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Vegane Kondome, Seepferdchen-Vibrator

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Von: Eckhard Stengel

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Spaßmacher in allen Formen und Farben: Eine Passantin bestaunt das Sexspielzeug in der Auslage eines Fun-Factory-Ladens.
Spaßmacher in allen Formen und Farben: Eine Passantin bestaunt das Sexspielzeug in der Auslage eines Fun-Factory-Ladens. © imago/Sebastian Widmann

Vor 20 Jahren gründeten zwei Bremer die Fun Factory – und stießen damit einen Kulturwandel im Geschäft mit Sexspielzeug an. Richtig gut läuft es, wenn gerade Bestseller wie „50 Shades of Grey“ erschienen sind.

An einem Küchentisch fing alles an. Es war der Küchentisch von Dirk Bauer. Der Bremer Diplom-Ingenieur und sein Studienfreund Michael Pahl versuchten sich dort an einem delikaten Rezept. Die Zutaten: nicht Mehl, Zucker und Zimt, sondern Knete, Tonmasse und Silikon. Stundenlang tüftelten sie damit herum, dann war ihre Kreation endlich fertig: ihr erster selbst entworfener Dildo, eine Art Pinguin. Bauers Frau verkaufte das gute Stück anschließend in ihrem Erotikshop.

Zwei Jahrzehnte ist das jetzt her, und in dieser Zeit hat sich bei Bauer und Pahl viel getan: Sie haben aus dem Nichts einen der größten Sexspielzeug-Hersteller Europas erschaffen, die Fun Factory, mit einer Jahresproduktion von etwa einer Million Artikeln. Und alles „Made in Germany“, direkt vom Weserufer. Kein Billigkram aus Fernost, sondern mehrfach designpreisgekrönte Markenware.

„Wir haben Innovationen auf den Markt gebracht, die später von anderen übernommen wurden“, sagt Hauptanteilseigner und Geschäftsführer Bauer (50), während er mit seinem Kompagnon und Technikentwickler Pahl (49) in dessen werkstattähnlichem Büro sitzt. Innovationen wie diese: bunte Farben, fröhliche Formen, wiederaufladbare Vibratorakkus, körperfreundliches Silikon frei von Schadstoffen und Allergieauslösern.

Als angehende Elektrotechnik-Ingenieure hatten die beiden eigentlich einen anderen Lebensweg angepeilt. Doch dann gründete Bauers damalige Gattin Mitte der 1990er Jahre einen Erotikladen für Frauen. Was damals nicht so einfach war, denn die meisten Sexartikel wurden aus Männersicht konstruiert.

Eines Tages fragte ein lesbisches Paar nach einem Dildo, der weder penisförmig noch fleischfarben sein sollte. Der fehlte im Sortiment. Die beiden Ingenieure sahen das als Herausforderung. „Wir hatten null Ahnung davon“, erzählt Bauer. Aber da einem Ingenieur bekanntlich nichts zu schwör ist, glückte schließlich das Erstlingswerk am Küchentisch, der Pinguin, der auch heute noch zur Kollektion gehört, in eisblau.

Das machte Lust auf mehr. Bauer: „Wir haben uns neue Modelle überlegt und gebaut, sind dann mit einem VW-Bus auf schwul-lesbische Feste gefahren und haben dort einen kleinen Stand aufgebaut.“ Nach und nach gewannen die beiden auch außerhalb Bremens anspruchsvollere Sexshops als Kunden hinzu.

Die Küche wurde bald zu klein, es mussten eigene Räumlichkeiten her. 1996 gründeten Bauer und Pahl offiziell ihre Spaßfabrik, die Fun Factory (FF). Ihr erster Großauftrag: 2400 Liebeskugeln für Norwegen. Das sprengte alle Kapazitäten und ließ die Firma weiter wachsen. Heute beschäftigt sie insgesamt 150 Menschen am Hauptsitz, in drei deutschen FF-Shops und bei einer 2003 gegründeten US-Tochterfirma.

Wer bei Erotikunternehmern an halbseidene Typen denkt, liegt bei Bauer und Pahl völlig falsch. Die beiden Pulli- und Jeansträger mit Dreitagebart sind ganz normale Familienväter und betreiben ihre Firma mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte es nie prüdere Zeiten gegeben – Zeiten, in denen Sexzubehör noch verschämt mit dem Etikett „Ehehygiene“ versehen wurde.

Werden sie denn gar nicht angefeindet? „Wir wurden schon mal aufgefordert, uns Gott zuzuwenden“, erzählt Bauer. „Aber sowas passiert relativ selten.“

Von Anfang an verfolgten die beiden Gründer ihre eigene Mission: „Wir wollten Sex Toys aus der Schmuddelecke herausholen – hin zu einem Lifestyle-Produkt.“

Mission gelungen. Die Ästhetik der Fun Factory hat die Branche mitgeprägt. Inzwischen eifern ihr viele nach – auch im Handel. Typisch für Fun Factory sind nicht nur die Produkte, sondern auch die Verkaufsläden, die seit 2006 in Berlin, Bremen und München entstanden sind. Nicht in Rotlichtvierteln, sondern in belebten Geschäftsstraßen. Die Einrichtung mit viel Glas, entworfen vom US-Stardesigner Karim Rashid, erinnert an elegante Parfümerien. Und ein bisschen an Telefonläden: Dildos und Vibratoren stehen aufgereiht nebeneinander, als wären es Handymodelle. Sogar vegane Kondome gibt es hier, ausnahmsweise keine Eigenproduktion.

