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Im Finanzkasino werden bisweilen Milliardensummen verspielt.

JP Morgan

"Ungeheuerliche Fehler"

Fehler, Schlampereien und schlechtes Urteilsvermögen: Ausgerechnet die als vorbildlich geltende Bank JP Morgan hat zwei Milliarden Dollar durch windige Geschäfte verzockt.

Von Thorsten Schröder und Sebastian Wolff

Die staatliche Regulierung der Banken sei geschäftsschädigend und anti-amerikanisch, hatte Jamie Dimon gepoltert. Trotz Lehman-Pleite, trotz riesiger Verluste der Branche, trotz Milliarden-Rettungspaketen – der Chef der US-Großbank JP Morgan war so ziemlich der einzige, dem man eine solch provokante Aussage noch durchgehen ließ.

Denn Dimons Geldhaus, das größte der USA, stand bis zuletzt viel besser da als die Konkurrenz. JP Morgan hatte nämlich in der Finanzkrise weit weniger riskante Geschäfte gemacht als andere Großbanken und war deshalb ohne Verluste durch die Krise gekommen. Warum also mit strengen Gesetzen auch die bestrafen, die von sich aus verantwortungsvoll handeln?, so Dimons unausgesprochener Vorwurf.

Durch Fehlspekulationen zwei Milliarden verzockt

Und nun das: Ausgerechnet JP Morgan hat mit Fehlspekulationen zwei Milliarden Dollar verzockt. Bankchef Dimon musste einräumen, dass es seit Ende März massive Abschreibungen in einem Kreditportfolio gegeben habe, weil die Absicherung gegen Verluste gescheitert sei. Der Fehlbetrag könne sogar um eine weitere Milliarde Dollar anwachsen. Denn die Bank will nicht überhastet aus den Spekulationsgeschäften aussteigen, weil sie sonst womöglich noch größere Verluste riskieren und den gesamten Finanzmarkt destabilisieren würde.

Zerknirscht sah sich Dimon gezwungen zuzugeben, dass das Desaster durch „ungeheuerliche Fehler“ selbstverschuldet sei. „Es gab viele Fehler, Schlampereien und schlechtes Urteilsvermögen“, so die Selbstkritik.

Was genau ist passiert? Die Bank hat sich im großen Stil mit synthetischen Finanzprodukten verspekuliert. Wie es genau abgelaufen ist, wollte Dimon nicht verraten – vielleicht, weil er es selbst auch nicht genau weiß. Wahrscheinlich ist: Die Bank ist wohl hohe Wetten gegen andere Marktteilnehmer auf bestimmte Kursverläufe eingegangen – und hat verloren. JP Morgan hat also genau das getan, womit andere Banken im Jahr 2008 die Finanzkrise mit ausgelöst hatten.

Neue Regeln sollten das Zocken verhindern

Neue Regeln wie die Volcker Rule – benannt nach dem ehemaligen US-Notenbankchef Paul Volcker – sollten genau das verhindern: Dass Banken wieder so unverantwortlich auf eigene Rechnung zocken, dass am Ende erneut der Steuerzahler für den Schaden aufkommen muss. Die Volcker Rule will Wetten, die die Banken auf eigene Rechnung tätigen, stark einschränken. Doch Dimon hatte die Regel bis zuletzt vehement abgelehnt. Sie belaste die Banken mit enormen Kosten und gefährde den Wirtschaftsaufschwung, argumentierte er damals. „Das lässt uns ziemlich dumm aussehen“, gab Dimon jetzt kleinlaut zu.

Ausgelöst haben soll das Desaster bei JP Morgan ein einzelner Londoner Händler: Schon vor Wochen waren Gerüchte laut geworden, dieser Händler mit dem Spitznamen „Wal von London“ tätige derart große Geschäfte, dass der ganze Markt davon bewegt würde. Damals noch hatte Bankchef Dimon gespottet, es handele sich um einen „Sturm im Wasserglas“, jetzt musste er einräumen, dass die Verluste genau dort ausgelöst wurden.

Der Fall erinnert auf den ersten Blick an die spektakulären Skandale der Schweizer Bank UBS und der französischen Société Générale, wo ebenfalls jeweils ein einzelner Händler durch Zockereien Milliardenverluste verursacht hatte. Doch während dort die kriminelle Energie Einzelner die Verluste auslösten, ist der Fall JP Morgan besorgniserregender. Denn die Geschäfte des „Wal von London“ waren ja ausdrücklich von der Bankspitze so gewollt. Sie sollten die Risiken begrenzen.

Bankenkurse an der Wall Street brachen ein

„Der Fall JP Morgan ist damit im Prinzip noch wesentlich schlimmer als die Fälle UBS und Société Générale“, sagt Dirk Schiereck, Professor für Banklehre an der TU Darmstadt. „Gegen kriminelle Energie können auch die besten Sicherungssysteme nichts ausrichten. Doch bei JP Morgan muss die komplette Führungsspitze der Bank versagt haben, die ja grünes Licht für die Geschäfte erteilt hatte.“

Minuten nach Bekanntwerden brachen an der Wall Street sämtliche Bankenkurse ein. Zu groß ist unter den Investoren die Angst, auch andere Institute könnten mit komplizierten Finanzvehikeln spekuliert haben und versteckte Milliardenverluste könnten noch an die Oberfläche gespült werden. Die Befürworter einer stärkeren Regulierung sahen die Verluste als Bestätigung. „Die Verluste bei JP Morgan sind der jüngste Beweis dafür, dass das, was Banken gerne Absicherung nennen, oft riskante Wetten sind, von denen Institute dieser Größe die Finger lassen sollten“, so der demokratische Senator Carl Levin.

Dimon befürchtet, dass das Desaster noch für eine Weile Spuren in der Bilanz hinterlassen wird. Die Sparte Corporate und Private Equity werde im zweiten Quartal nun wohl einen Verlust von 800 Millionen Dollar ausweisen statt des angepeilten Gewinns von rund 200 Millionen Dollar. Er gehe davon aus, dass weitere kleinere Verluste ans Licht kommen werden, so David Kotok von der Investmentberatung Cumberland Advisors, was weitere Abschreibungen bedeuten könnte. Schlimmer indes sei, der nun ziemlich ramponierte Ruf der Bank.

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