+
Kristalina Georgieva, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Analyse

Ungleichheit erhöht Krisengefahr

  • schließen

Die Chefin des IWF hat Finanzunternehmen aufgefordert, mehr gegen Ungleichheit zu tun. Doch damit spricht sie die Falschen an.

Kristalina Georgieva, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), hat den globalen Finanzsektor aufgefordert, mehr gegen die Ungleichheit zu unternehmen. Denn „unsere neue Forschung zeigt, dass die Ungleichheit dazu tendiert, vor einer Finanzkrise zuzunehmen“, sagte Georgieva. Das deute auf eine „starke Verbindung zwischen Ungleichheit und Finanzstabilität“. Das mag ein gut gemeinter Ratschlag sein. Die Frage bleibt, ob Georgieva mit ihm an der richtigen Adresse ist.

Die IWF-Chefin thematisiert die Ungleichheit an dieser Stelle nicht als moralisches Defizit. Angesichts des wachsenden Reichtums nimmt sie nicht einfach Partei für die Elenden. Damit erweist sie sich als Realistin, denn auch Georgieva weiß wohl, dass der Finanzsektor mit der Schere von Arm und Reich an sich kein Problem hat. Schließlich wirkt er massiv an der Ungleichheit mit, der Finanzsektor produziert die Milliardengewinne für und im Auftrag der High Net Worth Individuals und der Ultra High Net Worth Individuals.

Im Geldgewerbe weiß man am besten, dass mehr Geld mehr Rendite bringt, weil sich die Reichen bessere Vermögensverwalter leisten und auf Grund ihres Reichtums auch höhere Risiken eingehen können, die höhere Erträge abwerfen, die anschließend noch steueroptimiert werden.

Die IWF-Chefin versucht daher, den Finanzsektor bei seinem Eigeninteresse zu packen: Ungleichheit macht Krise, warnt sie. Damit liefert der Fonds einen weiteren Beleg gegen die These, dass gute Konjunktur automatisch allen zu Gute kommt. Denn Vorkrisenzeiten sind auch meist konjunkturell gute Zeiten. Und wenn in diesen Perioden üblicherweise auch die Ungleichheit zunimmt, so bedeutet das: Die steigende Flut hebt nicht alle Boote gleichmäßig, wachsender Reichtum tröpfelt nicht zwangsläufig von oben nach unten.

Ungleichheit erhöht Krisengefahr – selbst wenn der Finanzsektor der Warnung Georgievas Glauben schenkt, so bleibt fraglich, ob sich Banker, Börsianer und Fondsmanager danach richten werden. Für sie ist die Stabilität des Finanzsystems kein Ziel an sich, nur ein Aspekt unter vielen, an dem sie ihre Anlagestrategien ausrichten. Wäre Systemstabilität ein eigenes Ziel, dann würden Banken zum Beispiel kaum zögern, ihre Eigenkapitalpuffer weit über das vorgeschriebene Maß zu erhöhen. Doch das tun sie selten, weil es ihren Renditezielen schadet.

Zu Krisen haben Finanzinvestoren ein instrumentelles Verhältnis. Einerseits wollen sie Verluste vermeiden. Andererseits ist es ihr Ziel, erst kurz vor dem Abschwung, also zum Höhepunkt der Märkte, ihre Papiere zu verkaufen. Sie investieren also so lange, wie der Markt steigt.

Wer aus Sorge um die Stabilität zu früh aussteigt, dem entgehen Spekulationsgewinne, und entgangene Gewinne zählen in diesem Gewerbe wie Verluste. „Solange die Musik spielt, muss man aufstehen und tanzen“, sagte Citigroup-Chef Charles Prince im Sommer 2007, als sich die Finanzkrise schon ankündigte, und fügte hinzu: „Wir tanzen immer noch.“

Auf den Finanzsektor sollte sich die Politik also nicht verlassen, wenn sie die Welt zu einem sicheren und besseren Ort machen will. Sie ist es, die für beides zuständig ist: für die Stabilität des Systems und für die Abnahme der Ungleichheit. Wenn beides zusammengeht, umso besser.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare