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Die großen Ohren sind weder operiert noch das Ergebnis einer Genmanipulation.

Gentechnik

„Unüberschaubare Folgen“

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Ein Gutachten warnt vor Risiken veränderter Tiere für Mensch und Natur. Mit Blick auf Handelsabkommen wie TTIP wird der ruf nach schärferen regeln laut.

Turbo-Lachse, die das ganze Jahr über wachsen statt nur im Frühjahr und Sommer? Kühe, die Milch geben, in denen weniger Eiweiße sind, die Allergien auslösen können? Mücken, mit denen sich die Ausbreitung von Krankheiten bekämpfen lassen? Das sind Ideen von Unternehmen und Forschern, die Tiere gentechnisch verändern wollen. Teils sind sie schon Realität, teils befinden sich die Vorhaben noch im Versuchsstadium.

Gründe genug für die Bundestagsfraktion der Grünen eine Studie zum Thema Gentechnik-Tiere in Auftrag zu geben, die kurz vor Beginn der Grünen Woche in Berlin – der internationalen Messe für Ernährungswirtschaft, Landwirtschaft und Gartenbau – vorgestellt wird. In der Untersuchung warnt das Institut Testbiotech aus München vor Risiken für Mensch und Umwelt. „Die Folgen, die solche Tiere für Ökosysteme und für Verbraucher haben könnten, sind nicht überschaubar“, sagt der Autor der Studie, Christoph Then.

Im Wesentlichen gebe es dabei drei Probleme, wie Then am Beispiel der Lachse erläutert, die im vergangenen Jahr in den USA für die Verwendung in Lebensmitteln zugelassen wurden. Erstens sei trotz aller möglichen Vorkehrungen nicht sicher auszuschließen, dass gentechnisch veränderte Lachse aus der Zucht entkommen und sich dann mit Wildlachsen paaren. Dies könnte dann, so Then, zweitens zu empfindlichen Veränderungen im Ökosystem führen. Beim dritten Punkt geht es um die Frage nach möglichen Auswirkungen auf den Verbraucher, der den gentechnisch veränderten Lachs über viele Jahre isst. Then sagt, es gehe ihm hier nicht darum Horror-Szenarien heraufzubeschwören – er wolle vor allem darauf hinweisen, dass vieles nicht sicher kontrollierbar sei. „Natürlich sage ich nicht: Passt auf, wenn ihr den Lachs esst, dann werdet ihr alle größer. Aber es wird eben etwas mit lebendigen Organismen gemacht, was Auswirkungen haben kann, die man übersehen hat oder nicht abschätzen kann.“

Dass nicht immer das Ergebnis herauskommt, welches Forscher und Unternehmen sich erhoffen, zeigt sich an der Milchkuh Daisy aus Neuseeland, deren Beispiel in der Studie geschildert wird. Daisy habe zwar – wie gewünscht – Milch mit einem deutlich geringeren Anteil an allergieauslösenden Eiweißen produziert. Gleichzeitig hätten sich aber auch alle anderen Milchbestandteile verändert. Eine weitere Besonderheit betraf die Kuh selbst: Dem Tier fehlte der Schwanz.

Auch wenn es nicht wie etwa bei den Lachsen im Wesentlichen um Gewinnmaximierung geht, sondern um gesundheitliche Vorteile, kann es zu Schwierigkeiten kommen. So gäbe es Überlegungen, Mücken resistent gegen Malaria zu machen, damit der Erreger nicht mehr im Tier überdauern könne, erläutert Then. Das klinge erst mal gut, sagt er. „Aber man hat dann nicht mehr die Möglichkeit diese Tiere jemals zurückzuholen – mit allen möglichen Risiken.“ So sei vorstellbar, dass solche Tiere für andere Krankheitserreger zum Überträger werden. Oder auch, dass der Malaria-Erreger sich anpasse – und sich dann mittels dieser Insekten sogar noch besser verbreite.

„Bei gentechnisch veränderten Tieren bestehen besonders hohe Risiken“, warnt auch die naturpolitische Sprecherin der Grünen, Steffi Lemke. Regionale Eingrenzungen seien etwa bei Gentech-Fliegen eine Illusion, sagt sie der FR. „Lebensmittel aus Gentieren enthalten eins zu eins die veränderten Gensequenzen. Was diese in unserem Körper anrichten, ist völlig unbekannt.“

Die Rechtslage ist in den USA und in Europa sehr unterschiedlich. In den Vereinigten Staaten muss – grob gesagt – für die kommerzielle Nutzung gentechnisch veränderter Tiere eine Genehmigung erteilt werden, wenn sich Gefahren nicht nachweisen lassen. In Europa müssen potenzielle  Risiken viel stärker gewichtet werden.

Die Vorsitzende des Umweltausschusses im Bundestag, Bärbel Höhn (Grüne) fordert mit Blick auf die Handelsabkommen mit den USA und Kanada noch schärfere Regeln. Der FR sagte sie: „Sonst haben wir am Ende Gentechnik-Produkte auf dem Teller und in der Natur, die möglicherweise an allen Prüfverfahren vorbeigeschleust wurden und deren negative Folgen sich nicht mehr zurückholen lassen.“

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