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Ein Streik-Transparent vor dem Logistik-Center des Online-Versandhändlers Amazon in Bad Hersfeld.
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Ein Streik-Transparent vor dem Logistik-Center des Online-Versandhändlers Amazon in Bad Hersfeld.

Streiks bei Amazon

Verdi erhöht Druck auf Amazon

  • VonStefan Sauer
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Erst Recht zur Weihnachtszeit: Mit Streiks im Weihnachtsgeschäft will Verdi die Unternehmensführung des Versandhändlers Amazon an den Verhandlungstisch zwingen.

Der Zeitpunkt ist sehr gut gewählt oder auch ganz schlecht, das Urteil hängt vom Standpunkt ab.  Für den weltweit größten Versandhändler Amazon kommen die Arbeitsniederlegungen, zu denen die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi am Montag in den Logistik-Zentren Bad Hersfeld und Leipzig aufrief, zur Unzeit.  Das Vorweihnachtsgeschäft ist längst angelaufen, die Zahl der Bestellungen erreicht Jahreshöchststände,  man ist auf reibungslosen Betrieb angewiesen. Eben deshalb hat Verdi nun erneut zum Ausstand aufgerufen, um die Geschäftsleitung von Amazon an den Verhandlungstisch zu – nun ja- zwingen. Immerhin schwelt der Konflikt bereits seit April, bereits an 14 einzelnen Tagen legten Amazon-Beschäftigte die Arbeit nieder, am Montag waren es allein am Standort Bad Hersfeld nach Gewerkschaftsangaben rund 600.

Im Kern geht es um die Frage, was Amazon eigentlich ist. Das US-Unternehmen, das 2012 bereits 6,4 Milliarden Euro in Deutschland umsetzte und damit seit 2010 um 60 Prozent zulegen konnte, bestreitet die Zuständigkeit von Verdi rundheraus und empfindet gewerkschaftliche Anliegen nach Tariflöhnen als unbotmäßige Einmischung. Eine aktuelle Stellungnahme des Unternehmens war am gestrigen Montag nicht zu erhalten, aber die Positionen sind bekannt:  Amazon verweist stets darauf,  dass die Löhne im Vergleich zu anderen Logistikunternehmen hoch seien. Zudem sei Amazon kein klassischer Versandeinzelhändler, weshalb man die Gewerkschaftsforderung nach einer Übernahme des hessischen Tarifvertrags für den Versandeinzelhandel als unangemessen ablehne.

Verdi dagegen macht geltend, dass Amazon selbstverständlich dem Wesen nach ein Handelsunternehmen sei, das seine jahresdurchschnittlich knapp 10 000 Mitarbeiter entsprechend zu entlohnen habe. Es gebe nun einmal „keinen Versandhändler, der ohne logistische Tätigkeiten auskommt“, sagt Verdi-Sprecher Heiner Reimann, „aber deshalb bleibt es doch ein Unternehmen Handelskonzern“. Immerhin bediene sich Amazon doch selbst logistischer Dienstleister wie etwa der Post.  Daher müsse der Einzelhandelstarif auch für die Amazon-Belegschaft gelten. Immerhin liege der Tarif in der niedrigsten Lohngruppe für Ungelernte mit 11,69 um 10 Prozent über denen bei Amazon gezahlten Normallöhnen.  Das tarifliche Weihnachtsgeld von mindestens 1250 Euro übersteige die von Amazon gewährten 400 Euro um mehr als das Dreifache.

Wobei Reimann einräumt, dass Amazon in den letzten zwei Jahren einiges getan hat, um das Image des Arbeitnehmerrechte schliefenden Wüstlings los zu werden. So stiegen die Löhne seit 2011 um 17 Prozent, zuletzt am 1. September  auf immerhin 10,01 Euro, Weihnachtsgeld werde überhaupt zum ersten Mal gezahlt. „Die machen das ganz geschickt, um uns den Wind aus den Segeln zu nehmen“, sagt der Gewerkschafter.

Nur 45 Prozent der Arbeiter im Tarifvertrag

Dies gilt umso mehr, als dass die Stellung der Gewerkschaften im Einzelhandel allgemein und bei Amazon im besonderen nicht die stärkste ist. Im Einzelhandel sind nur noch 45 Prozent der Beschäftigten in tarifgebundenen Unternehmen beschäftigt, ne bei Amazon in Bad Hersfeld ist nur ein Fünftel der Beschäftigen gewerkschaftlich organisiert. Hinzu kommt, dass Amazon stets in der Vorweihnachtszeit mehrere tausend Hilfskräfte zusätzlich einstellt, die an Arbeitskampfmaßnahmen kein Interesse haben. „Die haben befristete Verträge, die teils am 24. Dezember, teils am 31. Januar auslaufen“, sagt Neumann. 

Aus genau diesem Grund dürften sich die konkreten Auswirkungen auf den Versand auch in Grenzen halten. „Wir werden den Betrieb aufhalten, auch an anderen Standorten, aber lahm legen werden wir ihn nicht“, weiß der Gewerkschafter. Zudem habe Amazon in Erwartung des Streiks bereits vor Tagen damit begonnen, Ressourcen von Bad Hersfeld und Leipzig in andere Standorte zu verlagern, um die einen möglichst reibungslosen Betrieb fortführen zu können.

Gleichwohl, die Kampfeslust unter den Gewerkschaftsmitgliedern ist laut Verdi ungebrochen. Die Streiks könnten auf andere Standorte ausgedehnt werden und auch im Advent stattfinden, heißt es. Und sie könnten sich im Erfolgsfall sehr wohl für die Belegschaft auszahlen, wenn etwa das Gehaltsniveau des weltweit zweitgrößter Versandhändlers, der Otto Group, erreicht würde.  Amazons größter Konkurrent mit weltweit 53 000 Mitarbeitern unterwirft sich nämlich seit Jahren dem Einzelhandelstarifvertrag – und bezahlt mittlerweile sogar mehr. Das Credo der Hamburger lautet: Gut bezahlte Mitarbeiter sind motivierte Mitarbeiter und die nützen dem Unternehmen.

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