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120 eigene Artikel haben die Fun-Factory-Gründer inzwischen im Angebot. Vom Männer-Masturbator „Cobra Libre“ bis zu einem Vibrator, der einem Seepferdchen ähnelt. An diesem Lustspender für 99,90 Euro haben die FF-Entwickler besonders lang herumgetüftelt. „Wie masturbiert eine Frau?“, fragten sie sich, und heraus kam jenes S-förmige Gebilde, das den Eindruck macht, als wäre dafür eine Gebrauchsanweisung nötig. Aber die Bremer Designer wissen angeblich genau, was Frauen wünschen.

Die jüngste Kreation: ein Dildo mit innerem Kanal. „Zum Einspritzen von Flüssigkeiten“, sagt Bauer zurückhaltend. Zu Deutsch: für lesbische Frauen, die sich lustvoll befruchten lassen wollen.

Alles Neue wird zunächst getestet, „von erfahrenen Menschen aus dem näheren Umfeld und von absoluten Beginnern“, wie Bauer sagt. Vor Jahren suchte die Firma neue Testpersonen per Zeitschriftenkleinanzeige. Die Zuschriften kamen waschkörbeweise.

Den größten Teil ihres 16-Millionen-Umsatzes macht die Spaßfabrik, indem sie ihre Eigenkreationen an Sexshops und Onlinehändler in aller Welt verkauft, darunter Beate Uhse, Orion, Amorelie und EIS. So landen die FF-Artikel in mehr als 90 Ländern. Auch in streng muslimischen? „Nein. In Saudi-Arabien wäre das illegal“, antwortet der Chef.

Und wer gönnt sich das teure Vergnügen? Mehr Frauen als Männer, etwa gleich viele Singles wie Paare, die meisten 25 bis 40 Jahre alt.

Das Ganze ist ein Saisongeschäft: Im Winter wird mehr umgesetzt als im Sommer. Richtig gut läuft es, wenn gerade Bestseller wie „50 Shades of Grey“ erschienen sind. Die ganze Branche freut sich schon auf den Fortsetzungsfilm.

Zurzeit geht es in der Fabrik am Weserufer eher ruhig zu. Im ersten Stock sitzt die Produktion in einem vielleicht 300 Quadratmeter großen Raum. Hier finden im Minutentakt „Hochzeiten“ statt: In der einen Ecke basteln Frauen aus Drähten, Platinen, Tasten, Minimotoren und Akkus die Bedienteile für Vibratoren, während in einer anderen Ecke die Ummantelungen aus medizinischem Silikon gegossen werden; am Ende fügt ein Arbeiter Inneres und Äußeres zusammen und verklebt die Teile wasserdicht. „Hochzeit“ nennt man das hier, wie im Autobau die Vereinigung von Fahrwerk und Karosserie. Die fertigen Lustmacher werden dicht an dicht in offene Transportkisten gestellt und sehen dann aus wie eine Horde neugieriger Erdmännchen.

Die meisten Vibratorummantelungen werden von einem Automaten Marke Eigenbau geformt. Dagegen sind unmotorisierte Dildos noch Handarbeit. Und reine Männersache. An diesem Vormittag sind Kolja Breithaupt (25) und Philipp Weichelt (38) dafür zuständig, ein zähflüssiges Gemisch aus zwei Silikonkomponenten in runde Metallformen abzufüllen. Wie bei einem Zweikomponentenkleber muss die Masse ein paar Minuten aushärten, bis sie aus der Form gezogen wird. „Plopp“ macht es, und fertig ist „The Boss Dildo“, heute mal ganz in Schwarz. Nebenan steht Michael Stauber an einer Werkbank. Der 47-Jährige mit Zottelbart und Baseballmütze wollte mal Bankkaufmann werden, aber jetzt füllt er Silikon in eine zweiteilige Form, die in einem Schraubstock steckt. Heraus kommen Doppeldildos in Lila. Weiter hinten steht eine Kiste mit einem Haufen schwarzer Vibratorummantelungen. Von weitem sehen sie aus wie Schläuche in einer Autowerkstatt. Manchmal ist das Erotikgeschäft ganz schon unerotisch.

Wer hier arbeitet, sollte keine falsche Scham kennen. Zumindest den Männern in der „Gießerei“ (so heißt die Abteilung tatsächlich) ist es überhaupt nicht peinlich, dass sie mit künstlichen Penissen ihr Geld verdienen. Bei Gesprächen im Bekanntenkreis sei das sein Lieblingsthema, sagt Kolja Breithaupt, der Zeitarbeiter mit den Rastalocken, und lässt den nächsten Dildo aus der Form ploppen. Auch Michael Stauber, der Mann am Doppeldildo-schraubstock, scheint seinen Job zu lieben: „In welchem Beruf kann man schon von sich behaupten, dass man jeden Tag so viele Menschen glücklich macht?“

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