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Thelen-Fonds: Es „handelt sich um eine offensive, aggressive, risikoreiche Anlage“

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Von: Moritz Serif

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Frank Thelen hat einen Fonds namens 10x DNA aufgelegt
Frank Thelen hat einen Fonds namens 10x DNA aufgelegt (Archivfoto). © Britta Pedersen/dpa/picture alliance

Frank Thelens Fonds läuft nach wie vor sehr schlecht. Fachmann Gerd Kommer gibt im Interview eine Einschätzung zum Aktienpaket ab.

Berlin/München/Bonn – Frank Thelen, deutscher Unternehmer, Investor und Autor, hat einen eigenen Fonds „10xDNA“ aufgelegt und wirbt mit seiner Marke bei Kleinanleger:innen darum, einzusteigen. Seit dem 1. September 2021 ist das Paket handelbar und konzentriert sich hauptsächlich auf Tech-Aktien, darunter solche der Unternehmen Tesla, Soitec und Palantir. Aber auch Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum werden als Zertifikate gehalten.

Bislang hat der 10xDNA-Fonds desaströs performt. Viele Anleger:innen sind enttäuscht. Betriebswirt Gerd Kommer ist ein Spezialist auf dem Gebiet der Geldanlage. Im zweiteiligen Interview mit der Frankfurter Rundschau gibt er eine Einschätzung zum Aktienpaket ab. Kommer rät Thelen unter anderem dazu, sich mit dem Verkauf des Fonds auseinanderzusetzen, auch wenn dies sein Image nachhaltig beschädigen könnte.

Herr Kommer: Handelt es sich beim 10xDna Fonds von Frank Thelen um eine defensive oder offensive Anlage?

Beim Thelen-Fonds handelt es sich um eine offensive, „aggressive“, risikoreiche Anlage. Das zeigt sich an der geringen Streuung, sprich Diversifikation im Fonds. Die Zahl der Aktien im Fonds ist im Vergleich eher klein. Hinzu kommt, dass diese Aktien eng auf die Tech-Branche und auf das Thema „disruptive Technologien“ konzentriert sind. 

Thelen sagt, dass es sich nicht um Spekulation handele. 

Wenn er das so gesagt hat, ist es meines Erachtens für Privatanleger potenziell irreführend und das bisherige Renditeergebnis spricht in Bezug auf „Spekulation“ wohl für sich. 

Kommer: Thelens Fondsstrategie „basiert auf falschen Annahmen“

Wie schätzen Sie den allgemeinen Investmentansatz des Fonds ein?

Aus meiner Sicht basiert die Fondsstrategie generell auf falschen Annahmen.

Können Sie das weiter ausführen?

Thelen glaubt, dass Tech-Aktien langfristig höhere Renditen als der restliche Aktiensektor haben. Aus den historischen Daten lässt sich das allerdings nicht ableiten und aus der Sachlogik auch nicht. Tatsächlich haben Tech-Aktien langfristig keine höheren Renditen, sie sind lediglich volatiler als der Gesamtmarkt. Seine Annahme, Kompetenz im Venture Capital-Bereich lasse sich auf Investieren in börsennotierte Aktien übertragen, ist falsch.

Zur Person: Gerd Kommer

Gerd Kommer ist ein deutscher Investmentbanker und Autor. Unter anderem verfasste er den Bestseller „Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs“. Kommer studierte BWL, Steuerrecht, Germanistik und Politikwissenschaft in Deutschland, den USA und Liechtenstein (M.A., MBA, Dr. rer. pol., LL.M.). Außerdem hat er eine Vermögensverwaltung auf Basis von Indexfonds gegründet. Kommer ist auch als „ETF-Papst“ bekannt.

Das heißt konkret?

Thelen mag ja Erfahrung und Können im Venture-Capital-Sektor haben, also bei sehr kleinen, jungen Unternehmen, aber das bringt halt nicht viel fürs Investieren in „erwachsene“ börsennotierte Firmen. Venture Capital-Fonds-Prinzipien lassen sich außerdem nicht auf das Managen eines UCITS-Fonds übertragen, also eines streng regulierten Investmentfonds für Privatanleger. 

Was meinen Sie mit „UCITS-Fonds“?

