Ordentlich was los: wegen der Corona-Krise sind viele auf das Fahrrad umgestiegen.
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Ordentlich was los: wegen der Corona-Krise sind viele auf das Fahrrad umgestiegen.

Umweltschutz

Corona-Krise: „Aufgeklärte Bürger akzeptieren auch unangenehme Einschränkungen“

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Die Verhaltensökonomin Lucia Reisch über den Willen der Bürger, der Umwelt zuliebe dauerhaft Verzicht zu üben - und die Möglichkeiten des Staates, dabei nachzuhelfen.

  • Im Interview spricht die Verhaltensökonomin Lucia Reisch über die Folgen der Corona-Krise auf die Umwelt.
  • Bürger sollten der Umwelt zuliebe Verzicht üben, fordert die Ökonomin.
  • Trotz Corona-Krise sollte der Staat die Verkehrswende unterstützen.

Deutschland - Wir arbeiten im Homeoffice statt im Büro, fahren lieber Rad als Auto, jetten nicht in den Urlaub, sondern gehen im Wald spazieren. Die Frage ist: Sind das Ansätze, um auch nach der Corona-Pandemie klimafreundlicher zu leben? Und was muss die Politik tun, um das zu unterstützen? Die renommierte Verhaltensökonomin Lucia Reisch gibt im Interview mit der FR Antworten.

Frau Reisch, die Corona-Krise hat unseren Alltag durcheinandergebracht, Millionen Jobs stehen auf der Kippe, die Wirtschaft ist in der Rezession. Gibt es denn auch positive Veränderungen?

Es fällt schwer, diese zu sehen. Vielleicht, dass Corona den Blick darauf schärft, was uns wichtig ist, was uns guttut, was uns wirklich erfüllt – und was nicht. Die Erkenntnis, dass man mit recht wenigen Dingen gut leben und mit weniger Dienstreisen gut arbeiten kann. Die Krise schärft auch den Blick für grundlegendere Bedrohungen wie den Klimawandel und das Artensterben, Krisen, die uns noch beschäftigen werden, wenn längst ein Impfstoff gefunden ist.

Lucia Reisch ist Verhaltensökonomin. 

Wenn der Lockdown zu Ende ist, wird dann alles wieder so sein wie vorher? Oder werden Verhaltensänderungen bleiben?

Generell ist Verhalten stark kontextabhängig – nach der Corona-Krise ist zu erwarten, dass Verbraucher zu früherem Verhalten zurückgehen. Ausnahmen könnten beispielsweise Fernreisen sein, weil hier manche, vor allem Ältere, jetzt skeptisch sind. Möglich wäre auch, dass sich die Zunahme des Radverkehrs stabilisiert. Allerdings sind strukturelle Veränderungen entscheidend: Wenn die Kommunen reagieren mit sicheren Radwegen und Tempo 30 auf vielen Straßen, kann man so eine Verhaltensänderung wohl auch über den Sommer retten. Leider dauern solche strukturellen Änderungen meist viel zu lange. Aber es geht auch anders, wie Pop-up-Radspuren oder das Sperren von 160 Kilometer Straßenraum in Manhattan für Autos gezeigt haben. Ich denke nicht, dass dies alles wieder komplett zurückgefahren wird nach der Krise. Außerdem haben viele während des Lockdowns erlebt, was in ihrer unmittelbaren Umgebung möglich ist und was ihnen guttut: Radeln und Entschleunigung, Selbermachen statt Frustshoppen. Was als Gewinn an Lebensqualität erlebt wurde, wird bleiben; was als Verzicht erlebt wird, eher nicht.

Corona-Krise und Klimawandel: Plötzlich keine Flugreisen mehr

Serie „Klima retten“

Corona killt den Klimaschutz? Kohleausstieg verschieben, CO2-Bepreisung überprüfen, Emissionsziele für Autos verschieben – aus Wirtschaft und Politik mehren sich solche Forderungen. Bereits geltende und geplante Klimaschutz-Gesetze und -Fördermaßnahmen sollen zugunsten einer Ankurbelung der Wirtschaft vorübergehend ausgesetzt oder ganz zurückgenommen werden. Tatsächlich muss der Neustart der Wirtschaft aber genutzt werden, um Klima- und Umweltschutz den überfälligen Push zu geben. Wie, das beleuchtet die FR in einer Interview-Serie mit prominenten Experten.

Die Bürgerinnen und Bürger haben wegen Corona zum Teil drastische Einschränkungen akzeptiert, die sie beim Klimaschutz ablehnen – etwa den Verzicht auf Flugreisen. Wieso?

Aufgeklärte Bürger akzeptieren durchaus auch unangenehme Einschränkungen – wenn sie für alle gelten, wenn sie zeitlich begrenzt sind und wenn sie gut begründet und erklärt werden. Die Dringlichkeit der Situation und das Vertrauen in die Aussender der Nachricht sind hier essenziell. Bei Corona haben Experten die Daten vorgelegt, die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder haben die Krisenkommunikation mit den Bürgern übernommen, beide gelten als glaubwürdig. Es gab auch vorher schon Beispiele, wie drastische Verhaltensänderungen schnell funktionieren und die öffentliche Meinung nach einem Verbot von Ablehnung auf Zustimmung umschwenkte, etwa vor einigen Jahren beim Rauchverbot. Hier war die Erfahrung für viele überraschend positiv. Einstellungen und Verhaltensweisen lernen wir ja keineswegs überwiegend durch Information, sondern vor allem durch Verhalten selbst.

FR-Serie Kipppunkte

Was kann man daraus für Maßnahmen zum Klima- und Umweltschutz ableiten?

Wenn die wissenschaftliche Datenlage deutlich ist und wenn die Maßnahmen wirksam und verhältnismäßig sind, sollte sich die Politik durchaus trauen, Strukturen zu schaffen und auch drastische Dinge auszuprobieren – so wie autofreie Wochenenden in Innenstädten oder Tempolimits. Also Dinge, die für Umwelt, Klima und Gesundheit viel bringen, wenig kosten und die viele Menschen als mehr Lebensqualität erleben. Eine defossilisierte Gesellschaft ist ja auch gesünder. Woran ich nicht glaube ist, dass Menschen längerfristig auf Dinge verzichten, die ihnen wichtig sind.

Corona-Krise und Umweltschutz: Der Staat greift ein

Es ist eine alte Frage: Darf denn der Staat überhaupt steuernd auf Verhalten und Konsum eingreifen?

Ich fand es schon vor der Corona-Krise kurios, dass so getan wurde, als ob der Staat nicht einwirken würde. Das tut er die ganze Zeit, und zwar erheblich - von der Mehrwert- und Kerosinsteuerbefreiung beim Flugverkehr über das Dienstwagenprivileg bis zu umweltschädlichen Subventionen für eine nicht nachhaltige Landwirtschaft. Ich kenne kaum einen Konsumbereich, der nicht reguliert oder subventioniert ist.

Wie stehen Sie zu finanziellen Kaufanreizen durch den Staat – wie etwa jetzt bei Elektroautos?

Grundsätzlich finde ich es gut, wirtschaftliche Hilfen zwingend an innovative Technologien zu binden: Geld vom Staat – also: unser aller Steuergeld – muss gleichzeitig die Energie-, Verkehrs- und Ernährungswende unterstützen. Allerdings: Prämien nutzen erst einmal denjenigen, die auch in der Rezession ausreichend Einkommen für einen Neukauf übrig haben. Bei Elektroautos wird ein Umschwung eher durch ausreichende Elektroladestationen und höhere Reichweiten kommen. Aus Klimasicht wäre es sinnvoll, ebenso Elektrofahrräder und Lastenfahrräder zu fördern und auch energieeffiziente Haushaltsgeräte. Kurios, dass Impulsprogramme für Haushaltsgeräte schon mehrmals abgelehnt wurden, mit dem Hinweis, dass eine Förderung von 50 oder 100 Euro schon marktverzerrend sei. Eine interessante Idee wären Gutscheine für den späteren Kauf von Elektroautos – dann hätten die Automobilkonzerne mehr Planungssicherheit, und auch die, deren Haushaltsbudget jetzt leidet, hätten etwas davon.

Umweltschutz in Corona-Krise: Es braucht wirksame Instrumente

Sollten eher Steuern oder das Ordnungsrecht genutzt werden, um Verhalten zu beeinflussen? Also: zum Beispiel ein CO2-Preis, um Autokäufer zum Umsteigen auf E-Autos zu bringen – oder ein Verbot der Neuzulassung von Verbrennern etwa ab 2025?

Man braucht wirksame Pakete von verschiedenen Politikinstrumenten, weil es „den“ Konsumenten nicht gibt, sondern viele verschiedene Situationen und Motivationen. Hier gibt es viel zu lernen von Ländern, die es bereits geschafft haben, Norwegen beispielsweise. Mindestens so wichtig wie Steuervorteile und Fahrverbote sind beispielsweise Privilegien von E-Fahrzeugen, etwa beim Parken. Ein Verbot von Verbrennern halte ich für überflüssig, die werden uns bald sowieso sehr altmodisch vorkommen.

Eine Frage zum Schluss: Wird Corona den großen Einschnitt bringen? Oder wird es sein wie nach der Finanzkrise – alles zurück zum alten Modell?

Der größte Einschnitt wird wohl im Arbeitsleben bleiben: „Homeoffice geht nicht“ war gestern. In der Wirtschaft wird es ein paar Verlierer geben, vor allem Geschäftsmodelle, die auf dem Teilen und Gemeinsam-Nutzen beruhen. Sorgen macht mir, dass in einer schrumpfenden Wirtschaft weniger in technologische Öko-Innovationen gesteckt werden kann. Für den sozialökologischen Umbau der Gesellschaft brauchen wir aber nichts dringender als grüne Innovationssprünge.

Interview: Joachim Wille

Lucia Reischist Verhaltensökonomin und Professorin für interkulturelles Konsumentenverhalten und Verbraucherpolitik an der Copenhagen Business School (CBS Sustainability) sowie Gastprofessorin an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen, dort auch Leiterin des Forschungszentrums Verbraucher, Markt und Politik (CCMP). Reisch ist seit 25 Jahren in der internationalen Forschung im Bereich Konsumentenverhalten, Verbraucherpolitik und Nachhaltigkeit tätig sowie Herausgeberin des „Journal of Consumer Policy“. Sie war Mitglied in mehreren Politikberatungsgremien, unter anderem Vorsitzende des Sachverständigenrats für Verbraucherfragen der Bundesregierung. 

Der Vegan-Koch Attila Hildmann ist in der Corona-Krise mit Verschwörungstheorien aufgefallen. Seine Tiraden haben nun Konsequenzen.

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