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In Unverpackt-Läden bringt die Kundschaft meist ihre eigenen Gläser und Dosen mit.
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In Unverpackt-Läden bringt die Kundschaft meist ihre eigenen Gläser und Dosen mit.

Interview

Unverpackt-Läden in der Corona-Krise: „Nicht gefährlicher als im Supermarkt“

  • Nina Luttmer
    VonNina Luttmer
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Unverpackt-Läden sind eine ökologische Alternative zum Standard-Supermarkt. Gregor Witt erklärt, wie sicher sie auch in der Corona-Pandemie sind.

Gregor Witt, Chef des Berufsverbandes der Unverpackt-Läden, erzählt über das schwierige Geschäft mit losen Lebensmitteln in Pandemie-Zeiten, die andauernde Expansion der Branche und die Forderung nach einer Zertifizierung.

Überall in Deutschland - auch in Frankfurt - haben in den vergangenen Jahren Unverpackt-Läden eröffnet. Der erste ging 2014 in Kiel an den Start, anschließend erlebte die Branche einen Gründungs-Boom. Kundinnen und Kunden kaufen dort die Waren lose, also ohne Verpackung.

Die Händlerinnen und Händler bemühen sich in der Lieferkette um möglichst wenig und umweltschonende Verpackungen. Im Jahr 2018 wurde der Berufsverband der Unverpackt-Läden gegründet. Gregor Witt, der selbst mit seiner Frau zwei Unverpackt-Läden in Köln betreibt, ist der Vorsitzende. Im Interview spricht er über die Folgen der Corona-Pandemie für die Unverpackt-Läden.

Unverpackt-Läden leiden unter Corona-Pandemie - Kunden bleiben weg

Herr Witt, wie kommen die Unverpackt-Läden durch die Corona-Krise?

Wir leiden sehr unter der Pandemie und wissen nicht, wo die Reise hingeht. Ich hoffe sehr, dass wir keine sterbende Branche sind. Wir hatten während der Lockdowns geöffnet. Da blieb die Kundschaft aus. Wir dachten dann, dass es mit den Corona-Lockerungen wieder aufwärts geht für uns. Dass dann die Pendler zurück in die Städte kommen, die Innenstädte sich wieder füllen, die Studenten wieder da sind und wir davon profitieren. Aber dem ist nicht so.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Tja, wenn wir das wüssten. Wir hoffen nun einfach darauf, dass die Gesellschaft sich mit den zunehmenden Impfungen wieder beruhigt und es im Herbst aufwärts geht.

Gregor Witt fürchtet um die Zukunft seiner Branche. Ihm selbst gehören zwei Unverpackt-Läden in Köln.

Von welchen Umsatzrückgängen sprechen wir hier?

Es gibt Läden, die haben ein Minus von bis zu 40 Prozent. Ein Großteil vermeldet bis zu 30 Prozent Umsatzrückgang. Auch meine Läden in Köln sind jetzt bei minus 30 Prozent angekommen und wir müssen Überbrückungshilfe III beantragen.

Angst vor Unverpackt-Läden unbegründet - Gefahr wie in normalem Supermarkt

Kann es nicht sein, dass die Menschen wegen Corona Angst haben, unverpackte Lebensmittel zu kaufen? Schließlich könnte die vorher schon jemand angefasst haben?

Wir haben in den Unverpackt-Läden nicht erst seit Corona sehr hohe Hygienestandards. Die Waren sind ja alle abgedeckt. Wer reinkommt, muss sich die Hände desinfizieren und Mundschutz tragen. Wir lüften viel. Es ist bei uns nicht gefährlicher als in einem Supermarkt. Ich denke, viele Menschen betrachten die Situation derzeit nicht rational. Es scheint eine große Angst zu geben. Die Pandemie hat Menschen in allen Lebenslagen und Altersklassen sehr erschüttert.

Wer ist denn die Kundschaft der Unverpackt-Läden?

Vor allem Menschen zwischen 30 und 55 Jahren, Männer wie Frauen und Familien.

Boom von Unverpackt-Läden bis zur Corona-Krise

Vor der Krise gab es ja einen unglaublichen Boom in Ihrer Branche. Wo steht die momentan zahlenmäßig?

Insgesamt gibt es nach unserem Kenntnisstand 432 Unverpackt-Läden in Deutschland, zusätzlich sind etwa 287 in Planung. Wir hoffen natürlich, dass da trotz der Krise die meisten auch wirklich eröffnen werden. Alleine im Pandemiejahr 2020 haben nach unserem Wissen 67 neue Geschäfte aufgemacht, 2019 waren es aber noch deutlich mehr. Seit Mitte 2018 geht die Zahl der Unverpackt-Läden hierzulande steil nach oben. Wir haben da sicher auch viel Rückenwind von der Fridays-for-Future-Bewegung erhalten.

Kann man mit dem, was Unverpackt-Läden anbieten, den kompletten Bedarf decken?

Man kann mit dem, was ein Unverpackt-Laden anbietet, ein ziemlich glückliches Leben führen. Es gibt unverpackte, trockene Lebensmittel wie Mehl, Müsli, Nudeln, Trockenfrüchte, Süßigkeiten. Viele Geschäfte bieten auch Molkereiprodukte an wie Milch, Tofu und Käse. Fleisch dagegen gibt es eher nicht, das ist einfach kaum möglich für uns, das unverpackt einzukaufen. Und natürlich gibt es Menschen, die möchten Fertiggerichte, Convenience Food haben – da werden sie bei uns nicht fündig.

Gregor Witt über Streben nach Unverpackt-Zertifizierung

Für viele Menschen sind die Preise in Unverpackt-Läden auch einfach zu hoch …

Preislich sind wir auf Bioladen-Niveau. Sicher gibt es Menschen, für die das zu teuer ist. Aber es ist auch bekannt, dass in Deutschland tendenziell weniger für Lebensmittel ausgegeben wird als in anderen Ländern. Wenn die Menschen ihre Prioritäten anders setzen würden, dann könnten sich viel mehr von ihnen auch bessere Lebensmittel leisten.

Was sind aktuelle Themen des Unverpackt-Verbands?

Wir würden gerne erreichen, dass es eine Unverpackt-Zertifizierung gibt. So wie es ja auch eine Zertifizierung für Bio-Produkte gibt. Es wäre wichtig, dass ein Geschäft, das damit wirbt, unverpackt zu verkaufen, auch belegt, dass es die Ware nicht davor in riesigen Plastikverpackungen eingekauft hat. Es geht bei Unverpackt-Läden ja eben darum, Verpackungen zu vermeiden. Außerdem setzen wir uns dafür ein, dass viel mehr Lebensmittel in recyceltes Material verpackt werden.

Interview: Nina Luttmer

Auch in Bad Soden soll ein Unverpackt-Laden öffnen: Um das zu erreichen, haben ein Vater und sein Sohn im Internet eine Geldsammel-Aktion für ihr Projekt gestartet.

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