sich die Grünen in der Ampel das Verkehrsressort von der FDP haben wegschnappen lassen?

Man hatte zwischenzeitlich die Hoffnung, dass die FDP tatsächlich für neuen Wind sorgt, insbesondere hinsichtlich der Digitalisierung. Aber stattdessen werden verstaubte Instrumente aus der Mottenkiste ausgepackt. Jetzt stellt sich heraus: Ja, es war ein Fehler der Grünen, dass Ressort nicht gewollt zu haben.

Interview: Joachim Wille

Auch interessant

Kommentare