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Viel Blech ist im morgendlichen Berufsverkehr von Berlin unterwegs.

Allianz pro Schiene

Verkehr verursacht horrende Kosten

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Die Allianz pro Schiene hat die Folgekosten des Verkehrs hochgerechnet. Herausgekommen ist die irre Summe von 149 Milliarden Euro pro Jahr, vor allem wegen der Unfälle auf den Straßen.

Die Stoßrichtung der Studie ist offensichtlich: „Eine verschleppte Verkehrswende ist viel teurer als ein mutiges Umsteuern“, sagt Dirk Flege, Geschäftsführer der Allianz pro Schiene. Das Verkehrsbündnis hat das Züricher Infras-Institut beauftragt, die finanziellen Lasten zu berechnen, mit denen der Verkehr hierzulande die Allgemeinheit belastet. Heraus gekommen ist die gigantische Summe von jährlich 149 Milliarden Euro. Das entspricht gut 40 Prozent des gesamten Bundeshaushalts.

Für Flege demonstriert diese Zahl „vor allem dem Klimakabinett den dringenden Handlungsbedarf im Verkehr“. Mit einer Verlagerung könnten der Klimaschutz und die Luftqualität verbessert sowie die Zahl der Unfälle drastisch gesenkt werden. Gemeint ist damit natürlich die Verlagerung auf die Eisenbahn.

Pkw, Lastwagen, Motorräder, Lieferwagen und Flugzeuge sind nach den Kalkulationen der Züricher Experten für fast 96 Prozent der gesamten Folgekosten des Verkehrs beim Klima verantwortlich, die Infras mit insgesamt knapp 27 Milliarden Euro pro Jahr berechnet hat. Wobei auf die Fliegerei nur ein ganz geringer Anteil entfällt. Allerdings wurden auch nur Inlandsflüge berücksichtigt. Zu bedenken gilt aber, dass bei diesen Zahlen eine maßgebliche Rolle spielt, dass über die Straßen auch der bei weitem überwiegende Anteil des Verkehrs abgewickelt wird. Bei der Beförderung von Personen sind es fast 90 Prozent, beim Transport von Gütern um die 70 Prozent.

Flege appelliert gleichwohl an das Klimakabinett, mit dem Status-Quo zu brechen: „Teuer ist nur ein Weiter-so.“ Das Klimakabinett tagt am 20. September. In dieser Sitzung sollen die Weichen für eine Bepreisung den Kohlendioxid-Emissionen im Wärmesektor und im Verkehr gestellt werden. Konkret läuft es auch darauf hinaus, Benzin und Diesel teurer zu machen. Die Details sind heftig umstritten. Dabei spielt eine wichtige Rolle, die Zusatz-Belastungen für Pendler über Ausgleichsmechanismen zu reduzieren. Zugleich ist aber offensichtlich, dass der Schienenverkehr die mit Abstand geringsten Folgekosten beim Klima erzeugt. Sie liegen laut Studie bei nur 171 Millionen Euro im Jahr.

Es gelte nun, Investitionen und Innovationen für Züge und Gleise „kraftvoll und verlässlich voranzutreiben“, betont Flege. Wobei die Allianz pro Schiene davon ausgeht, dass die Bedingungen für die Eisenbahnen noch erheblich günstiger werden. Denn der Lärm – ein enorm wichtiger Faktor im Schienenverkehr – werde durch das Einsatzverbot für laute Güterwagen, das vom nächsten Jahr an gelten soll, deutlich verbessert. Außerdem profitiere das Verkehrssystem vom Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen, da Lokomotiven überwiegend von elektrischer Energie angetrieben werden. Allerdings muss man dabei auch bedenken, dass sich mit der Elektromobilität für Pkw und Lieferwagen und irgendwann auch für schwere Laster der Straßenverkehr künftig einen deutlich größeren Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz leisten wird.

