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Unersättliche Giganten

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Von: Stefan Sauer

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Protest gegen den Saatguthersteller Monsanto. Dieser Demonstrant macht auf seinem Schild klar: "Ich will keine transgene Lebensmittel essen".
Protest gegen den Saatguthersteller Monsanto. Dieser Demonstrant macht auf seinem Schild klar: "Ich will keine transgene Lebensmittel essen". © REUTERS

Der Lebensmittelmarkt ist viele Milliarden wert - und die teilen sich immer weniger Unternehmen untereinander auf. Der NGO-Bericht „Konzernatlas 2017“ kritisiert die Agrarindustrie.

Wo und wie Lebensmittel erzeugt werden, an wen sie verkauft werden, was sie kosten und auf wessen Kosten sie gehen – das bestimmen Großkonzerne. Ihre Macht wächst und wächst.

Durch Übernahmen, Fusionen und neue Geschäftsfelder beherrschen nur noch wenige Konzerne den globalen Lebensmittelmarkt. Manche verfügen über Ländereien großfürstlichen Ausmaßes. Der argentinische Sojaproduzent El Tejar kontrolliert ein Anbaugebiet, das fast drei Mal so groß ist wie Luxemburg. Nicht minder beeindruckend ist der Rohstoffhunger der Lebensmittelindustrie. Allein Coca-Cola verbrauchte im Jahr 2015 rund 300 Milliarden Liter Wasser und damit genauso viel wie das westafrikanische Ghana mit 26 Millionen Einwohnern. Dabei ist das Unternehmen mit 44,3 Milliarden US-Dollar Umsatz (2015) nur die Nummer zwei auf dem Weltmarkt für Limonaden, hinter Pepsi mit 63 Milliarden.

Man könnte solche Daten, die der von sechs Nicht-Regierungsorganisationen herausgegebene „Konzernatlas 2017“ auf 50 Seiten dokumentiert, um weitere Angaben ergänzen: um das Zusammenwachsen von Pestizidherstellern mit der landwirtschaftlichen Gentechnik, für das die Übernahme von Monsanto durch Bayer nur das prominenteste Beispiel ist. Um den globalen Mineraldüngermarkt, den sich zehn Konzerne teilen, darunter der Kasseler Kaliumproduzent K+S. Oder um das Segment der Landwirtschaftsmaschinen, wo John Deere und AgCo (beide USA) sowie die niederländische CNH-Gruppe mehr als die Hälfte des Weltmarkts mit 112 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz (2015) unter sich aufgeteilt haben. „Heute bestimmen einige wenige globale Konzerne die großen Trends in der Landwirtschaft und beim Nahrungsmittelkonsum“, heißt es im Atlas, der von der Böll-Stiftung, dem BUND, Germanwatch, Le Monde diplomatique, Oxfam und der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegeben wurde.

Das vielleicht eindrucksvollste Beispiel für zunehmende Konzentration und ausufernde Macht liefert der globale Agrarrohstoffhandel. Die US-Konzerne Cargill, Archer Daniels Midland (ADM) und Bunge sowie der niederländische Großhändler Louis Dreyfuß haben einen Weltmarktanteil von 70 Prozent. Zusammen mit dem Aufsteiger der vergangenen Jahre, dem staatlichen chinesischen Getreidehändler Cocfo, beherrschen sie mehr als drei Viertel der Warenströme mit Weizen, Soja, Reis und Co. Ihr Gesamtumsatz lag 2015 bei gut 301 Milliarden US-Dollar.

„Die Konzerne besitzen Hochseeschiffe, Häfen, Eisenbahnen, Raffinerien, Silos, Ölmühlen und Fabriken“, schreiben die Autoren des Atlasses. Bereits seit 30 Jahren nämlich setzen die einst auf den Handel beschränkten Unternehmen auf die „vertikale Integration“, also auf eine Ausdehnung nach oben und unten: auf Äcker und Ställe an einem sowie Veredelung und Handel am anderen Ende der Wertschöpfungskette.

ADM, Cargill und Bunge verfügen auch über eigene Investmentgesellschaften, die Agrarflächen aufkaufen. Die Wirtschaftsagentur Bloomberg vergleicht den Einfluss des Marktführers Cargill mit dem von Goldman Sachs und stellte fest, die Firma sei nicht Teil einer Wertschöpfungskette, sondern die Kette selbst.

Noch ausgeprägter ist die Konzentration auf Teilmärkten. So werden vier Fünftel des weltweiten Teehandels von nur drei Konzernen abgewickelt: Unilever („Lipton“), dem indischen Tata-Mischkonzern sowie Associated British Foods („Twinings“). Nestlé und die JAB Holding, zu der unter anderem Jacobs Douwe Egberts gehört, stehen für 43 Prozent des Welthandels mit abgepacktem Kaffee. Auch der Endverbraucher bekommt es beim Einkauf mit Konzernen zu tun. Die deutsche Schwarzgruppe (Lidl) ist nach den nordamerikanischen Ketten Walmart, Costco und Kroger weltweit die Nummer vier im Lebensmitteleinzelhandel, Aldi folgt auf Rang sieben. In Deutschland beherrschen die beiden Discounter gemeinsam mit Edeka und Rewe nach deren Übernahme von Kaisers-Tengelmann fast 90 Prozent des Marktes.

Die Folgen dieses Konzentrationsprozesses sind nicht nur steigende Umsätze, sondern auch Arbeitsschutzverletzungen und Umweltzerstörung. Nach Angaben der internationalen Arbeitsorganisation ILO werden Arbeitsschutznormen sowie das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern massenhaft missachtet. Allein unsachgemäßer Pestizideinsatz fordert laut ILO auf den Plantagen weltweit rund 40 000 Todesopfer pro Jahr.

Infolge der zunehmenden Bodenspekulation ächzen viele kleine Bauern unter steigenden Pachtgebühren. Mit mehr Technik steigt zudem die Abhängigkeit von hybridem Saatgut, Dünger und Pestiziden, die oft von einem einzigen Konzern kommen.

Die Landwirte sind das schwächste Glied in der Kette. Das wird am Supermarktpreis für eine Tafel Schokolade deutlich. Erhielt ein Kakaobauer im Jahr 1980 noch einen Anteil von 16 Prozent des Preises, so sind es heute nur noch sechs.

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