Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Dem Gutachten der Bundesregierung zufolge soll es einen Biomasse-Boom geben. Experten bezweifeln das.
+
Dem Gutachten der Bundesregierung zufolge soll es einen Biomasse-Boom geben. Experten bezweifeln das.

Energie

Verblüffender Biomasse-Boom

  • VonJakob Schlandt
    schließen

Bisher interessiert am Energiegutachten der Bundesregierung vor allem die Atom-Frage. Doch der eigentliche Knüller ist die Biomasse. Hier fällen Experten ein vernichtendes Urteil über das Gutachten.

Das Energiegutachten für die Bundesregierung wird bislang vor allem nach seiner Einschätzung der umstrittenen Laufzeitverlängerung für Atommeiler bewertet. Das Anfang der Woche vorgestellte Papier, dessen Vorschläge vom Bundeswirtschaftsministerium als „Pfade in die Energiezukunft“ bezeichnet werden, erhält allerdings abseits dieser Frage vernichtende Einschätzungen von Experten. Der Grund: Biomasse soll der Studie nach zum größten Energielieferanten Deutschlands aufsteigen.

Der Biomasse-Anteil am gesamten Energieverbrauch soll von derzeit gut fünf Prozent auf knapp 30 Prozent drastisch zulegen. Weil gleichzeitig der Energieverbrauch sinkt, entspricht das einer Verdreifachung der Nutzung. In allen Ziel-Szenarien des Gutachtens wird so erreicht, dass Deutschland 2050 ohne Atomstrom auskommt und der Kohlendioxid-Ausstoß rund 85 Prozent unter dem Niveau von 1990 liegt, um die Klimaschutzziele zu realisieren. Die Studie der Institute EWI, GWS und Prognos geht aber nur von einem langsamen Ausbau erneuerbarer Stromquellen wie Wind- und Sonnenkraft aus. Der Ausbau der Windenergie an Land etwa wird demzufolge ab 2020 nahezu zum Erliegen kommen.

Insbesondere im Verkehrssektor setzt die Bundesregierung stattdessen offenbar voll auf Treibstoffe vom Acker. Dort soll der Anteil von Biokraftstoffen am gesamten Spritverbrauch auf 85 Prozent steigen. Elektromobilität und Wasserstoff-Nutzung im Verkehr sollen zwar zunehmen, spielen aber nur eine untergeordnete Rolle.

Die enorme Steigerung der Biomasse-Nutzung würde fast alle bisher vertretenen Annahmen außer Kraft setzen. So galt auch in Untersuchungen des Bundesumweltministeriums ein Gesamtertrag von etwa 1 200 Petajoule pro Jahr in Deutschland als erreichbar. Darin sind nicht nur Energiepflanzen und Holznutzung enthalten, sondern auch eine rigorose Resteverwertung von Abfällen aus der Landschaftspflege und Siedlungsmüll. Das Gutachten geht jedoch von einer deutschen Biomassenutzung von 2 200 Petajoule im Jahr 2050 aus. Darüber hinaus sind laut dem Gutachten riesige Biomasse-Importe nötig, die etwa ein Fünftel des Bedarfs decken sollen.

Die Kritik an diesem Vorhaben fällt harsch aus: „Dieser massive Ausbau dürfte mit einer nachhaltigen Nutzung von Biomasse kaum zu vereinen sein“, sagte Claudia Kemfert, Energieexpertin des Wirtschaftsinstituts DIW. Vor allem im Verkehr werde von „enormen“ Zuwächsen ausgegangen – statt die Elektromobilität stärker einzuplanen oder Überschüsse aus Wind- und Sonnenkraft für die Erzeugung von Wasserstoff für Fahrzeuge zu nutzen.

Jürgen Schmid, Institutsleiter beim Fraunhofer Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik, sagte, ein derartiges Ziel „wird unsere gesamten landwirtschaftlichen Strukturen verändern“. Eine weitere Folge sei ein „gewaltiger Konflikt mit der Nahrungsmittelproduktion“.

Beim Umweltverband BUND fällt das Urteil ebenso negativ aus: „Das ist nicht sinnvoll“, sagte Energieexperte Thorben Becker. „Man kann die Bioenergie ohne Zweifel ausbauen, aber nicht einmal ansatzweise in dieser Größenordnung.“

Die Skepsis eint Kritiker unterschiedlichster Couleur. Manuel Frondel, Leiter des Bereichs Umwelt und Ressourcen beim Forschungsinstitut RWI, hält die frühzeitige Abschaltung von Atomkraftwerken für eine Vernichtung von Volksvermögen. Damit steht er in dieser Frage auf der Seite der Bundesregierung, die Laufzeitverlängerungen anstrebt.

Auch er hält aber die drastische Ausweitung der Biomasse-Produktion für „völlig unrealistisch, sie liegt weit jenseits dessen, was ökonomisch und ökologisch verträglich sein kann“. Erfahrungen aus den USA mit der dortigen Ethanolproduktion bewiesen, dass das ganze Preisniveau nach oben verzerrt werde. Es sei besonders „schwerwiegender Unsinn“, sich auf Biosprit für den Verkehr zu konzentrieren. Wünschenswert sei hingegen eine stärkere Diversifizierung, bei der verschiedene Antriebstechnologien wie Elektromobilität und unterschiedliche Kraftstoffe wie Erdgas oder Mineralölprodukte zum Zuge kommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare