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Unterwegs in der Lieferkette: Sechs Wochen auf dem Containerschiff

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„Was in den Containern ist, wissen wir nicht“, sagt Kapitän Vladyslav.
„Was in den Containern ist, wissen wir nicht“, sagt Kapitän Vladyslav. © Katrin Groth

Spielekonsolen, Smartphones, Südfrüchte – aufgrund der Pandemie dauert es länger bis diese Waren bei uns im Regal stehen. Das merken auch die Seeleute, die viele Monate auf den Containerschiffen ausharren müssen. Autorin Katrin Groth ist sechs Wochen lang mitgefahren

Es ist zwei Uhr nachts, als das Telefon klingelt. In der Kammer ist es dunkel, aber der philippinische Seemann ist sofort wach. Er greift nach dem Hörer neben seinem Bett. Am anderen Ende: Der Bootsmann, verantwortlich für die Crew in dieser Nacht. „Standby um 2.30“, schallt die Anweisung aus dem Hörer. So erzählt es mir Roxas* später. Eine halbe Stunde, ehe der 26-jährige Seemann – groß und schlank, trainiert von der körperlichen Arbeit – fünf Etagen tiefer in seinen roten Overall steigen wird. Sicherheitsschuhe anzieht, den Helm aufsetzt, das Funkgerät einschaltet und mit den anderen Seemännern in die warme Nacht geht. Das Schiff schaukelt in der Dunkelheit, die Container knarzen rhythmisch.

Die Crew teilt sich, alles läuft routiniert: Eine Hälfte, darunter Roxas, lichtet den an gigantischen Stahlketten hängenden Anker, die andere bereitet Steuerbord die Leiter für den Lotsen vor. Kurz darauf setzt sich das 300 Meter lange Containerschiff in Bewegung. Mehrere Stunden hatte die „Conna“ vor Charleston im US-Bundesstaat South Carolina auf Reede gelegen, vor der Küste auf die Einfahrt in den Hafen gewartet. Jetzt leuchten spärliche Strahler den Männern, die die Ankunft des Hafenlotsen vorbereiten.

Währenddessen dreht der Kapitän das Schiff gegen den Wind, beobachtet von der Brücke, was 30 Meter unter ihm passiert. Wo sich das winzige Lotsenboot gegen die Bordwand drückt, der Lotse nach der Strickleiter greift, fast zehn Meter an der Bordwand hinaufklettert. Minuten später dirigiert er den Stahlkoloss in den Hafen von Charleston – während die Crew an Deck die Taue fürs Anlegen vorbereitet.

Probleme bei der Lieferkette: Zuhause wartet man auf das neue Handy - an Bord auf die Rückkehr nach Hause

Wenn neue T-Shirts, Laptops und Kopfhörer in unseren Wohnungen landen, haben die meisten von ihnen bereits eine lange Reise hinter sich. In Zeiten der Globalisierung findet 90 Prozent des Welthandels auf dem Seeweg statt, selbst innerhalb Europas werden 40 Prozent aller Güter mit Schiffen transportiert. Rund 50 000 Handelsschiffe, darunter etwa 5300 Containerschiffe, sind rund um den Globus unterwegs – und Arbeitsplatz für mehr als eine Million Menschen.

Diese Welt will ich kennenlernen. Deshalb reise ich sechs Wochen lang auf der „Conna“ mit, von Bremerhaven über die USA bis nach Südamerika. Als das Schiff in den Hafen von Charleston einläuft, sind wir bereits drei Wochen unterwegs. Zehn Tage haben wir auf dem Atlantik kein Land gesehen, nur die unterschiedlichen Blautöne des Meeres. Wir sind einem Hurrikan ausgewichen, drei Häfen angelaufen und haben unzählige Container auf- und wieder abgeladen.

„Was in den Containern ist, wissen wir nicht, vielleicht die neue H&M-Kollektion.“

 Kapitän Vladyslav

Der Halt in Charleston dauert nicht einmal 24 Stunden. Schon am Abend heißt es wieder: Leinen los, die US-Ostküste entlang gen Süden. Und für die Crew: zurück in den Regelbetrieb. 24 Männer arbeiten auf dem deutschen Containerschiff. Der Kapitän stammt aus der Ukraine, die Crew von den Philippinen und aus Sri Lanka, zwei Schlosser aus Rumänen. Bordsprache ist Englisch, langsames Wlan gibt es gegen Bezahlung, Chips, Zigaretten und Zahnpasta im Bordshop. Die Hierarchie ist streng.

