+
Der digitale Nachlass stellt Erben manchmal vor besondere Herausforderungen: Wo hat der Erblasser überhaupt Accounts?

Digitaler Nachlass

Unbekannte Konten aufspüren

  • schließen

Zum digitalen Nachlass gehören alle Accounts, die der Erblasser zu Lebzeiten eingerichtet hat. Die FR verrät, wie Erben diese Konten finden können.

Nach dem Tod hinterlässt jeder etwa ein Dutzend Onlineprofile, Tendenz steigend. Was mit einem Social-Media-Profil nach dem Tod des Nutzers geschehen soll, erregte zuletzt Aufmerksamkeit durch das wegweisende Urteil des Bundesgerichtshofs Mitte Juli. Die Karlsruher Richter urteilten, dass Erben Zugang zum Facebook-Profil des Verstorbenen gewährt werden muss.

Dies ist ein Fall, in dem es völlig klar war, dass dieses Profil bestand, die Eltern wussten um die Existenz. Es bestehen aber auch viele Accounts bei Onlineportalen, die erst einmal in Vergessenheit geraten, weil Hinterbliebene gar nicht wissen, dass es sie gibt. In diesem Fall stellt sich dann nicht zuallererst die Frage, ob man Zugriff darauf bekommt, sondern wie diese überhaupt aufgespürt werden können. Diese frühzeitig zu identifizieren, verhindert etwa auch, dass Monate später eine Rechnung über ein Jahresabonnement in das Haus trudelt, welches der Hinterbliebene kurz vor seinem Tod abgeschlossen hatte. Erst dann müssen weitere Fragen geklärt werden: Berechtigt der Tod zur außerordentlichen Kündigung? Müssen Erben die Verträge weiterführen?

Es geht nicht nur um den Facebook-Account

Denn es geht beim Digitalen Nachlass nicht nur um den Social-Media-Account bei Facebook oder das E-Mail-Konto. Auch das online abgeschlossene Abo der Ikea-Karte, der Video-Streamingdienst oder der Blumenlieferant, der beauftragt wurde, jährlich an den Geburtstag des Partners zu denken, gehört dazu. Der digitale Nachlass schließt alle Formalitäten und Verträge ein, für die man einmal ein Profil angelegt hat, also seine Daten zur Verfügung gestellt hat. Diese Accounts aufzuspüren und je nach Wunsch der Erben zu löschen oder umzuschreiben und auf anderem Namen weiterzuführen, darum kümmern sich spezielle Agenturen.

Columba ist so eine. Die Berliner Firma hilft, solche Accounts zu identifizieren, die unbekannt waren, wie auch Ab- oder Ummeldungen bei bekannten Portalen vorzunehmen. Das Unternehmen ist Kooperationspartner des Bundesverbandes Deutscher Bestatter. Rund 1500 Bestattungshäuser in Deutschland, Österreich und Holland arbeiten mit Columbas Software-System.

Jedes Portal hat andere Richtlinien für den Erbfall

Theoretisch könnten Hinterbliebene sich auch selber um diese Angelegenheiten kümmern. Aber es bedeutet einen großen bürokratischen Aufwand. Um Informationen der Seitenbetreiber zu bekommen, ob überhaupt ein Profil des Verstorbenen angelegt wurde, dieses dann zu schließen oder auf einen anderen Namen umzuschreiben, dafür hat jedes Portal leicht abgeänderte Richtlinien.

Grundsätzlich muss sich der Erbe erst einmal ausweisen: Dazu dient der Erbschein, einige Vertragspartner wie Banken fordern zusätzlich eine Sterbeurkunde zur Legitimation. Jede Kopie eines solchen Nachweises kostet etwa zehn Euro. Wird der Dienst über Columba genutzt, sind die Formalitäten über das Bestattungsunternehmen abgegolten.

Die Software von Columba ermittelt automatisch bei über 100 Partnerunternehmen (von A wie Amazon bis Z wie Zalando), ob Verträge, Nutzerkonten oder Profile bestehen. „Je nach Trefferergebnissen bei den Partnerunternehmen wird die automatische Recherche mittels eines Algorithmus auf weitere Anbieter erweitert“, sagt Mitgründer von Columba Christopher Eiler. Im Mittel werden zwölf Ab- oder Ummeldungen pro Sterbefall durchgeführt. Ungefähr die Hälfte davon sei in der Regel vorher bekannt. „Die andere Hälfte besteht meist aus Accounts, von denen die Hinterbliebenen nichts wussten“, so Eiler weiter.

Bevor sich Columba an die Recherche setzt, können die Hinterbliebenen festlegen, auf welche Portale sich die Suche konzentrieren soll. Es ist in diesem Schritt auch möglich, die Suche nach bestimmten Accounts auszuschließen. Denkbar wäre dies bei Partnervermittlungsagenturen oder Webseiten mit pornographischen Inhalten, bei denen womöglich ein Profil erstellt wurde. „Diese Möglichkeit gibt es, als sinnvoll gestaltet sich es aber nicht unbedingt immer“, sagt Eiler. „Schließt man die Suche danach aus und es trudeln dann Monate später Rechnungen solcher Portale ein, ist das Unwohlsein darüber womöglich noch größer“, so der Firmen-Mitgründer.

Nach wenigen Wochen soll die Überprüfung abgeschlossen sein. Hinterbliebene bekommen die ganze Zeit über Zugriff auf ein sogenanntes Formalitätenportal, auf dem auch nachträglich noch Recherchewünsche angegeben werden können oder bestimmt werden kann, was mit dem Account passieren soll.

Verträge vor Kündigungsfrist zu beenden, ist rechtlich allerdings nicht immer möglich. Zwar zeigen sich viele Unternehmen kulant, die Erben im Todesfall vorzeitig aus Verträgen zu entlassen, ein Recht zur außerordentlichen Kündigung gebe es allerdings nicht generell, sagt Franz-Josef Günther, Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Erbrecht. „Erben treten in die Rechtstellung des Verstorbenen ein“, so Günther. Nur höchstpersönliche Verträge, wie etwa eine Mitgliedschaft im Verein, enden mit dem Tod. Es bestehe aber zum Beispiel die Möglichkeit, dass der Kunde selber vor seinem Tod vertraglich festgelegt hat, was mit dem Vertragsverhältnis nach seinem Ableben geschehen soll.

Welche Auswirkungen das Facebook-Urteil im Einzelnen haben wird, ist derzeit noch nicht abzusehen. „Grundsätzlich ist es aber eine große Erleichterung, dass es künftig mehr Klarheit für das digitale Erbe geben wird“, sagt Günther. Doch auch wenn der Zugang zu Onlineprofilen erleichtert werden soll, empfiehlt der Dresdner Rechtsanwalt auf das analoge Hinterlegen einer Passwortliste nicht zu verzichten. Das hilft den Hinterbliebenen überhaupt einen Überblick zu bekommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare