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Küken im Stall einer deutschen Hähnchenmästerei.

Welternährungstag

Verheerende Folgen des Fleischkonsums

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Die Massenproduktion von Billigfleisch hat dramatische Folgen für Mensch und Umwelt - besonders in Südamerika, wo 80 Prozent des europäischen Tierfutters angebaut werden.

„Aus deutschen Landen frisch auf den Tisch“ –  das Markenzeichen, das sich die deutsche Agrar- und Ernährungsindustrie patenrechtlich hat schützen lassen, signalisiert Regionalität, kurze Transportwege und höchste Qualitätsstandards. Zumindest für unser täglich Fleisch gilt allerdings das Gegenteil: Internationalität, lange Strecken und verheerende Folgen für Mensch und Umwelt.

Tierfutter muss importiert werden

Denn das Futter, mit dem deutsche Landwirte Schweine, Rinder und Hühner mästen, muss zu großen Teilen importiert werden. Nur etwa 20 Prozent der Eiweißpflanzen für die europäische Tierzucht wachsen auf Äckern in der EU, satte 80 Prozent auf Flächen in  Südamerika. Nach Angaben des Verbandes der ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland führte die EU im Jahr 2011 rund 35 Millionen Tonnen Sojabohnen und Sojaschrot ein – den Löwenanteil davon aus  Brasilien, Uruguay, Argentinien und Paraguay. Allein für die Sojaimporte beansprucht die EU-Landwirtschaft im Süden die dreifache Fläche, die in Deutschland insgesamt beackert wird.

„Unser Konsumverhalten geht auf Kosten anderer Menschen und unserer Umwelt“, warnt deshalb jetzt der für das katholische Hilfswerk Misereor zuständige Bischof Werner Thissen. Anlässlich des bevorstehenden Welternährungstages am 16. Oktober ruft Thissen dazu auf, den eigenen Konsum kritisch zu überdenken und bewusst weniger Fleisch zu essen.

Massenproduktion von Fleisch

Die Massenproduktion von Schweinefleisch zu Billigpreisen hierzulande  habe dramatische Auswirkungen für Menschen in Südamerika, erklärte Thissen. „Die Flächen, die wir im Süden für den Sojanbau nutzen, führen zur Verdrängung bäuerlicher Familienbetriebe.“ Beispiel Paraguay: In dem südamerikanischen Land bauen Groß-Farmer auf mittlerweile 73 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche Exportsoja an. Der Mehrheit der Paraguayer, so Misereor, fehlt aber Land, um sich ernähren zu können. Immer wieder berichteten Partner des katholischen Hilfswerkes von gewaltsamen Übergriffen, von einer „Sojafront“, die die Kleinbauern vor sich hertreibt, ihnen ihre Parzellen und damit ihre Existenzgrundlage nimmt.

Die Folgen des Sojaanbaus für den europäischen Fleischkonsum sind verheerend: Für die Futterpflanzen werden die brasilianische Waldsavanne, argentinische Nebelwälder und der atlantische Regenwald in Paraguay gerodet. „Der weltweit wachsende Appetit auf Fleisch bedroht diese Schatzkammern der Artenvielfalt“, warnt der WWF. In Brasilien, Argentinien und Paraguay sind laut WWF bereits mehr als  30  Prozent der gesamten Sojaanbaufläche nur für den Export in die EU bestimmt.

Politik muss Fleischverzicht unterstützen

Die riesigen Soja-Monokulturen haben dabei noch weitere Folgen für die Umwelt: Der massive Einsatz von Pestiziden vergiftet die Böden und Gewässer und bedroht die Gesundheit der lokalen Bevölkerung. „Unser Fleischkonsum hat also direkt etwas mit der Situation von Millionen hungernder Menschen in der Welt zu tun“, sagt Bischof Thissen, Leiter der  Kommission für Entwicklungsfragen der deutschen Bischofskonferenz. „Wenn wir bewusst ein oder zweimal die Woche auf Fleisch verzichten und uns nach Möglichkeit  mit regional produzierten Produkten versorgen, unterstützen wir hier bei uns eine bäuerliche, nachhaltige Landwirtschaft. Gleichzeitig tragen wird dazu bei, dass die Hungernden eine größere Überlebenschance bekommen.“

Mit dem privaten Verzicht allein ist es nach Ansicht des Hamburger Bischofs  aber nicht getan. Er müsse unterstützt werden von politischen Weichenstellungen. „Misereor fordert daher von der Politik, dass Regeln und Anreize geschaffen werden, die zu einer Abkehr von der industriellen Massentierhaltung führen.“ Die Aufzucht von Tieren müsse dabei wieder stärker an die zur Verfügung stehende landwirtschaftliche Fläche hierzulande gekoppelt werden.

Von einer pauschalen Forderung nach Fleischverzicht hält der Deutsche Bauernverband (DBV) indes nichts. Hilfswerke wie Misereor sollten sich stärker für demokratische Verhältnisse in südamerikanischen Ländern einsetzen, damit Kleinbauern das Recht auf Land und der Zugang zu Kleinkrediten eröffnet werde. sagte DBV-Sprecher Michael Lohse unserer Zeitung. „Da versagen die kirchlichen Hilfsorganisationen aber.“

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