Mit 20 Knoten schiebt das Schiff am nächsten Morgen übers Meer, Schaumkronen tanzen auf den Wellenkämmen, die Containertürme schwanken. „Zehn, fünfzehn Grad Neigung sind in Ordnung“, beruhigt Kapitän Vladyslav, dessen graue Locken beim Sprechen auf- und abwippen. Mit Zigarette in der Hand steht der 53-Jährige auf dem Brückenflügel, beobachtet das Meer, die Wolken, und erklärt eifrig was welche Formation bedeutet.

3150 Container voller Waren haben auf dem Containerschiff „Conna“ Platz

Unter ihm surren die Kühlcontainer, ächzen die Stahlboxen. „Was in den Containern ist, wissen wir nicht, vielleicht die neue H&M-Kollektion“, sagt Vladyslav. Deklariert werden muss nur Gefahrgut. Rund sechs Millionen Container werden jeden Tag hin- und hergeschippert. Allein auf der 300 Meter langen „Conna“ haben 3150 der gut zwölf Meter langen Container Platz.

Dazwischen: die Seemänner. Reparieren, Schweißen, Putzen, Ölen, aber vor allem der tägliche Kampf gegen den Rost sind Alltag auf dem 18 Jahre alten Frachter. Mit dem Hochdruckreiniger in der Hand stehen Roxas und sein Kollege in ihren roten Overalls auf dem Brückenflügel. Stück für Stück spritzen sie den Rost vom Stahl; der alte Lack fliegt in alle Richtungen davon. Anschließend wird Deck für Deck neu gemalert, während die Maschine des Schiffes ohrenbetäubend lärmt. „Hört auf zu rennen“, ermahnt ein Offizier zwei junge Seemänner, „viel zu gefährlich“. Die Verletzungsgefahr auf dem schwankenden Schiff ist groß: scharfkantiger Stahl, schwere Maschinen und eine nur schmale Reling. Eine Unachtsamkeit kann lebensgefährlich werden.

Die Isolation weit weg von den Liebsten trifft viele Seeleute hart.
Die Isolation weit weg von den Liebsten trifft viele Seeleute hart. © Katrin Groth

Der Tag auf See beginnt morgens um acht und dauert bis 17 Uhr. Alles ist durchgetaktet, selbst die Kaffeepausen: 10 und 15 Uhr, jeweils 20 Minuten lang. Gearbeitet wird täglich, neun Monate lang, ohne Wochenende. Auf der Brücke wird im Vier-Stunden-Rhythmus rotiert, sie ist, wie der Maschinenraum, permanent besetzt. Abends sitzt die Crew noch in der „Bar“ zusammen, schaut Musikvideos auf einem alten Computer, trinkt Bier und redet. Manchmal wird die Karaoke-Anlage angeschmissen, dann schmettern die Matrosen Songs wie „Heaven“ von Bryan Adams oder „Perfect“ von Ed Sheeran, Roxas Lieblingslied.

Heute aber greift Jose zur Gitarre, der dritte Offizier spielt eine selbstkomponierte Ballade. Es geht um Liebe, Einsamkeit und Herzschmerz. Die Sehnsucht, sie ist groß auf den Schiffen. So oft es geht telefoniert der 35-Jährige mit seiner Familie auf den Philippinen. 13 Jahre fährt er mittlerweile zur See, erzählt er am nächsten Tag auf der Brücke, seine drei Kinder sieht er nur selten. Sein schelmisches Lächeln: für einen Moment ist es verschwunden. Als es am Mittag mit dem Videoanruf klappt, kehrt sein Lachen zurück. „Wir haben jetzt einen Welpen, meine Kinder lieben ihn“, sagt er strahlend und hält mir ein Foto hin. Jose wird den Hund und seine Kinder erst in zwei Monaten sehen, jetzt müssen fünf Minuten am Telefon genügen.

So langsam bekomme ich eine Ahnung davon, wie es sein muss, monatelang von den Liebsten getrennt zu sein. Die Sehnsucht, sie nagt, der Kontakt nach außen ist schwierig. Und der Alltag an Bord, er spielt sich auf wenigen, schmucklosen Quadratmetern ab, mit den immer selben Menschen. Obwohl sie ständig unterwegs sind, gibt es für die Seeleute kaum Abwechslung. Ich verbringe viel Zeit auf der Brücke, bei einer Tasse Kaffee und den Geschichten von Jose und Kapitän Vladyslav. Sie sind froh über die Abwechslung. Einsamkeit und Schwermut sind weit verbreitet auf den Schiffen, auch Depression ist ein Thema. Immer wieder höre ich Geschichten von ertrunkenen Seeleuten, von Suizid oder Unfällen.

Isolation und Einsamkeit: Seeleute auf dem Containerschiff sind monatelang von ihren Familien getrennt

„Isolation ist ein Thema, mit dem wir viel arbeiten“, sagt Maya Schwiegershausen-Güth am Telefon. Sie kümmert sich bei der Gewerkschaft Verdi um die Seeleute an den deutschen Küsten. Nicht umsonst würden Reedereien Imagekampagnen für den Job fahren. „Früher gab es einen anderen Zusammenhalt“, sagt Schwiegershausen-Güth. Heute halte man nur per Video oder Chat nach Hause Kontakt, das zerreiße die Crew. Zwar sei der Beruf attraktiver, wenn man das Kind aufwachsen sieht, obwohl man weit weg ist. „Aber man kriegt auch die Sorgen von Zuhause mit und kann nicht helfen, weil man noch acht Monate an Bord ist.“ Eine psychische Belastung, auf die die Seeleute nicht vorbereitet werden. Einige Gewerkschaften haben inzwischen reagiert, Hotlines mit psychologischer Hilfe eingerichtet.

Ein einfacher philippinischer Seemann wie Roxas verdient gerade einmal 17 Dollar am Tag. 30 Tage plus Überstunden machen etwa 900 Dollar. Ein Able Seaman, ein befähigter Seemann, kommt mit 25 Dollar Tageslohn plus Überstunden auf etwa 1300 im Monat, ein Technischer Offizier, 50 Dollar am Tag, auf 2500 Dollar.

Um Geld geht es auch bei den eng gestrickten Fahrplänen der Schiffe, doch die Folgen eines Hurrikans bremsen die „Conna“ aus. Mit sechs anderen Frachtern liegt sie vor Savannah im US-Bundesstaat Georgia auf Reede. Der Schiffskoch nutzt die Zeit zum Angeln. Einen Eimer voll Fisch zieht er aus dem Atlantik, Fischsuppe für den nächsten Tag. Nach zwei Tagen kann das Schiff schließlich einlaufen. Taue, dick wie Unterarme, fliegen Richtung Pier, Kräne surren, geplante Liegezeit: 22 Stunden. Die Crew wechselt in den Schichtbetrieb, kontrolliert das Löschen und Laden an Deck.

Müde fällt Roxas auf die Couch im Gemeinschaftsraum. „Nach der Arbeit gehe ich eigentlich immer in die Sauna, wegen meinem Rücken“, erzählt er, mit 26 Jahren der Zweitjüngste an Bord. Eine richtige Pause? Hat er in fünf Monaten, wenn sein Vertrag endet, bis dahin muss der Rücken durchhalten. Roxas zuckt mit den Schultern und greift zum Handy. Hier spielt sich das eigentliche Leben ab, über Telefon und Social Media bei der Familie am anderen Ende der Welt. Auch Roxas hat eine Freundin und ein kleines Kind zu Hause.

Stets auf Reisen und doch keine Abwechslung - das ist der Alltag für die 24-köpfige Crew.
Stets auf Reisen und doch keine Abwechslung - das ist der Alltag für die 24-köpfige Crew. © Katrin Groth

In den wenigen freien Stunden an Bord lenkt er sich mit Sport ab. Unter den Containern, am Heck des Schiffes, hängt ein Basketballkorb, hier treffen sich Seemänner, Offiziere und Maschinisten an Seetagen nach der Arbeit. Längere Auszeiten vom dröhnenden Schiff gibt es nur selten, die Pandemie hat das noch schwieriger gemacht. Während des Lockdowns waren Häfen komplett geschlossen, niemand durfte von Bord. Sogar die Seemannsmission, zu finden in fast jedem Hafen der Welt, war tabu. Lediglich ein paar Bestellungen, SIM-Karten, Snacks, ein neues T-Shirt, durfte die christliche Einrichtung zum Schiff bringen.

Pandemie schafft Probleme in der Lieferkette - auch für die Crew auf Containerschiffen

Auch der regelmäßige Crewwechsel war monatelang nicht möglich. Geschlossene Grenzen zwangen die Seeleute, länger als geplant an Bord zu bleiben. Die Verträge wurden kurzerhand verlängert und aus neun plötzlich zehn oder elf Monate auf See. „Abgesehen davon, dass man bei sieben Tagen pro Woche Arbeit fertig ist, nimmt auch die Unfallhäufigkeit zu, wenn man plötzlich zwei Monate länger bleiben muss“, sagt Gewerkschafterin Schwiegershausen-Güth.

Am nächsten Morgen soll die „Conna“ bereits wieder ablegen, doch der Umschlag verzögert sich, das Löschen geht langsam, ein Hafenkran ist defekt. Aus 22 werden erst 32, dann 43 Stunden Liegezeit. Die Matrosen arbeiten rund um die Uhr. Es gibt Zeiten, da fährt ein Containerschiff täglich einen neuen Hafen an, ein enormes Pensum für die Crew. Oft arbeiten Seeleute mehr als 300 Stunden im Monat. Ausbeutung nennen das die Gewerkschaften. Möglich wird diese Praxis durchs Ausflaggen. Das Schiff gehört dann wie im Fall der „Conna“ einem europäischen Reeder, fährt aber unter fremder Flagge.

„Billigflaggen dienen dazu, Sozialstandards zu umgehen. Die Flagge bestimmt das Recht an Bord: Arbeitszeit, Bezahlung, Ansprüche im Krankheitsfall.“

Maya Schwiegershausen-Güth, Verdi

Beispiel Deutschland: Von den 2001 Frachtschiffen in deutschem Besitz – eine der größten Flotten der Welt – fahren laut dem Verband Deutscher Reeder gerade einmal 290 unter deutscher Flagge. Der große Rest dagegen fährt unter anderen Flaggen. Die meisten: Antigua und Barbuda oder, wie die „Conna“, Liberia, wo es das weltweit größte Schiffsregister gibt.

„Billigflaggen dienen dazu, Sozialstandards zu umgehen. Die Flagge bestimmt das Recht an Bord: Arbeitszeit, Bezahlung, Ansprüche im Krankheitsfall“, sagt Maya Schwiegershausen-Güth von Verdi. Die Gewerkschaft ist Teil der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF), die die Rechte der Seeleute weltweit vertritt. „Es gibt den philippinischen Seemann, der für 300 Dollar fährt. Nach internationalen Seearbeitsabkommen müsste er mindestens 900, mit ITF-Tarifvertrag 1670 Dollar im Monat bekommen“, sagt Schwiegershausen-Güth. Von den 1,2 Millionen Seeleuten fährt jeder Vierte mit Tarifvertrag.

Arbeit auf dem Containerschiff: geringer Lohn gegen monatelange Schichten

Die „Conna“ unterdessen hat die USA verlassen, Kurs Südamerika. Zehn Tage auf See liegen vor der Crew, ohne Nachtschichten, Hafendienste und Anlegemanöver. Und sonntags ist ab 12 Uhr frei. Auch in der Küche ein besonderer Tag: Es gibt Pizza. Diesmal jedoch wird der Sonntag weniger feierlich: Die Lebensmittel werden knapp. Kaffee, Milch und frisches Obst sind bereits aufgebraucht, der Kühlraum so gut wie leer. Statt Suppe gibt es klare Brühe und Panade dicker als der Fisch.

Das Schiff fährt seinem Fahrplan hinterher, aber die Reederei hat untersagt, in den USA nachzukaufen – zu teuer. Offen beschweren will sich niemand. Offizier Jose sagt: „Meine Familie war arm, als Kinder waren wir froh, wenn es überhaupt etwas gab.“ Seine Kinder sollen es mal besser haben. Nur zur See dürfen sie nicht fahren, zu gut kennt Jose die Entbehrungen. „Wie viele Geburtstage ich schon verpasst habe, erste Schultage, Familienfeiern“, sagt der sonst so lebenslustige Mann. Fünf Jahre noch, dann will er aufhören. Ein anderer Seemann ist bereits jetzt das letzte Mal an Bord, nach zehn Jahren ist für den jungen Mann noch in Südamerika Schluss.

Nach sechs Wochen an Bord ist es auch für mich Zeit, zu gehen. In Montevideo, in Uruguay, regnet es wie die ganzen letzten Wochen nicht, als ich das Schiff verlasse. Es ist eine Welt für sich, eine Welt voller Sehnsucht, Einsamkeit und harter Arbeit, aber auch voller Lachen und Zusammenhalt. Es ist eine Welt, die mir vorher nicht bewusst war – von deren Funktionieren wir aber alle in irgendeiner Form abhängig sind. Während ich noch darüber nachdenke, werden im Hafen schon wieder die Taue gelöst. Der nächste Hafen wartet.

*Zum Schutz der Seeleute sind alle Namen, auch jener des Schiffes, geändert.

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