Analyse

Verkehr: Kommunen müssen neue Konzepte entwickeln

  • schließen

Der Velo-Boom könnte die Verkehrswende voranbringen, wenn Fahrräder mehr Platz auf den Straßen bekämen.

So könnte die Zukunft des Radelns aussehen: In den Lenker ist der Bordcomputer integriert, der den Fahrer mit Echtzeitinformationen versorgt. Der Elektro-Motor leistet entweder 500 oder stolze 750 Watt. Die Macher des Modells „One“ vom Berliner Startup Calamus nennen ihr Produkt ganz unbescheiden „Ultrabike“. Es ist einer der Stars auf der Fahrradleitmesse Eurobike (4. bis 7. September) in Friedrichshafen. Das Ultrabike liegt im Trend. Im ersten Halbjahr sind 920 000 Elektrofahrräder hierzulande abgesetzt worden. Für das Gesamtjahr erwartet der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) 1,1 Millionen. Das entspräche einem Wachstum von zwölf Prozent. Der Velo-Boom, der mehr als ein Jahrzehnt währt, setzt sich fort. 

Inzwischen wird das Plus fast ausschließlich von den E-Rädern getragen. Wobei eine noch ganz kleine Nische mit einem Marktanteil von vier Prozent am stärksten zulegt : Die Lastenräder. Die Eurobike-Macher sprechen von einer „steilen Wachstumskurve“ – trotz gesalzener Preise, die zwischen 4000 und 8000 Euro pro Fahrzeug liegen. Aber sie sind in Städten extrem effizient, werden von Handwerkern und Paketdiensten eingesetzt, dienen als Familienkutschen, um die Kleinen in die Kita und die Schule zu bringen. 

Die sogenannte „Usability“ wird sich bei Cargo-Bikes und Normalrädern noch deutlich erhöhen. Räder werden mit Sensoren ausgerüstet, die ständig Daten über den Zustand des Vehikels und über die aktuelle Verkehrssituation sammeln und dadurch veritable Sicherheits-Assistenzsysteme ermöglichen: Beim Calamus One etwa überwachen Ultraschallsensoren den toten Winkel hinter dem Rad. Befindet sich dort ein Fahrzeug, vibrieren die Griffe spürbar, um den Fahrer zu warnen. E-Hilfsmotoren und Batterien werden überdies kleiner und zugleich leistungsstärker. Theoretisch sind die Voraussetzungen ideal, um mittels Fahrrad die Verkehrswende voran zu bringen, um Staus und Emissionen zu reduzieren und die Lebensqualität in Städten zu erhöhen. 

Aber trotz Innovationen und viel euphorischer PR zur Eurobike ist zu erkennen, dass sich die Wachstumskurve in der Velobranche spürbar abflacht. Dem prognostizierten Absatzplus von zwölf Prozent für 2019 bei den E-Bikes steht ein Zuwachs von 36 Prozent im Vorjahr gegenüber. Zudem gingen die Verkäufe von konventionellen Rädern im ersten Halbjahr sogar leicht zurück. Insgesamt wurden in den sechs Monaten 3,2 Prozent mehr Räder verkauft. Im vergangenen Jahr lag das Plus noch bei 8,6 Prozent. War das nur ein zwischenzeitlicher Durchhänger wegen gedämpfter Kauflust aufgrund teils kühler Tage im Frühjahr?

Oder werden die unbestrittenen Potenziale des Radverkehrs nicht besser ausgeschöpft, weil es an sicheren und bequemen Wegen mangelt: Vieles spricht für diese These, die zunehmend vehementer von Umweltschützern und alternativen Verkehrsclubs vertreten wird. Sie fordern, in Großstädten separate breite Fahrradstraßen anzulegen und die Straßenverkehrsordnung zu Gunsten der Zweiräder zu reformieren. Schließlich wird sich der Kampf um Verkehrsraum durch die Elektro-Tretroller noch zuspitzen, die seit einigen Wochen in den Städten unübersehbar präsent sind. Kommunen müssen neue Konzepte entwickeln. Zweiräder brauchen mehr Platz, und der muss den Autofahrern weggenommen werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare