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Pflegekräfte machen auf Tausende offene Stellen aufmerksam.

Krankenpfleger

„Unser Pflichtgefühl wird eiskalt ausgenutzt“

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    Rasmus Buchsteiner
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Alexander Jorde, Deutschlands bekanntester Krankenpfleger, über das Abschieben von Verantwortung und Schlechtreden eines Berufs.

Mit diesem Statement sorgte Alexander Jorde im Herbst 2017 für Schlagzeilen: „Im Artikel 1 des Grundgesetzes steht, die Würde des Menschen ist unantastbar. Jetzt habe ich es in einem Jahr im Krankenhaus und Altenheim erlebt, dass diese Würde tagtäglich in Deutschland tausendfach verletzt wird“. Adressat dieser Wort war Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich in der ARD-„Wahlarena“ den Fragen von Bürgern stellte. Jetzt hat der junge Pfleger ein Buch geschrieben, das am Mittwoch vorgestellt wird: „Kranke Pflege. Gemeinsam aus dem Notstand“.

Herr Jorde, Sie sind Deutschlands bekanntester Pflege-Azubi, seit Sie Angela Merkel 2017 mit Missständen konfrontiert haben. Hatten Sie danach noch Kontakt mit der Kanzlerin?
Nein, aber enttäuscht bin ich deshalb nicht. Ich engagiere mich inzwischen auch selbst politisch – in der SPD. Dort gab es einige, die den Kontakt gesucht haben, was für mich aber nicht der Grund des Eintritts war.

Hat sich inzwischen an Ihrem damaligen Befund, es herrsche in Deutschland ein akuter Pflegenotstand, irgendetwas geändert?
Ganz und gar nicht. Es wird eher noch dramatischer werden. Die Situation wird sich durch die Alterung der Gesellschaft verschlimmern, insbesondere in der Altenpflege. Auf der einen Seite steigt die Zahl der Pflegedürftigen, auf der anderen Seite wird sich der Fachkräftemangel verschärfen. Denn viele Pflegekräfte gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand und die Verweildauer im Beruf liegt nur bei durchschnittlich 8,4 Jahren.

Und deshalb haben Sie jetzt ein Buch sozusagen als Weckruf geschrieben?
Ich wollte nicht die x-te Darstellung dessen liefern, wie verheerend die Lage ist. Ich glaube, das wissen inzwischen die meisten aus Berichten oder eigenem Erleben. Wenn man das jetzt immer weiter wiederholt, besteht die Gefahr, dass die Menschen abstumpfen und am Ende nicht mehr zuhören. Doch gute Pflege geht alle an. Jeden kann es treffen. Es reicht nicht, die Verantwortung allein auf die Politik abzuschieben. Druck muss von allen Seiten kommen.

In ihrem Buch findet sich der etwas verstörende Satz, die Pflegenden müssten das System „gemeinsam an die Wand fahren lassen “. Was meinen Sie damit?
Ohne die Pflegekräfte wäre das System schon lange an die Wand gefahren, wir stehen doch nur mit letzter Kraft dazwischen. Egal ob Einspringen, Überstunden oder Auslassen der Pause. Wir machen das aus Rücksicht auf die Patienten, aus Loyalität zum Team. Dieses Pflichtgefühl wird von Klinik- und Heimbetreibern eiskalt ausgenutzt. Wir müssen endlich auch für unsere Rechte einstehen. Und dabei geht es nicht darum, die Notversorgung oder intensive Bereiche zu gefährden.

Dazu müssten die Beschäftigten aber besser organisiert sein.
Richtig. Wir Pflegenden selbst haben es in der Hand, für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu sorgen. Dazu müssen wir uns gewerkschaftlich organisieren. Und wir brauchen eine schlagkräftige Vertretung der Pflegekräfte durch eine Bundespflegekammer, damit die Pflege endlich mit am Tisch sitzt, wenn über Pflege entschieden wird.

Können Sie angesichts der schweren Arbeitsbedingungen und der schlechten Bezahlung jungen Menschen noch raten, in die Pflege zu gehen?
Mich ärgert es sehr, wenn ältere Kollegen zu Azubis sagen: „Warum tust Du Dir das an?“ Wir dürfen doch unseren Job nicht permanent schlechtreden. Das Beispiel Norwegen zeigt, dass es ein sehr erfüllender und hoch angesehener Beruf sein kann, wenn die Arbeitsbedingungen stimmen, wenn wir genügend Zeit für die Patienten haben. In Norwegen kümmert sich eine Pflegekraft am Tag um etwa fünf Patienten. Bei uns ist der Schlüssel eins zu 13!

Was muss konkret in Deutschland getan werden, um die Pflegesituation zu ändern?
Wir brauchen unbedingt verbindliche, strenge Personalvorgaben. Und zwar nicht nur für Intensivstationen und andere wenige Bereiche, wie das bisher geplant ist, sondern für alle Stationen. Ansonsten kommt es zu einem Verschiebebahnhof zu Lasten der Pflegenden: Das Personal in Stationen mit Quote wird verstärkt, die anderen schauen in die Röhre.

Aber woher sollen die Pflegekräfte kommen? Der Markt ist leer.
Dann müssen eben Stationen geschlossen werden. Somit steht mehr Personal für die restlichen Abteilungen zur Verfügung, wodurch sich dort die Arbeitsbedingungen deutlich verbessern. So kann es gelingen, Berufsaussteiger und Pflegefachkräfte zu motivieren, die wegen der bisherigen Überlastung in Teilzeit arbeiten, in Vollzeit zurückzukehren. Das gibt die Chance, geschlossene Abteilungen irgendwann wieder zu öffnen.

Aber zunächst müssen Patienten Nachteile in Kauf nehmen.
Sicher, einige Patienten werden vielleicht länger auf eine planbare Operation wie eine Knie-OP warten müssen. Und es wird einen Aufschrei der Kliniken geben, weil sie Gewinne einbüßen. Aber wenn die Politik das offen und ehrlich kommuniziert, wird es dafür auch Verständnis in der Bevölkerung geben. Es ist doch wohl besser, zwei Wochen länger auf eine OP zu warten, wenn man danach gut und sicher versorgt wird.

Im Gespräch ist, den Personalmangel auch durch Zuwanderer und Seiteneinsteiger zu beheben. Macht das aus Ihrer Sicht Sinn?
So nach dem Motto: Pflege kann doch jeder? Was mich bei der Debatte immer sehr nervt, ist das Herabwürdigen der professionellen Pflege. Das ist ein anspruchsvoller Beruf, für den eine umfassende Ausbildung und enorme Fachkenntnisse nötig sind. Wenn die Bewerber qualifiziert sind, dann gern. Aber die Pflege sollte kein Ort für Menschen sein, die ansonsten nichts gefunden haben.

Gleichzeitig sprechen Sie sich für ein verpflichtendes soziales Jahr aus. Ist das kein Widerspruch?
Nein. Die jungen Menschen sollen eben nicht pflegerische Aufgaben übernehmen, sondern etwa hauswirtschaftliche Tätigkeiten. So ein Gesellschaftsdienst hätte auch eine andere wichtige Funktion: Weil sie in einer gewissen Wohlstandsblase aufgewachsen sind, fehlt vielen jungen Menschen der Bezug zu Kranken, Alten oder Menschen am Rand der Gesellschaft. Durch eine Dienstpflicht kommt man mit Menschen in Kontakt, mit denen man sonst nie ein Wort gewechselt hätte. Das baut Vorurteile ab und kann dabei helfen, die auseinanderdriftende Gesellschaft wieder zusammenrücken zu lassen. Und es gibt viele, die die Pflege für sich als Beruf erst durch einen Zivildienst entdeckt haben.

Zur Person

Alexander Jorde, Jahrgang 1996, ist Auszubildender in der Gesundheits- und Krankenpflege. 2016 begann er eine Ausbildung in der Gesundheits-und Krankenpflege. In dieser Woche erscheint sein Buch „Kranke Pflege. Gemeinsam aus dem Notstand“ im Tropen Verlag, 211 Seiten, 17 Euro. FR

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