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Da könnte sich auf deutschen Autofriedhöfen bald etwas auftürmen.

Dieselautos

"Umweltprämie" soll VW-Absatz ankurbeln

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Volkswagen will den Verkauf seiner unbeliebten Dieselautos mit einer sogenannten "Umweltprämie" ankurbeln. Um das Wohl von Dieselfahrern oder gar der Umwelt geht es weniger.

Der Volkswagen-Konzern startet eine großangelegte Umtauschaktion für Dieselautos der Marken VW, Audi, Seat und Skoda. Man unterstütze damit die Anstrengungen der Bundesregierung zur Vermeidung von Fahrverboten, sagte Vertriebschef Christian Dahlheim. Mit dem „umfangreichen Maßnahmenpaket“ leiste das Unternehmen „einen signifikanten Beitrag zur Verbesserung der Luftqualität in deutschen Städten“. Umweltschützer widersprechen.

Insgesamt laufen derzeit Aktionen mit Wechselprämien für 13 Automarken. Die verschiedenen Hersteller offerieren beim Kauf eines Neuwagens Rabatte bis zu 10.000 Euro. Der Wolfsburger Konzern bietet zwei Programme an. Einerseits eine „Umweltprämie“, die bundesweit gilt. Die Bedingungen: Der Halter muss einen alten Diesel (Schadstoffklasse Euro 1 bis Euro 4) besitzen und diesen verschrotten. Beim Kauf eines neuen VW mit Selbstzünderaggregat gibt es zwischen 1500 und 8000 Euro Rabatt. Beim Golf gewährt der Autobauer 5000 Euro. Die Konzernmarke Audi bietet einen Preisvorteil von maximal 10.000 Euro. Auch bei Jahreswagen gibt es Prämien, aber sie fallen deutlich geringer aus.

Die zweite Komponente: Für VW, Audi, Seat und Skoda werden „Wechselprämien“ zwischen 500 und 9000 Euro angeboten. Sie gelten aber nur für Autofahrer, die in den 14 Städten mit besonders hohen Belastungen mit dem Reizgas Stickstoffdioxid (NOX) oder in den angrenzenden Landkreisen leben – von Hamburg über Darmstadt bis München. Sie müssen einen Euro-4- oder Euro-5-Diesel in Zahlung geben. Die Prämie wird plus Restwert des alten Autos mit dem Preis eines Neu- oder Jahreswagens jeglicher Antriebsart verrechnet.

Andere Autobauer haben nach dem jüngsten Dieselgipfel Anfang Oktober einfachere Rabattprogramme gestartet. So offeriert BMW für die 14 „Intensivstädte“ und ihr Umland bei Inzahlungnahme eines alten Diesels 6000 Euro Rabatt beim Neuwagenkauf und 4500 Euro beim Erwerb von gebrauchten und Vorführwagen. Für den Rest der Republik bieten die Münchener 2000 Euro. Mercedes zahlt 5000 Euro (gebrauchte) und 10 000 Euro (Neuwagen) in den Hotspot-Regionen. Bei Renault gibt es zwischen 2000 und 10 000 Euro bundesweit und abhängig vom Modell.

Prämien oft nur Augenwischerei 

Inwiefern die Offerten der Autobauer den Kunden wirkliche Preisvorteile bringen, hängt von den individuellen Konstellationen ab. Wer einen Uraltdiesel fährt, der kaum noch etwas wert ist, und sich einen großen Audi kaufen will, kann ein gutes Geschäft machen. Aber die Pkw-Listenpreise sind generell ohnehin längst nur noch unverbindliche Preisempfehlungen. So macht Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer darauf aufmerksam, dass Rabatte bis zu 15 Prozent mittlerweile der Standard seien. Und mit Verhandlungsgeschick ist deutlich mehr drin. Dudenhöffer rät Verbrauchern, sich bei den diversen Internetvermittlern schlauzumachen. Dort ist eine schnelle Übersicht über Preise und Nachlässe möglich. 

Bei all den verschiedenen Umtauschaktionen erwerben die Käufer immer Fahrzeuge der Schadstoffklasse Euro 6. Doch die ist in mehrere Unterkategorien aufgeteilt, die große Unterschiede bedeuten. Modelle, für die die Norm Euro-6c gilt, müssen in puncto NOX lediglich auf dem Prüfstand getestet werden. Die Abgaswerte können deshalb im Alltagsbetrieb deutlich über den zulässigen Grenzwerten liegen, weil die Hersteller mit umstrittenen Abschalteinrichtungen für die Abgasreinigung arbeiten. Bei Autos mit der strengsten und modernsten Schadstoffklasse (Euro 6d-temp) hingegen wurden die Stickoxidemissionen auch auf der Straße gemessen. Der ADAC etwa empfiehlt, nur Diesel aus dieser Kategorie zu kaufen. Bei diesen Fahrzeugen könnten sich die Käufer sicher sein, dass die vielerorts drohenden Fahrverbote sie nicht treffen werden. Auch der ökologische Automobilclub VCD warnt vor Euro-6c-Pkw: „Diese stoßen oft ein Vielfaches der erlaubten Stickoxidwerte aus, weshalb ihnen künftig die Zufahrt in deutsche Innenstädte verwehrt werden könnte.“ 

VW will Absatz ankurbeln 

Für Jens Hilgenberg, Verkehrsexperte des BUND, ist klar: „Die Rabatte von VW sollen vor allem für den Absatz von Fahrzeugen sorgen, die nicht der neuesten Abgasnorm Euro 6d-temp entsprechen.“ Die Ausweitung auf gebrauchte solle den Abverkauf von Fahrzeugen gewährleisten, die vom Konzern als Leasing-Rückläufer zurückgenommen werden müssen. Dabei handle es sich in der Regel um Euro-6c-Autos, die sich ohne Rabatte nur noch schlecht veräußern ließen. „Diese jetzt als Beitrag zur Luftreinhaltung zu verkaufen, ist schon abenteuerlich.“

Die Umtauschaktionen sind Teil des Anfang Oktober beschlossenen Aktionsprogramms der Bundesregierung, mit dem in letzter Minute Verkehrsbeschränkungen vermieden werden sollen. Klar ist aber auch, dass die Programme den Herstellern gerade recht kommen. Der Automarkt ist im September hierzulande massiv eingebrochen. Analysten befürchten, dass sich insbesondere beim Marktführer Volkswagen die Rückgänge in den nächsten Monaten noch verstärken könnten. Gleichwohl ist offen, ob mit den neuen Rabatten der Absatz tatsächlich stabilisiert werden kann. Denn zwischen August 2017 und Juni 2018 gab es bereits vielfältige Kampagnen mit teils massiven Nachlässen – viele Halter haben ihren alten Diesel längst gegen ein Neufahrzeug umgetauscht.

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