UCITS-Fonds ist der Fachbegriff für Investmentfonds in der EU, die an normale Privatanleger, an „Verbraucher“ in Abgrenzung zu institutionellen Investoren und Profianleger vertrieben werden dürfen. UCITS-Fonds unterliegen einer besonders strengen Regulierung. Beispielsweise darf eine einzelne Aktie in einem UCITS-Fonds aus aufsichtsrechtlichen Gründen nur ein Gewicht von maximal zehn Prozent haben. Thelen muss deswegen das Gewicht jeder Aktie, selbst wenn sie im Kurs explodiert, bei maximal zehn Prozent begrenzen. Wie Thelen aus diesem Dilemma, das von Anfang an absehbar war, jemals rauskommen will, ist mir nicht klar. Er glaubt offensichtlich, dass er mehrere Wunder-Aktien gleichzeitig identifizieren kann. Da kann ich nur sagen: viel Glück!

Dann könnte es schwierig für ihn werden, anvisierte Renditen in Höhe von 200 Prozent in maximal acht Jahren, zu erreichen. 

Ja, beim Launch des Fonds vor zwölf Monaten postulierte Thelen ein Renditeziel von 200 Prozent in vier bis acht Jahren. Über vier Jahre hätte dieses Ziel eine durchschnittliche Jahresrendite von 32 Prozent pro Jahr erfordert, über acht Jahre eine von 15 Prozent. Beides ist bei einem eng regulierten UCITS-Fonds selten und statistisch unwahrscheinlich. Da der Fonds nun stark hinten liegt, wird es in die Zukunft gerichtet noch schwieriger für ihn.

Gerd Kommer
Gerd Kommer, Fachmann für Geldanlage, bewertet den Thelen-Fonds. © Gerd Kommer

Sollte er seine Renditeziele dann nicht korrigieren? 

Eine Korrektur der Renditeziele nach unten auf ein realistischeres Level würde wahrscheinlich einen Shitstorm in der Anleger-Community provozieren.

Hat Thelen Interessierte ordentlich aufgeklärt?

Rein aufsichtsrechtlich gehe ich davon aus, dass er potenzielle Fondskäufer „korrekt“ informiert hat. Allerdings zweifele ich daran, ob Thelen de facto angemessen über die beträchtlichen Risiken seiner hoch konzentrierten Tech-Wette aufgeklärt hat. In diese Richtung geht ja das STRG_F-Video des NDR vom vergangenen Mai. Allerdings hat der Fonds bislang ein sehr geringes Volumen. So betrachtet sind zumindest nur wenige Anleger von der schleichten Performence des Fonds betroffen.

Die STRG_F-Reportage zum Thelen-Fonds

STRG_F kam zum Schluss, dass Frank Thelen Kleinanleger:innen mit seinem 10xDNA-Fonds in die Irre führe. Thelen habe seine Medienpräsenz genutzt, um Investor:innen für sein Aktienpaket zu gewinnen. Laut der Recherche haben Menschen, die den Ratschlägen der Mediengröße folgten, viel Geld verloren.

Sie sagen, dass das Volumen sehr klein sei. Was bedeutet das?

Der Fonds hat aktuell ein Volumen von 60 Millionen Euro, trotz der unglaublichen Medienpräsenz von Thelen. Für einen aktiv gemanagten Aktienfonds sind 60 Millionen sehr bescheiden. Das geringe Volumen bedeutet auch, dass Thelen privates Geld obendrauf legt. Unter 200-300 Millionen Euro Volumen ist ein solcher Fonds für die Anbieter defizitär. Das geringe Volumen hat mit den bisher enttäuschenden Renditen zu tun und dem denkbar schlechten Timing des Fonds-Starts im Oktober 2021, zwei Monate bevor der globale Tech-Einbruch begann. Das ist ganz besonders bitter für ihn und die Anleger. 

Thelen sagt immer wieder, dass der Fonds volatil, also schwankungsanfällig sei. Das sei jedoch kein Problem, da er langfristig denke. 

Das Vertrösten auf die Zukunft ist die einzige Ausrede, die man in so einer desaströsen Situation noch bringen kann – ausgenommen natürlich, die Ankündigung den Fonds zu liquidieren. 

Sollte Thelen den Fonds liquidieren, also auflösen und die Anleger auszahlen?

Nach zwölf Monaten ist der Zeitpunkt dafür aus der Sicht von Thelen vermutlich zu früh. Wenn er den Fonds jetzt bei einer kumulativen Rendite von minus 45 Prozent liquidieren würde, wäre seine Reputation als Fondsmanager, als Venture-Capital-Experte und als TV-Größe womöglich schwer beschädigt. (Moritz Serif)

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