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Ein eiskalter Wintermorgen in Siegen: Aus den Schornsteinen steigt der Rauch der Heizungen auf.

Wärmedämmung

Die Umwelt aufheizen

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Deutsche Häuser und Gebäude verschwenden gewaltig viel Energie. Effizientere Heiztechnik ist längst vorhanden. Trotzdem kommt die Wärmewende nicht voran.

Eines ist unbestritten beim Thema Wärmewende: Die Einsparpotenziale sind riesig. Laut dem Bundesverband der Deutschen Heizungsindustrie (BDH) sorgen derzeit noch zwölf Millionen veraltete, mit fossilen Brennstoffen befeuerte Heizungen zwar für wohltemperierte Verhältnisse in den Wohnstuben, aber auch für hohe CO2-Emissionen.

Sie müssten eigentlich so schnell wie möglich durch Anlagen ersetzt werden, die mit sogenannter erneuerbarer Wärme arbeiten. Denn die Klimaziele der Bundesregierung bedeuten auch, dass im Jahr 2050 beim Heizen und bei Warmwasser fast vollständig auf fossile Energieträger verzichtet werden soll. Die Wärmewende ist denn auch eines der zentralen Themen der an diesem Montag in Frankfurt beginnenden ISH, die von den Organisatoren als Weltleitmesse für Wasser, Wärme und Klima bezeichnet wird.

Die aktuelle Lage: Laut dem Heizungsindustrieverband verbrennen 85 Prozent der im vergangenen Jahr neu installierten Heizanlagen die fossilen Energieträger Öl und Gas. Auf magere 11,5 Prozent Marktanteil kamen Wärmepumpen, die eine potenziell klimafreundliche Alternative darstellen, da sie mit Öko-Strom arbeiten können.

Der Grund für das Ungleichgewicht ist bei Gebäuden, die schon vor Jahrzehnten gebaut wurden, simpel: Je älter und je weniger gedämmt sie sind, desto größer muss die Wärmepumpe dimensioniert sein. Wird sie dann auch noch mit Photovoltaik auf dem Dach und einer Batterie im Keller kombiniert, liegen die Kosten bei einem Einfamilienhaus grob gerechnet mehr als doppelt so hoch wie bei einer modernen Gasheizung.

Bemerkenswert ist überdies, dass auch bei Neubauten Erdgas als Energiequelle erste Wahl ist – obwohl gut gedämmte Außenwände eigentlich für Wärmepumpen sprechen würden. Der BDH hat denn auch kürzlich die Mitteilung seiner Jahreszahlen für 2018 mit der lakonisch-resignativen Zeile „Wärmewende? Fehlanzeige“ überschrieben.

Die Wärmewende wird kein Selbstläufer

BDH-Präsident Uwe Glock macht darauf aufmerksam, dass die Erneuerungsgeschwindigkeit sehr gemächlich ist. Nur 600 000 neue Anlagen seien 2018 saniert worden, was in etwa den Erneuerungsraten der Vorjahre entspricht. Das heißt: Allein der Austausch von Uralt-Brennern würde sich noch fast bis ins Jahr 2040 ziehen und damit überhaupt nicht zu den deutschen Klimazielen passen. Dabei geht es um einen gigantischen Energiebedarf von derzeit insgesamt fast 800 Terawattstunden für Raumwärme und Warmwasser. Die Stromerzeugung nimmt sich im Vergleich dazu mit 520 Terrawattstunden klein aus.

Klar ist, dass die Wärmewende kein Selbstläufer wird. Der wichtigste Faktor ist die Energieeffizienz. In diesem Punkt sind sich alle Experten einig. So hat die Agentur für Erneuerbare Energien im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion kürzlich in einer Studie herausgearbeitet, dass der Energiebedarf bis 2050 auf gut 400 Terawattstunden halbiert werden muss. Also bessere Dämmung, Fenster mit dickem Glas, optimierte Prozesse an allen Ecken und Enden, auch in Fabriken, Handel und Gewerbe.

Unter erneuerbarer Wärme laufen nicht nur Wärmepumpen. So liegt es nahe, dass die Erzeugung von Öko-Strom mit der Produktion von Wärme im großen Stil gekoppelt wird. Denn mit dem Ausbau von Wind- und Sonnenenergie wird die Menge kurzfristig überschüssiger elektrischer Energie immer größer. Dieser kann nach dem Tauchsiederprinzip genutzt werden, um warmes Wasser zu produzieren, das dann über städtische Wärmenetze in Wohnquartiere gepumpt wird. Hinzu können unter anderem die Nutzung von Holz, von Geothermie und Solarthermie kommen.