Beste Klimabilanz
Autos mit Erdgasantrieb sind nach einer Studie des ADAC derzeit am wenigsten klimaschädlich. Verglichen mit Benzin-, Diesel- und Elektroautos, die mit dem aktuell gültigen Strommix fahren, schneiden erdgasbetriebene Wagen demnach am besten ab, wenn man alle relevanten Energieaufwendungen über den gesamten Lebenszyklus des Pkw zusammenrechnet. Erst ein E-Auto mit 100 Prozent regenerativem Stromantrieb hätte eine deutlich bessere Klimabilanz als ein erdgasbetriebener Pkw, so der ADAC. In das Ergebnis flossen die Treibhausgasemissionen ein, die bei der Herstellung und beim Recycling der Fahrzeuge entstehen, sowie die Emissionen, die bei der Produktion, Bereitstellung und beim Verbrauch des Antriebsstoffes frei werden. dpa

Mehr Personenbeförderung und mehr Frachttransporte durch die Eisenbahn können aber auch erhebliche Zusatzeffekte zeitigen. Denn der mit weitem Abstand größte Posten in der Rechnung der Infras-Experten sind die externen Aufwendungen, die durch Unfälle entstehen. Und diese fallen zu mehr als 90 Prozent im Straßenverkehr an und machen jährlich etwa 61 Milliarden Euro aus. Diese enorme Summe kommt nicht durch zerbeultes Blech zusammen. Es geht um die Opfer des Straßenverkehrs. Getötete Menschen, Schwer- und Leichtverletzte. 2017, das ist das Bezugsjahr der Studie, wurden bei Crashs mit Pkw hierzulande 2527 Menschen getötet. Es gab etwa 310 000 Verletzte. In dieser Kategorie wird also versucht, in Geld auszudrücken, was an Belastungen durch medizinische Behandlungen, Produktionsausfälle, durch Verwaltungsaufwand und „Humankosten“ entstanden ist – letztlich geht es darum, einen Wert für Schmerz und Leid zu ermitteln, was unter Experten heftig umstritten ist. Es existieren dafür verschiedene Methoden, jede hat ihre Stärken und Schwächen. Entsprechend groß sind auch die Unterschiede der Berechnungen. Da kann es Differenzen um den Faktor vier bis fünf geben. Unter Berücksichtigung der Unfälle liegen die externen Kosten des Pkw-Verkehrs laut Infras-Studie aktuell bei 10,8 Cent pro Person und Kilometer. Der Eisenbahn-Personen-Verkehr kommt auf nur 3,2 Cent. Aber selbst wenn man den umstrittenen Faktor Unfälle komplett herausrechnet, liegen beim Pkw die Folgekosten immer noch höher als bei der Bahn.

Diese Schräglage macht auch deutlich: Der Pkw ist für seine Nutzer deshalb besonders günstig, weil ein überproportionaler Anteil der Kosten durch die Allgemeinheit getragen wird. So etwas schaffe finanzielle Fehlanreize zugunsten umwelt- und klimabelastender Verkehrsträger, so die Allianz pro Schiene. Dies würde auch erklären, warum mit dem Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre der Straßenverkehr überproportional stark gestiegen ist.

Hinzu kommt als weiterer entscheidender Vorteil der Kraftwagen ihre Flexibilität, wovon auch Spediteure profitieren. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) kritisiert denn auch die Studie: „Berechnungen der externen Kosten hängen stark von den gewählten Methoden und den jeweiligen Annahmen ab“. Vor allem müsse man aber bedenken, dass der Straßenverkehr dem Staat Einnahmen aus Steuern und Abgaben von jährlich mehr 50 Milliarden Euro bringe, die auch zur Abdeckung externer Kosten dienten. Flege verwies allerdings darauf, dass es an Untersuchungen mangele, die verlässlich aufschlüsselten, was der Staat für den Verkehr ausgebe und wie viel er aus dem Sektor einnehme.

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