+
Vaude-Modenschau bei der Helsinki Fashion Week 2018.

Vaude

„Unsere Produkte sollen lange genutzt werden“

  • schließen

Vaude-Chefin Antje von Dewitz über Verantwortung für die Lieferkette, Reißverschlüsse aus Rizinusöl und Reparatur-Videos für Kunden.

Der Outdoorspezialist Vaude setzt auf Nachhaltigkeit. Chefin Antje von Dewitz achtet darauf, dass sie das Familienunternehmen nach ökologischen und sozialen Zielen leitet. Nicht nur am Sitz der Firma in der Nähe des Bodensees, auch bei den Produzenten in Vietnam oder China. Dewitz will giftige Stoffe minimieren und dafür sorgen, dass die Produkte möglichst lange halten. Im Interview verrät sie, wie das funktioniert, ob die Kunden draufzahlen müssen und was man aus Kuhmilchresten herstellen kann. 

Frau von Dewitz, sind Sie eher eine Couchpotato oder lieber draußen unterwegs?
Es ist das Schönste für mich, in der Natur unterwegs zu sein. Ich liebe es, fremde Landschaften zu erwandern oder mit dem Rad zu entdecken.

Müssen auch Ihre Angestellten Outdoorfans sein?
Ich glaube, die meisten Mitarbeiter sind es. Und die anderen werden angesteckt. Es ist schon hilfreicher, wenn sie eine Leidenschaft in sich haben. Meine Theorie ist, sie muss nur geweckt werden. Was unsere Mitarbeiter und Kunden gleichermaßen antreibt, ist, unberührte Natur zu erleben und aufzutanken.

Sie haben Vaude 2009 von ihrem Vater übernommen, war es schon immer Ihr Wunsch, in seine Fußstapfen zu treten?
Damit habe ich mich schon früh auseinandergesetzt. Als Unternehmertochter wurde ich ständig gefragt, ob ich mal Papas Firma übernehme. Aber ich hatte früher eher den Wunsch, meinen Beitrag zu leisten, um die Welt zu retten – auch wenn sich das pathetisch anhört. Während meines Studiums habe ich viele Praktika gemacht, in Umwelt- und Frauenrechtsorganisationen – und ganz zum Schluss bei meinem Vater im Unternehmen. Dort hatte ich ein Aha-Erlebnis: Dass wenn ich etwas bewegen und Verantwortung übernehmen möchte, hier mein Platz ist.

Haben Sie in der Firma viel verändert?
Die Wurzel ist die Gleiche geblieben. Schon vorher gab es tolle Umwelt- und Recyclingprojekte, die ihrer Zeit, zum Beispiel 1994 ein Recycling-Netzwerk, weit voraus waren. Die große Veränderung war, ganzheitlich Verantwortung zu übernehmen – in allen Bereichen. Auch entlang der globalen Lieferkette, bis hin zum einzelnen Materiallieferanten. Und alles darauf auszurichten, dass das Unternehmen nach sozialen, ökologischen und finanziellen Zielen geleitet wird. Wir haben außerdem mehr Verantwortung auf die Mitarbeiter übertragen und einen anderen Führungsstil und eine neue Kultur etabliert, um das überhaupt stemmen zu können.

Sie hatten sich das hohe Ziel gesetzt, das Unternehmen bis 2015 zum nachhaltigsten Outdoor-Ausrüster in ganz Europa zu machen und haben das auch erreicht. Wie?
Die Textilindustrie ist eine der schmutzigsten Branchen, die viel Chemie einsetzt und einen hohen Wasser- und Ressourcenverbrauch hat. Deshalb haben wir ein eigenes Label eingeführt, das auf den höchsten Umweltstandards basiert, die im Textilbereich existieren. Mit dem Green Shape Label zeichnen wir unsere umweltfreundlichen und fair hergestellten Produkte aus, die diese Anforderungen erfüllen. Das sind heute 98 Prozent bei Bekleidung, in der gesamten Kollektion fast 80 Prozent. Wenn ich zurückdenke, vor zehn Jahren hätte ich mir das nicht träumen lassen. Wir sind zwar ein mittelständisches Familienunternehmen, aber unsere Lieferkette ist sehr komplex. Zu dem Zeitpunkt haben wir mit rund 60 Produzenten und 150 Materiallieferanten weltweit zusammengearbeitet. Da in die Tiefen runterzusteigen und sicherzustellen, dass alles ökologisch ist, und giftige Zusatzstoffe zu ersetzen, das ist und war ein Riesenaufwand.

Aber das ist noch nicht alles, was Sie tun?
Gleichzeitig sind wir Mitglied bei der Fair Wear Foundation, der meiner Meinung nach beste und strengste Sozialstandard zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie weltweit. Die teilnehmenden Hersteller werden jedes Jahr bewertet, inwieweit sie den Verpflichtungen nachkommen. Das zu pflegen ist sehr ressourcenintensiv, etwa wenn es darum geht, in allen Produktionsstätten Schritt für Schritt gute Arbeitsbedingungen zu etablieren. Diese sind im Outdoorbereich allerdings schon bisher auf einem relativ hohen Standard und nicht mit dem zu vergleichen, was man aus Bangladesch kennt. Das liegt vor allem daran, dass es um technische Produkte geht und Mitarbeiter, die an hochwertigen Maschinen arbeiten. Kinderarbeit ist in unserer Branche nicht das große Thema, eher Überstunden und Löhne.

