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„Ich wundere mich“, sagt Oscharowski über die Transporte.

Atommüll

„Urenco will Uran in Russland entsorgen“

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Eine westfälische Firma bringt abgereichertes Uran nach Russland. Der russische Atommüllexperte Andrei Oscharowski warnt vor der gefährlichen Fracht.

Die Wiederaufarbeitungsfirma Urenco hat erneut begonnen, abgereichertes Uran aus dem westfälischen Gronau zur Wiederaufbereitung nach Russland zu bringen. Der russische Physiker Andrei Oscharowski warnt seit Jahren vor den Gefahren der Transporte.

Herr Oscharowski, was sagen Sie zu den neuen Transporten?
Ich wundere mich. Ich dachte, unser Standpunkt habe sich durchgesetzt, dass Urenco mit Uranhexafluorid chemisch gefährlichen radioaktiven Müll exportiert.

Ist das die gleiche Substanz wie bei den Transporten vor 2009? Und wohin bringt man sie?
Ja. Früher wurde sie per Eisenbahn nach Amsterdam gefahren, dort verschifft, über die Ostsee nach Sankt Petersburg. Dann kam sie in Zügen von 20 bis 30 Waggons zu den Atomfabriken in Nowouralsk bei Jekaterinburg, Sewersk bei Tomsk, in Selenogorsk bei Krasnojarsk und in Angarsk bei Irkutsk. In welche der vier Lagerstätten der Staatskonzern Rosatom sie schicken wird, wissen wir noch nicht. Schon damals hielt Rosatom die Routen wegen Terrorgefahr geheim – was zeigt, wie gefährlich die Fracht ist.

Laut Rosatom-Vertretern ist das abgereicherte Ural ein Rohstoff, kein Atommüll. Es komme nicht zur Endlagerung, sondern zur Wiederaufbereitung nach Russland, werde danach wieder ausgeführt. Die Reststoffe aber würden zur Weiterbenutzung aufbewahrt.
So hat Rosatom schon damals argumentiert. Nach dem russischen Gesetz ist Müll etwas, das nicht zur weiteren Verwendung vorgesehen ist. Rosatom kann behaupten, es plane irgendwann eine Weiterverwendung, um seine Atommüllexporte formal zu rechtfertigen. Aber in Wirklichkeit häufen sich in allen vier Anlagen riesige Mengen Uranhexafluorid, insgesamt etwa eine Million Tonnen.

Warum schafft Urenco aus seiner Wiederaufbereitungsanlage in Gronau überhaupt abgereichertes Uran über Tausende von Kilometer zur Wiederaufbereitung ins Ausland?
Es gibt zwei einfache Antworten: Vielleicht hat Urenco, eine Firma, die auf ihrer Website mit ihrer Technologie zur Anreicherung auch von Uranhexafluorid wirbt, ja verlernt, Uran anzureichern. Anderenfalls könnte sie das Uranhexafluorid in den eigenen Zentrifugen in Gronau selbst anreichern. Aber ich bezweifle, dass Urenco diese Reststoffe überhaupt wiederaufarbeiten möchte. Ich bin sicher, Urenco will sie in Russland entsorgen. Uranhexafluorid anzureichern, kostet enorm viel Strom und Geld. Eine Endlagerung in Deutschland, etwas in Gorleben, ist sehr teuer. Wenn Rosatom den Stoff viel billiger abnimmt, spart Urenco viel Geld.

Zur Person
Andrei Oscharowski , 53, ist Atommüllexperte des Fachportals bezrao.ru. Vor über zehn Jahren machte er die Uranexporte der Firma Urenco aus dem westfälischen Gronau in russische Wiederaufbereitungslagen publik. 2009 wurden sie eingestellt.

Im Mai dieses Jahres hat Urenco die Transporte wiederaufgenommen. Bisher wurden 3600 Tonnen Uranhexafluorid nach Nowouralsk geschafft.

Laut Bundesumweltministerium sollen bis 2022 insgesamt 12.000 Tonnen „abgereicherten“ Urans nach Russland kommen. FR

Wie lagert Rosatom das Material?
Die Fasscontainer werden entladen und auf Deponien gestellt, wo unter freiem Himmel schon tausende russische Behälter der gleichen Größe stehen. Sie sehen wie große Ölfässer aus.

Was passiert, wenn ein Container leckt oder bricht?
Das kann passieren, etwa bei einem Sturz während eines Zugunglücks. Oder, wenn ein Flugzeug auf den Lagerplatz stürzt. Trifft Uranhexafluorid auf Wasser, auch nur in Form von Luftfeuchtigkeit, gibt es eine chemische Reaktion. Dabei entsteht unter anderem Fluorwasserstoff, ein giftiges Gas, das noch in 30 Kilometern Entfernung für Menschen tödlich wirken kann. Dazu kommt die freigesetzte Radioaktivität.

Wie lange halten die Fässer unter freiem Himmel, Frost, Regen und Hitze ohne Schäden stand?
Das hängt von der Qualität des Stahls ab, aber auch davon, wie oft und gründlich sie kontrolliert werden. Unsere Anreicherungsanlagen arbeiten seit Ende der 40er Jahre, viele Fässer stehen wohl schon Jahrzehnte herum. Aber Rosatom gibt keine Informationen über ihr Alter und ihren Zustand heraus.

Die Container mit Atommüll, die Urenco jetzt schickt, dürften neu sein.
Aber auch ihr Transport ist sehr gefährlich. Durch Großstädte und Ballungsgebiete wie Münster, Amsterdam und Sankt Petersburg. Und auf der Ostsee ist es in den siebziger Jahren schon passiert, dass britische Urenco-Container über Bord gegangen sind. Zum Glück waren sie leer.

Interview: Stefan Scholl

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