Auf dem Weg vom Acker bis zum Supermarkt liegt noch viel Arbeit.
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Auf dem Weg vom Acker bis zum Supermarkt liegt noch viel Arbeit.

Die Welt nach Corona

Unser Essen, ihre Arbeit

  • vonBenjamin Luig
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Sonderschichten, Niedriglöhne, Werkverträge: Die Menschen, die auf dem Land oder im Laden für unsere Ernährung sorgen, haben oft die miesesten Jobs. Die Krise zeigt, dass sich das ändern muss: mehr Geld, weniger Stress. 

Mit dem Beginn der Corona-Pandemie wurde deutlich, wie wichtig die Arbeit der Beschäftigten im Lebensmittel-Einzelhandel ist. Neben dem Krankenhauspersonal wurde vor allem ihnen immer wieder von Balkons applaudiert. Manche Arbeitgeber nahmen diese Welle der Wertschätzung auf. Aldi Nord und Aldi Süd starteten beispielsweise eine flauschige Plakatkampagne „Zusammensein ist ein Gefühl“, in der es hieß: „Aldi ist für euch da“. Die Bundesregierung zählte den Lebensmittel-Einzelhandel ebenso wie die nahrungsmittelverarbeitenden Betriebe und die Landwirtschaft zu den „systemrelevanten“ Wirtschaftssektoren. Auch die Mehrheit der Bevölkerung scheint das so zu sehen. Laut einer Umfrage der Hans-Böckler-Stiftung stimmen 94 Prozent der Befragten zu, dass Beschäftigte in systemrelevanten Berufszweigen wie der Ernährungswirtschaft besser bezahlt werden sollten.

Was nach einigen Wochen Corona-Ausnahmezustand jedoch sichtbar wird: Weder die Systemrelevanz noch die Solidaritätsbekundungen aus der Bevölkerung führen bisher zu einer Aufwertung der oftmals von Prekarität gekennzeichneten Berufszweige, im Gegenteil.

Für die Angestellten des Lebensmittel-Einzelhandels und des Lebensmittel-Großhandels bedeutet Corona vor allem, Sonderschichten zu schieben. Zudem dauerte es einige Wochen, bis angemessene Sicherheitsmaßnahmen ergriffen wurden, wie die Bereitstellung von Handschutz, Desinfektionsmitteln und Plexiglasscheiben an der Kasse oder die Durchsetzung von Sicherheitsabständen zu Kunden. Während einige Supermarktketten medienwirksam Bonuszahlungen oder Warengutscheine an ihre Mitarbeiterinnen (es sind überwiegend Frauen) ausgegeben haben, musste Verdi den Versuch der Arbeitgeber abwehren, eine Ausweitung der täglichen Höchstarbeitszeit auf zwölf Stunden durchzusetzen.

Die zumeist mittelständischen Unternehmen der Nahrungsmittel- und Getränkeverarbeitung sind sehr unterschiedlich betroffen. Während der Umsatz vieler Brauereien eingebrochen ist, werden in Betrieben, die Grundnahrungsmittel wie Pasta für den Einzelhandel produzieren, Überstunden und Extraschichten geleistet. „Die Menschen arbeiten am Limit, damit Aldi, Lidl, Rewe, Edeka & Co. die Ware nicht ausgeht“, sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Guido Zeitler, Anfang April.

Scharfe Kritik übt die NGG vor allem aber auch an den Vorgaben von Supermarktketten. Diese forderten von den verarbeitenden Unternehmen auf der einen Seite, in der Krise noch schneller und noch mehr zu produzieren, drückten aber zugleich die Preise. Anders als im Einzelhandel entschied die Bundesregierung, in der Ernährungswirtschaft die Höchstarbeitszeit-Regelung außer Kraft zu setzen und die Maximalarbeitszeit auf zwölf Stunden pro Tag zu erhöhen.

Besonders extrem ist die Ausbeutung zumeist osteuropäischer Werkvertragsarbeiter in den Schlachtfabriken von Westfleisch, Tönnies und Co. Sie werden in Massenunterkünften untergebracht und arbeiten am Schlachtband mit geringen Abständen im Akkord. Die anstrengende Arbeit macht es schwer, rund um die Uhr die Gesichtsmasken zu tragen. So wird der Arbeitsplatz zu einem Ort des besonderen Übertragungsrisikos. Erst in der vergangenen Woche reagierte die Bundesregierung mit einem Verbot von Werkverträgen in der Fleischwirtschaft, das ab dem kommenden Jahr gelten soll.

Ähnlich sieht es in der Landwirtschaft aus. Auch hier wurde die Maximalarbeitszeit auf zwölf Stunden pro Tag verlängert. Bauernverband und Bundespolizei koordinieren den Transport der Arbeiter*innen vom Rollfeld der Flughäfen direkt in die Unterkünfte. Dies macht es den Gewerkschaften unmöglich, sie über ihre Rechte zu informieren. Laut Verfügung des Agrarministeriums ist es weiterhin möglich, bis zu 20 Arbeiter*innen in eine Unterkunft zu pferchen.

Schon in den letzten Jahren galt: Zwar erhielten Arbeiter*innen auf dem Papier den Mindestlohn, faktisch aber wurden ihnen für Massenunterkünfte, die Anreise mit dem Bus und manchmal selbst für Arbeitsutensilien Teile des Lohns abgezogen. Vergangene Woche traten Saisonarbeiter*innen auf einem Hof bei Bonn in den Streik, weil sie ihre Löhne erst am Ende der Saison bei Abreise erhalten sollten.

Nichts deutet bisher darauf hin, dass in der Welt nach Corona die Arbeit in der Lebensmittel-Lieferkette aufgewertet wird. Im Gegenteil, mit Verweis auf die Belastung des Sektors wurden Arbeitsrechte teilweise weiter abgebaut. Wie aber sähen Schritte aus, die über das Verbot von Werkverträgen hinaus die Situation der Beschäftigten verbesserten?

Wir brauchen eine ehrliche Debatte darüber, wer von dem System bisher besonders profitiert und sich stärker an der Bewältigung der Krise beteiligen sollte. Es ist kein Zufall, dass drei der fünf reichsten Bürger in Deutschland Eigentümer von Supermarktkonzernen sind. Kern des Problems ist der Preisdruck des Lebensmittel-Einzelhandels.

Der Kern des Problems:

Die Serie

Mitten in der Krise über die Welt danach zu reden – ist das eine Zumutung? Haben wir nicht alle genug damit zu tun, die Beschränkungen des alltäglichen Lebens, die Angst vor der Erkrankung und den materiellen Folgen zu bewältigen? Wir haben uns entschieden, den Blick in die Zukunft dennoch zu wagen. Wir sind überzeugt, dass wir jetzt überlegen müssen, was auf Dauer anders werden muss, damit es für alle besser wird.

Sehr unterschiedliche Aspekte soll diese Serie abdecken: von der Erfahrung der fehlenden Verfügbarkeit über das eigene Leben bis zu einer grundlegenden Neugestaltung der Wirtschaftsordnung.

Viele Gastautorinnen und -autoren haben ihre Teilnahme zugesagt, etwa die Philosophin Nancy Fraser und der Soziologe Harald Welzer. Die nächste Folge erscheint am Samstag. Alle erschienenen Beiträge sind auch online zu finden unter fr.de/welt-nach-corona.

die Preisschraube

Wir Konsument*innen können nicht mehr essen, als in unsere Mägen passt. Deshalb ist der Lebensmittelsektor das sprichwörtliche Paradebeispiel eines „gesättigten Markts“. Wenn die Supermarktkonzerne weiter wachsen, dann geht das nur über harte Verdrängungskämpfe. Inzwischen kontrollieren die großen vier (Edeka, die Schwarz-Gruppe mit Lidl sowie Aldi und Rewe) mehr als 85 Prozent des Lebensmittel-Einzelhandels. Die Corona-Krise, durch die kleine Händler schließen müssen, wird die Marktmacht der Ketten weiter zementieren. Diese Marktmacht des Handels und der knallharte Preiskampf setzen die oft mittelständischen Zulieferer und die Landwirtschaft unter Druck, mit massiven Folgen für die Arbeitsbedingungen entlang der gesamten Kette.

Voraussetzung, um Druck aus dem Kessel zu nehmen und Spielräume für bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen, wären bessere Preise für die Landwirtschaft und die nahrungsmittelverarbeitenden Betriebe. In Frankreich zum Beispiel wurde 2019 ein Gesetz über „ausgewogene Handelsbeziehungen im Agrar- und Lebensmittelsektor“ wirksam, das Bauern und Zulieferern angemessene Preise ermöglichen soll. Supermarktketten dürfen ihre Lebensmittel zugleich nur noch zu maximal 110 Prozent des Einkaufspreises weiterverkaufen. Dies könnte höhere Preise und Löhne in der Lieferkette sicherstellen, ohne dass diese Erhöhungen auf die Konsument*innen abgewälzt werden. Ein solches Gesetz könnte auch die Lücke schließen, die 2001 entstand, als Rot-Grün das bestehende Verbot von aggressiven Rabatten im Lebensmittel-Einzelhandel beseitigte.

Weitere Bausteine wären wichtig, wie die Umsetzung der EU-Richtlinie zu unlauteren Handelspraktiken. Für Aldi, Edeka und Co ist es beispielsweise Standard, von Zulieferern Gebühren dafür zu verlangen, ihre Produkte überhaupt ins Sortiment aufzunehmen. Langfristig müsste die Marktmacht über die Entflechtung von Konzernen reduziert werden. Dies müsste Hand in Hand damit gehen, dass jede*r sich Essen leisten kann, angefangen mit der massiven Erhöhung des Hartz-IV-Satzes und einer deutlichen Erhöhung des Mindestlohns.

Die Vision:

Arbeit für ein gutes Leben

Damit würden Spielräume dafür geschaffen, anstelle der prekären Beschäftigungsformen ein neues Leitbild von guter Arbeit im Ernährungssystem durchzusetzen. Ein solches Leitbild könnte aus drei Elementen bestehen.

Erstens müssen die Löhne für ein gutes Leben ausreichen. Das heißt, sie sollten nicht nur „armutssicher“ sein, sondern Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum ermöglichen. Die Tarifbindung in der Nahrungsmittelindustrie und im Einzelhandel ist in den letzten beiden Jahrzehnten erodiert. Im Einzelhandel sind nur noch 25 Prozent der Betriebe tarifgebunden. Ohne Tarifbindung wird im Lebensmittel-Einzelhandel durchschnittlich 30 Prozent weniger Gehalt bezahlt. Zwei Drittel der Angestellten arbeiten nur in Teilzeit. Zwar sollen Werkverträge über Subunternehmen in Schlachtfabriken verboten werden, in Branchen wie der Getränkeindustrie oder bei Tätigkeiten von Reinigungsdiensten sind sie jedoch weiter gang und gäbe. Der Missbrauch von Selbstständigkeit, Leiharbeit und Befristungen muss insgesamt beendet und eine flächendeckende Tarifbindung durchgesetzt werden.

Zweitens muss die Arbeit wieder um das Leben kreisen und nicht umgekehrt. Die Untergrabung der bestehenden Gesetze zur Höchstarbeitszeit einerseits, ein zu niedriges Kurzarbeitergeld andererseits sind Ausdruck davon, dass die Bundesregierung auf die Situation der Beschäftigten keine Rücksicht nimmt. In Kombination mit einer ausreichenden Bezahlung könnte eine kurze Vollzeit von 28 bis 35 Stunden für alle Beschäftigten der neue Standard werden. Dies würde es Familien erlauben, statt Dauerstress und Zwang zu Flexibilität einen Gleichklang zwischen Lohnarbeit und Zeit für Familie und Freundschaften herzustellen. Menschen, die zeitweise nach Deutschland kommen und hart arbeiten, um unser Essen zu produzieren, müssen für diese Zeit am Sozialsystem und am gesellschaftlichen Leben teilhaben dürfen.

Ein drittes Element wäre schließlich das der betrieblichen Mitbestimmung. Wie die mangelnden Gesundheitsstandards am Arbeitsplatz in den letzten Wochen gezeigt haben, ist es fatal, wenn die Angestellten keine Mitsprache darin haben, wie vor Ort auf neue Herausforderungen reagiert wird. Dies gilt für Corona, aber auch für andere Herausforderungen: Welche Formen der softwaregesteuerten Arbeitsabläufe sind sinnvoll, welche nicht? Wo führen sie zu Arbeitsüberlastung und neuen Formen der Überwachung? Was bedeutet die erneute Dürre dieses Jahr für den notwendigen Gesundheitsschutz der Arbeiter*innen in der Landwirtschaft? Die Systemrelevanz sollte ein Stimulus sein für mehr Wirtschaftsdemokratie in der Lieferkette.

Die Arbeit im Ernährungssystem ist in doppelter Hinsicht systemrelevant. Die Beschäftigten garantieren die stabile Versorgung mit Nahrungsmitteln in Krisenzeiten. Aber auch die schiere Zahl der Menschen, um die es geht, macht diesen Sektor systemrelevant. Rechnen wir neben der bäuerlichen Landwirtschaft (400 000) die fest Beschäftigten in der Landwirtschaft (200 000), die Saisonarbeiter (300 000) und auch die Menschen hinzu, die in der Nahrungsmittelverarbeitung, im Getränkesektor und im Ernährungshandwerk arbeiten (zusammen 700 000), und kommt dann noch der Lebensmittel-Einzelhandel (knapp 800 000) dazu, so kommen wir auf knapp 2,4 Millionen Arbeitsplätze. Der Großhandel ist da noch nicht einmal mitgezählt. Das sind sehr viel mehr als beispielsweise die 800 000 Angestellten der Automobilindustrie.

Wenn die Bundesregierung es ernst meint mit der Wertschätzung der Menschen, die unsere Grundversorgung über die Lockdown-Wochen sichergestellt haben, ist es höchste Zeit dafür, ihnen endlich gute Arbeitsbedingungen zu ermöglichen. Das Verbot von Werkverträgen in der Fleischindustrie ist dazu nur der erste Schritt.

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