Lässt sich das im Ausland überhaupt überprüfen?
Ja, mit der Fair Wear Foundation, einer unabhängigen Organisation. Zudem haben wir unsere eigenen Teams vor Ort, die regelmäßig die Sozial- und Umweltstandards bei unseren Produzenten kontrollieren. Wir produzieren etwa 15 Prozent in Deutschland und Europa, rund 85 Prozent in Asien, vornehmlich in Vietnam und China. In beiden Ländern kontrolliert und arbeitet ein zehnköpfiges Team in und mit den Produktionsstätten an Verbesserungen. Darüber hinaus schulen wir seit mehreren Jahren unsere Materiallieferanten und Produzenten und vermitteln ihnen, wie sie noch ressourceneffizienter werden können oder warum hohe Sozialstandards sinnvoll sind.

Die meisten Firmen achten weniger auf Nachhaltigkeit. Haben Sie manchmal das Gefühl, dass ihr Engagement nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist?
Es fühlt sich eher an, wie ein Tropfen, der ins Wasser fällt und Kreise zieht. Ich finde es spannend zu sehen, dass wir als mittelständisches Unternehmen wirklich etwas bewirken. Und ich bin stolz darauf, was alles möglich ist, wenn man sich ernsthaft bemüht. Die Produzenten und die Materiallieferanten etwa sind gewöhnt, dass die europäischen Firmen von oben Anweisungen geben. Wir bekommen widergespiegelt, dass es etwas Besonderes ist, dass wir auf Augenhöhe versuchen, gemeinsam gute Lösungen zu finden.

Gerade in der Outdoorbranche werden oft giftige Stoffe eingesetzt, um Materialien wetterfest zu machen, wie lösen Sie das?
Wir arbeiten mit Hochdruck daran, schädliche Stoffe komplett zu vermeiden. So setzen wir uns schon seit vielen Jahren dafür ein, umweltschädliches PFC (Fluorcarbone) zu vermeiden. Diese Chemikalie wird eingesetzt, um Materialien wasserabweisend zu machen, sowie zur Herstellung wasserdichter Membranen. Seit 2010 setzt Vaude ausschließlich Polytetrafluor-ethylen-freie Membranen ein, für deren Herstellung kein PFC benötigt wird. 2016 haben wir das Greenpeace Detox Commitment unterzeichnet und uns damit freiwillig verpflichtet, bis 2020 sämtliche Substanzen, auch PFC, in unserer gesamten Lieferkette zu eliminieren. Mittlerweile haben wir es geschafft, dass alle Materialien unserer Bekleidungskollektion 100 Prozent PFC-frei sind.

Sie verwenden auch unübliche Materialien ...
Wir wollten etwa weg vom Rohöl und verwenden nun Reißverschlüsse, die auf Rizinusöl basieren. Wir haben außerdem ein Fleece-Material aus Holzfasern entwickelt, das sich biologisch abbaut und die Meere nicht mit Mikroplastik belastet. Aus Kuhmilchresten kann man ein Garn spinnen, das wir mit zertifizierter Wolle zu einem innovativen Filzmaterial verarbeiten.

Kaufen die Kunden Ihre Produkte eigentlich gerade wegen ihrer Nachhaltigkeit?
Das ist schwer zu sagen. Studien belegen, dass der Wunsch und das Bewusstsein, mit gutem Gewissen einkaufen zu wollen, Jahr für Jahr steigen. Gleichzeitig wächst auch die Komplexität von Kaufentscheidungen. Die meisten Konsumenten fühlen sich verunsichert, das Misstrauen gegenüber globalen Unternehmen ist extrem groß. Davon profitieren wir unheimlich, wir sind eine Marke des Vertrauens geworden. Wir sind ja sehr transparent, unsere Bemühungen sind nachweisbar und oft von außen bewertet, außerdem haben wir zahlreiche Preise bekommen. Dadurch gewinnen wir neue Zielgruppen. Und Menschen, die bewusst leben, werden auf uns aufmerksam.

Würden Ihre Produkte auch gekauft, wenn sie nicht nachhaltig wären?
Für die einzelne Kaufentscheidung ist die Nachhaltigkeit eher ein Zusatz. Also wenn das Produkt gut und modisch aussieht, der Preis stimmt und es dann auch noch nachhaltig ist, greifen die Menschen zu. Wir würden günstiger produzieren, bessere Margen erzielen und andere Preise machen können, wenn wir nicht auf Nachhaltigkeit achten würden. Kurz gesagt: Wir würden es ein Stück weit einfacher haben. Andererseits wären wir viel austauschbarer.

Sie geben rund 15 Prozent Ihres Umsatzes für Nachhaltigkeit aus, müssen die Kunden draufzahlen?
In den letzten zehn Jahren haben wir unser Preislevel ein Stück angehoben, sind aber im Vergleich zu reinen Outdoormarken im Mittelfeld. Wir tun uns schwer, teurere nachhaltige Materialien eins zu eins an den Kunden weiterzugeben, und nehmen dafür auch zum Teil geringere Margen in Kauf. Dafür gewinnt unsere Marke an Strahlkraft und wir sparen an anderer Stelle viel ein. So sind beispielsweise unsere Marketingausgaben eher gering und wir können uns keine riesigen Werbekampagnen leisten.

Manche ihre Produkte tragen die Bezeichnung „multiuse“, was bedeutet das?
Das heißt, dass ich Produkte nicht spezifisch zum Radfahren einsetze, sondern eben auch zum Wandern oder für eine Skitour. Vor 20 Jahren konnte man noch viel stärker unterscheiden, ob jemand ein Biker oder Wanderer ist, man hat sich auf eine Aktivität spezialisiert, heute ist es so, dass viele Leute unterschiedliche Sachen machen. Aus nachhaltiger Sicht ist es nicht sehr sinnvoll, sich für jede Aktivität, die ich einmal im Jahr unternehme, eine eigene Ausrüstung zuzulegen.

Sie tun viel dafür, dass Ihre Produkte lange leben. Funktioniert das?
Wir arbeiten etwa mit der Online-Reparaturplattform „i-fix-it“ zusammen, die Anleitungen und Videos für Vaude-Produkte bereitstellt. Dabei wird gezeigt, wie ich eine Schnalle ersetze oder einen Reißverschluss repariere, und ich kann mir auch die entsprechenden Ersatzteile bestellen. Es hat uns überrascht, wie gut das angenommen wird. In unserer eigenen Werkstatt reparieren wir jedes Jahr oder Tausende Produkte, auch 20 Jahre alte Zelte. Bei Ebay gibt es einen Second Use Shop, über den Privatpersonen gebrauchte Vaude-Produkte weiterverkaufen können. Über unseren Service „I rent it“ bieten wir Ausrüstung zum Mieten an. Mit all diesen Angeboten möchten wir dafür sorgen, dass unsere Produkte lange genutzt werden. Denn selbst wenn ich ein nachhaltig hergestelltes Produkt habe, das kaum Ressourcen verbraucht hat, ist es immer noch für die Ökobilanz schlecht, wenn ich es nur einmal trage. Darum liegt unser Bestreben darin, alles dafür zu tun, dass die Dinge möglichst lang halten. 

Aber Mode ändert sich ja auch …
Ja, das ist auch für uns ein Spagat. Einerseits sollen die Produkte möglichst langlebig sein. Anderseits wissen wir, dass viele Konsumenten ein modernes Produkt haben möchten, und zwar jedes Jahr. Darum bieten wir einen Teil der Kollektion in zeitlosen Farben an und entwickeln eine eigene Farbphilosophie.

Achten Sie auch bei Ihren Mitarbeitern und Ihrer Produktion in Deutschland auf Nachhaltigkeit?
Mir ist wichtig, dass es ein gutes Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben gibt. 50 Prozent arbeiten bei uns in Teilzeit, außerdem ermöglichen wir mobiles Arbeiten etwa im Homeoffice. In unserem Kinderhaus betreuen wir 31 Mädchen und Jungen. Rund 40 Prozent der Führungskräfte sind Frauen, dank unserer Rahmenbedingungen, die es erleichtern, Arbeit und Privatleben zu vereinbaren. Das ist für viele attraktiv. Es gibt eine Biokantine, eine Kletterwand und eine artenreiche Blühwiese, die für Insekten ein Paradies ist. Das Gebäude wurde vor fünf Jahren erneuert, der Umbau wurde natürlich nachhaltig zertifiziert. Wir haben Wert gelegt, auf behagliche, lichtdurchflutete Arbeitsplätze mit Kaffeelounges und Kreativräumen. Zudem bieten wie ein großes Sportprogramm in unserer kleinen Halle an, dreimal täglich kann man etwa Yoga und Rückentraining machen. Ich würde sagen, es ist schön bei uns.

Interview: Judith Köneke

Zur Person

Antje von Dewitz (46) hat 2009 die Geschäftsführung von Vaude von ihrem Vater übernommen. Nach ihrem Studium der Wirtschafts- und Kulturraumstudien war sie bei Vaude zunächst als Produktmanagerin, dann in der Kommunikation und als Marketingleiterin tätig. Zwischen 2002 und 2005 promovierte und arbeitete sie zudem am Stiftungslehrstuhl Entrepreneurship der Universität Hohenheim.

Vaude wurde 1974 von Albrecht von Dewitz gegründet - benannt nach seinen Initialen v. D. Zunächst vertrieb das Familienunternehmen nur Bergsportausrüstung und produzierte eigene Rucksäcke. Der Outdoorspezialist beschäftigt im baden-württembergischen Tettnang rund 500 Mitarbeiter.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare