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Den oberen zehn Prozent der Haushalte gehören etwa zwei Drittel aller Vermögen. 40 Prozent der Haushalte haben kein Vermögen oder Schulden.

Erbschaften

Vererbte Ungleichheit

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Erbschaften und Schenkungen sind auf Rekordniveau. Doch nur knapp die Hälfte aller Deutschen erbt überhaupt etwas. Die Analyse.

Bei der Auswahl seiner Eltern kann man nicht vorsichtig genug sein – diese Lebensweisheit bewahrheitet sich auch bei den Vermögen: Erbschaften und Schenkungen in Deutschland erreichten im vergangenen Jahr mit 108,8 Milliarden Euro wieder das Rekordniveau von 2014, meldet das Statistische Bundesamt. Doch die tatsächlichen Summen sind viel höher. Der Staat erhält davon nur einen Bruchteil. Die großen Erbschaften lassen die Ungleichheit in Deutschland anwachsen.

2016 wurden laut Statistischem Bundesamt 43,6 Milliarden Euro vererbt, fast 16 Prozent mehr als im Vorjahr. Dabei handelte es sich vor allem um Wertpapiere und Bankguthaben. Steuerpflichtig waren davon auf Grund von Freibeträgen und Steuervergünstigungen und anderen Abrechnungen nur rund 60 Prozent. Die Erbschaftsteuereinnahmen beliefen sich mit 5,7 Milliarden Euro auf 13 Prozent des geerbten Volumens.

Nur 18 Prozent der Schenkungen waren steuerpflichtig

Noch krasser waren die Verhältnisse bei den Schenkungen, die sich auf 65,2 Milliarden Euro summierten, über die Hälfte davon Betriebsvermögen. Steuerpflichtig waren davon nach Berechnungen der Statistiker lediglich knapp 18 Prozent. Die festgesetzte Schenkungsteuer betrug nur 1,7 Prozent des verschenkten Vermögens. Beides, Erbschaften und Schenkungen, addiert, belief sich die Steuerbelastung auf schmale 6,3 Prozent.

Die von den Statistikern genannten Zahlen dürften aber nur einen kleineren Teil des gesamten übertragenen Vermögens ausmachen. Denn das Bundesamt weist nur die steuerlich veranlagten Fälle aus. Über den größten Teil der Erbfälle ist wegen der hohen Freibeträge nichts bekannt. Zudem weiß niemand, wie viel an steuerlich begünstigte Organisationen wie Parteien und Kirchen übertragen wird. „Es werden somit nur die steuerlich geltend gemachten, in der Regel hohen Vermögensübertragungen erfasst oder diejenigen, bei denen kein enges Verwandtschaftsverhältnis vorliegt und die Freibeträge relativ gering sind“, stellt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) fest. Nach Schätzungen des Instituts liegen die realen Übertragungen pro Jahr in der Gegend zwischen 250 und 400 Milliarden Euro.

DIW rät zur Prüfung

Das DIW rät dazu, die Freibeträge und Steuerprivilegien für Unternehmensvermögen auf den Prüfstand zu stellen. Dafür stark machen sich SPD, Linke und Grüne, dagegen sind FDP und CDU. Die AfD will die Erbschaftsteuer abschaffen. 

Eine Neuordnung der Steuer könnte allerdings dazu beitragen, die Ungleichheit bei der Vermögensverteilung zu verringern, die in Deutschland so hoch ist wie in keinem anderen EU-Land. Den oberen zehn Prozent der Haushalte gehören etwa zwei Drittel aller Vermögen. 40 Prozent der Haushalte haben kein Vermögen oder Schulden. Nur knapp die Hälfte aller Deutschen erbt überhaupt etwas, die andere Hälfte geht leer aus. 

Diese Ungleichheit wird fortgeschrieben. Kinder aus reicheren Haushalten haben bessere Bildungschancen, verdienen später mehr und erhalten zusätzlich noch höhere Erbschaften. Und diese Erbschaften werden in Deutschland sehr gering besteuert, insbesondere wenn es um die Übertragung von Unternehmen geht. Das DIW schlägt eine einheitliche Besteuerung aller Erbschaften oberhalb bestimmter Freibeträge vor, wobei eine Substanzbesteuerung von Familienunternehmen jedoch vermieden werden soll.

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