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Ungleichheit tötet

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Wie soziale Verhältnisse die Gesundheit bestimmen

Vor 40 Jahren verabschiedete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Erklärung, mit der das utopisch anmutende Ziel „Gesundheit für alle“ plötzlich sehr nahe schien. Damals, im September 1978 unterzeichneten im kasachischen Alma Ata (heute Almaty) 123 Staaten das Konzept der Basisgesundheitsversorgung, dessen tragenden Säulen das Bemühen um soziale Gerechtigkeit und demokratische Teilhabe gewesen sind.

Grundlage für die „Alma Ata Erklärung“ waren nicht zuletzt die gesundheitlichen Erfolge, die in den Ländern des Nordens erzielt werden konnten. Entscheidend für die dortige Steigerung der Lebenserwartung, einem der zentralen Gesundheitsparameter, waren in erster Linie verbesserte Lebens-, Arbeits- und Wohnverhältnisse sowie bessere Ernährungs- und Bildungschancen. Nur zu einem Drittel ließen sich die Erfolge auf kurative Angebote, wie Arzneimittel, medizinische Betreuung und Krankenhäuser zurückführen.

Wie sehr die Lebensumstände den Gesundheitszustand von Menschen beeinflussen, darauf verwies 2008 die „WHO-Kommission über die sozialen Determinanten von Gesundheit“. In Glasgow lebten Kinder, die in den Wohngebieten der besser gestellten Bevölkerung zur Welt kamen, um durchschnittlich 28 Jahre länger als die, die in ärmeren Stadtteilen geboren wurden. In Deutschland, so das Robert-Koch-Institut, sterben heute Menschen mit geringem Einkommen durchschnittlich zehn Jahre früher als jene mit viel Einkommen.

„Soziale Ungleichheit tötet im großen Maßstab“, betonte die WHO-Kommission in ihrem Abschlussbericht. Gesellschaftliche Faktoren wie Einkommen, eine intakte Umwelt, aber auch der Zugang zu sozialen Sicherungssystemen haben einen erheblich größeren Einfluss auf die Gesundheit der Menschen als die medizinische Versorgung, so wichtig sie ist.

„Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und Politik nichts anderes als Medizin im Großen“, befand 1848 Rudolf Virchow, der Begründer der Sozialmedizin. Angesichts des heute weltweit erzeugten Reichtums ist die Chance, allen Menschen einen Lebensstandard zu ermöglichen, der persönliches Wohlbefinden garantiert, nie größer gewesen. Gesundheit für alle ist möglich. Ihre Verwirklichung erfordert nicht zuletzt eine Rückbesinnung auf die „Alma Ata Erklärung“ der WHO.

Der Autor ist Geschäftsführer der Hilfs- und Menschenrechtsorganisation Medico International.

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