Die Umsetzung von all dem lässt sich indes sehr schwer an. Die Bundesregierung wollte eigentlich schon 2017 ein Gebäudeenergiegesetz (GEG) vorlegen, das bestehende Regelungen aus verschiedenen Paragraphenwerken zusammenfasst und vor allem auf den neuesten Stand bringt. Daraus wurde nichts. Das GEG wurde zunächst vertagt. Seit November 2018 kursieren nun Entwürfe, an denen es aber Kritik von allen Seiten gibt. Tenor: Nicht durchdacht genug und nicht wirksam genug.

Um die Dinge gleichwohl voranzubringen, wollte die Bundesregierung eigentlich analog zum Kohleausstieg eine Experten-Kommission zur „Zukunft der Gebäude“ einsetzen. Doch der Plan wurde Ende Februar überraschend fallengelassen. Was Irritationen allenthalben auslöste. Die Abkehr von der Kommission enthebe die Bundesregierung nicht der Verantwortung, Lösungen für den Klimaschutz im Gebäudesektor vorzulegen, mahnt beispielsweise Holger Lösch vom Bundesverband der Deutschen Industrie. Würde die Bundesregierung ihre Klimaziele ernstnehmen, „müsste Deutschland seine Gebäude ab sofort annähernd doppelt so schnell sanieren wie heute“.

Für Felix Matthes, Forschungskoordinator für Energie- und Klimapolitik beim Öko-Institut, gehört zur Wärmewende allerdings auch, dass fossile Energien teurer gemacht werden müssen. „Die Einführung eines CO2-Bepreisungsinstruments liegt da auf der Hand“, betont er. Das müsse aber durch Steuererleichterungen ergänzt werden, etwa für Hausbesitzer, die ihre Heizanlagen erneuern. Schon in den 1980er Jahren gab es großzügige Möglichkeiten, Kosten für energetische Sanierungen beim Finanzamt steuermindernd geltend zu machen. Dies führte dazu, dass neue Doppelglasfenster in sehr kurzer Zeit flächendeckend in Deutschland eingebaut wurden.

Heizungsbauerpräsident Glock dürften diese Vorschläge gefallen. Denn er fordert, dass die Politik endlich Anreize setzt, „um das reichlich vorhandene private Kapital für den Klimaschutz zu mobilisieren“.

In diese Richtung zielt auch ein gerade von den Grünen-Politikern Jens Kerstan, Chris Kühn und Julia Verlinden vorgelegtes Eckpunktepapier für ein GEG. Unter anderem sieht es für Neubauten ambitionierte Energiesparstandards vor. Der Einbau neuer Ölheizungen soll von 2021 an generell verboten werden. Ab 2025 soll für neu errichtete Gebäude „100 Prozent erneuerbare Wärme Standard sein, um Fehlinvestitionen zu vermeiden“, heißt es in dem Papier. Bei bestehenden Immobilien wollen die Autoren den Anteil der Öko-Heizungen kontinuierlich erhöhen, um diese von 2040 an für alle neuen Anlagen durchzusetzen.

Vorbild für diese Vorschläge sind unter anderem die Niederlande, wo zum Beispiel Neubauten ab 2021 keine Gasanschlüsse mehr haben dürfen. Und in Dänemark ist der Einbau neuer Ölheizungen schon jetzt verboten.

Die Messe in Frankfurt

Auf der ISH in Frankfurt zeigen von diesem Montag an 2532 Aussteller ihre Produkte aus den Bereichen Bad, Heizung und Klima. Das sind 47 mehr als auf der vorangegangenen Messe im Jahr 2017. Die Ausstellungsfläche wuchs um rund fünf Prozent auf 275 000 Quadratmeter, wie die Messegesellschaft mitteilte. Erwartet werden wieder rund 200 000 Fachbesucher. Schwerpunktthemen sind neben dem Heizen unter anderem das alters- und pflegegerechte Bad sowie die Vernetzung der Haustechnik.

Besucher können sich auf der Messe die neuesten Produkte fürs Badezimmer, moderne Heizungssysteme von der effizienten Wärmeerzeugung bis zur Wärmeübergabe, intelligente Kälte-, Klima- und Lüftungstechnik, kluge Methoden zur Gebäudeautomation sowie die dazugehörige Mess-, Steuer- und Regelungstechnik anschauen.

Für das allgemeine Publikum ist die Messe am Freitag, 15. März, geöffnet. Die Tageskarte kostet fünf Euro. FR

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