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Die Untergangspropheten

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Von: Sebastian Wolff

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Wie die Dominosteine könnten die Aktien 2017 fallen. Eigentlich wie in jedem Jahr.
Wie die Dominosteine könnten die Aktien 2017 fallen. Eigentlich wie in jedem Jahr. © imago

Selbst ernannte Börsenexperten warnen vor einem großen Crash der Märkte. Das tun sie zuverlässig jedes Jahr, es ist also kaum ein Grund zur Aufregung.

Die E-Mail, die vor wenigen Tagen im elektronischen Postfach vieler Anleger landete, hatte es in sich: „Eilmeldung“, heiß es da in dicken schwarzen Lettern. „Diese Ereignisse werden 2017 die Börsen nachhaltig erschüttern und ganz Deutschland in den Abgrund reißen!“ Und dann stehen da noch Sätze wie: „2017 wird ein gefährliches Jahr“. Oder: „Die Welt gerät immer mehr aus den Fugen.“

E-Mails dieser Art sollen beim Anleger Angst um ihr Vermögen erzeugen. Aus der Angst soll Panik werden und diese Panik soll sie dazu verleiten, ihr Geld komplett umzuschichten – und zwar genau in der Form, wie es der Absender der Mail empfiehlt. In oben erwähnter E-Mail heißt es denn auch: „Handeln Sie jetzt – und schützen Sie sich vor der Unberechenbarkeit der Märkte.“

Die Pseudo-Experten nennen sich „Professor“ oder „Chefanalyst“: Es folgen weitere Warnungen. Ein „Dominostein“ nach dem anderen werde 2017 fallen. Jeder einzelne könne ein „unberechenbares Börsenbeben“ auslösen und „den Tag der Abrechnung in Europa, also auch hier in Deutschland, einläuten“. 2017 werde Chaos bringen. Chaos, auf das kaum ein Anleger vorbereitet sei.

Häufig wird der E-Mail noch ein Video beigefügt. In dem erscheint dann in der Regel ein Herr in Anzug und Krawatte, der sich als Professor oder Doktor Sowieso vorstellt und „Chefanalyst“ oder „Chefredakteur“ eines Börsen-Clubs mit einem wohlklingenden, hoch seriös wirkenden Namen ist. Mit ernstem Gesicht und staatstragendem Tonfall erklärt der selbst ernannte Börsenexperte darin noch einmal in aller Ausführlichkeit, warum dem Leser der Totalverlust seines Vermögens droht. Glücklicherweise könne er Abhilfe schaffen – „allerdings nur für eine kleine Gruppe von Anlegern“.

Und dann soll der Anleger gleich online eine Beitrittserklärung für den Börsen-Club ausfüllen, die mit düsteren Sätzen wie diesen eingeleitet wird: „Ja! Ich möchte mich vor dem kommenden Tag der Abrechnung schützen.“ Anschließend werden dem Anleger erst einmal vier Reports als „Gratis-Geschenke“ versprochen, dann ist von „kostenlosen Club-Leistungen“ die Rede und von einer „100 Prozent risikolosen Probemitgliedschaft“.

Erst ganz zum Schluss kommt die entscheidende Information: Der Anleger soll das „Club Communiqué“ für stolze 29,95 Euro pro Ausgabe abonnieren – und zwar am besten sofort per Mausklick auf das entsprechende Bestellfeld. Es erscheint zwölfmal im Jahr zuzüglich sechs Sonderausgaben. Für insgesamt 18 Publikationen zahlt der Anleger also pro Jahr satte 539 Euro. Ein Gewinner steht damit schon fest – egal, was an der Börse passiert: Es ist nicht der Anleger, sondern der Absender der E-Mail.

Wer im Internet gelegentlich zu Themen wie „Börse“, „Aktien“ oder „Geldanlage“ recherchiert und dabei irgendwo seine E-Mail-Adresse hinterlässt, bekommt das ganze Jahr über solche fragwürdigen Mails. Der Grund ist die von Suchmaschinen wie Google praktizierte personalisierte Werbung, die dazu führt, dass Nutzer Reklame bekommen, die zu den von ihnen bei der Suche eingegebenen Schlagwörtern passt – in diesem Fall eben die Werbebotschaften von selbst ernannten Börsenexperten. Um die Jahreswende herum erreicht die Flut ihrer aggressiven Reklamemails jeweils einen Höhepunkt. Denn das ist für sie immer eine besonders gute Gelegenheit, mit angeblich im neuen Jahr bevorstehenden Katastrophen Ängste zu schüren.

Die Schwarzmaler nutzen die Angst und die Gier

Die Untergangspropheten nutzen die unter Anlegern weit verbreiteten Schwächen schamlos aus – die Angst und die Gier: Nachdem sie erst die Angst der Anleger mit ihren düsteren Prognosen so richtig geschürt haben, wecken sie deren Gier. Sie stellen ihnen Empfehlungen in Aussicht, mit denen sie ihr Vermögen nicht nur retten sollen, sondern dank derer sie ihr Kapital angeblich sogar vervielfachen können. „Diese Aktienperlen“, heißt es dann zum Beispiel, „überstehen jeden Börsen-Orkan und bieten ihnen die Chance auf 300 Prozent Rendite in kürzester Zeit.“

Anlegerschützer warnen eindringlich vor solchen zweifelhaften Anlage-Offerten: „Manche dieser Marktschreier buhlen lediglich um die mediale Aufmerksamkeit, andere wollen gezielt ihre Produkte verkaufen“, sagt Jürgen Kurz, Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Grundsätzlich hätten Untergangspropheten einen entscheidenden Vorteil: „Man kann ihnen nie nachweisen, dass sie falsch liegen. Denn wenn der Kurseinbruch – wie von ihnen vorhergesagt – nicht komme, dann verzögere er sich aus ihrer Sicht eben nur. „Bis sie dann irgendwann doch noch Recht bekommen, denn irgendwann kommt es an der Börse immer mal zu einem Absturz“, so Kurz.

Aktuell hätten Börsen-Pessimisten für dieses Jahr durchaus gute Argumente auf ihrer Seite, sagt Kurz. Denn politisch sei die Unsicherheit groß: Der neue US-Präsident Donald Trump, der bevorstehende EU-Austritt Großbritanniens (Brexit), der zunehmende islamistische Terror und die anstehenden Wahlen in mehreren europäischen Ländern mit aufstrebenden Rechtspopulisten könnten noch zu erheblichen Turbulenzen an den Aktien- und Devisenmärkten führen, sagt DSW-Sprecher Kurz.

Aus diesen Gründen seien sehr negative Prognosen für das Börsenjahr 2017 nicht völlig aus der Luft gegriffen, sagt der Anlegerschützer. Doch plumpe Untergangsszenarien nach dem Motto „Sie werden alles verlieren“ seien völlig unseriös. „Anleger sollten ihre Entscheidungen nie von ihren Gefühlen und schon gar nicht von Angst leiten lassen“, mahnt Kurz. „Doch leider gibt es offenbar immer Leute, die auf so etwas hereinfallen und damit solchen Crash-Propheten in die Hände spielen.“ Sein Rat an alle Anleger, der in jeder Börsenphase gelte, lautet deshalb: „Vor jeder Entscheidung den Kopf einschalten.“

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