Auslieferung am laufenden Band.
+
Auslieferung am laufenden Band.

Amazon Marketplace

Umstrittene Preispolitik

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
    schließen

Zahlreiche Händler fühlen sich von Amazon auf dem virtuellen Marktplatz benachteiligt. Nun untersucht die Kartellbehörde die Vorwürfe gegen den Online-Riesen.

Das Bundeskartellamt lässt nicht locker. Seit Jahren beobachten die Wettbewerbshüter die Praktiken des Online-Riesen Amazon. Jetzt werde überprüft, ob das Unternehmen auf seinem virtuellen Marktplatz Preismonitoring betreibe, sagte ein Sprecher der Behörde dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Auslöser sind immer mehr Beschwerden – und zwar von Händlern, die ihre Produkte auf der Amazon-Plattform offerieren.

In diversen Internet-Blogs gehören die Vorwürfe von Gewerbetreibenden gegen den US-Konzern zum Standardrepertoire. Mit der Corona-Krise ist der Ärger noch einmal deutlich größer geworden. Zunächst führte der Lockdown im Frühjahr dazu, dass die Bestellungen extrem in die Höhe schnellten und selbst die ausgeklüngelte Logistik von Amazon in die Knie ging. Die Manager setzen bei der Auslieferung Prioritäten, was zugleich bedeutete, dass Kunden vielfach lange Zeit auf ihre Produkte warten mussten. Überprüfungen von Wettbewerbshütern ergaben aber, dass hier alles mit rechten Dingen zuging.

Der zweite Effekt: Bei heiß begehrter Ware wie Mund-Nase-Masken, Toilettenpapier oder Desinfektionsmittel schossen Preise von Drittanbietern zeitweise in astronomische Höhen. Amazon ging dagegen vor, sperrte den Verkauf von diversen Produkten. Der Vorwurf: Wucherei. Inzwischen gibt es keinen Lockdown und auch keine Versorgungsengpässe mehr. Doch aufgrund der großen Zahl der Beschwerden gibt es nach den Worten des Kartellamtssprechers Hinweise darauf, dass ein Preismonitoring weitergeführt werde. Die Experten der Bonner Behörde schauen sich das jetzt genauer an, ob diese Mechanismen tatsächlich systematisch betrieben werden und wie sie gegebenenfalls funktionieren. Es geht um Grundsätzliches: Ein Plattformbetreiber hat nicht das Recht, Preissetzung zu betreiben – zumal es bei Amazon um den Dominator des hiesigen Onlinehandels geht, der einen Marktanteil von mehr als 40 Prozent hat: Das allein schon kann den Wettbewerb unzulässig beschränken. Auf dem Marktplatz sind hierzulande mehr als 300 000 Anbieter aktiv, die auf die immense Reichweite von Amazon angewiesen sind.

Hinzu kommt, dass das Unternehmen nicht nur den Internet-Marktplatz betreibt, sondern selbst Tausende Artikel anbietet – also auch ein Konkurrent für die Händler ist. Genau diese Doppelfunktion ist die Ursache für die Dauerstreitigkeiten. Das Kartellamt hat schon 2013 interveniert. Damals wurde die Preisparitätsklausel überprüft: Händler durften ihre Waren anderswo nicht billiger als auf dem Marktplatz des US-Konzerns offerieren. Die Wettbewerbshüter kassierten diese Restriktion. Voriges Jahr zwang die Bonner Behörde Amazon zu einer Reihe von Änderungen in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen, wodurch die rechtliche Position der Marktplatz-Anbieter gegenüber dem Plattformbetreiber in einer ganzen Reihe von Punkten gestärkt wurde.

Nun geht es um den vielfach von Händlern vorgebrachten Vorwurf, gegängelt und schikaniert zu werden, weil sie dem Konzern missliebig sind – vor allem mit dem Hinweis auf angeblich überzogene Preise. Es soll dabei nicht nur Sperrungen für Anbieter oder einzelne Artikel gehen. Händlern soll auch die sogenannte Buy Box entzogen worden sein. Das ist das Feld, mit dem ein Produkt von der Übersichtsseite direkt – ohne weitere Klicks – in den digitalen Einkaufswagen gelegt werden kann. Amazon vergibt die Buy Box nur an ausgewählte Ware, sie ist für Absatz und Umsatz von großer Bedeutung.

Eine weitere Sanktion könnte sein, dass Händler in den Listen der Suchergebnisse erst weit unten auftauchen, was die Verkaufschancen ebenfalls mindert. Als Gründe fürs Abstrafen wird Diverses gemutmaßt: Etwa weil ein Händler die Auslieferung nicht über die Zustelldienste von Amazon organisiert oder weil er keine Werbung auf der Webseite des weltgrößten Internethändlers schaltet. Auch andere Wettbewerbsbehörden wie die von Kanada ermitteln derzeit wegen derartiger Vorwürfe.

Amazon hat dazu geklärt, man habe Richtlinien, die sicherstellen sollen, dass die Verkaufspartner ihre Produkte zu wettbewerbsfähigen Preisen anbieten. Die Systeme seien so konzipiert, dass sie Maßnahmen gegen Preistreiberei ergreifen. Bei Problemen könne man sich an den Verkaufspartner-Support wenden. Die gibt es immer wieder. Da mit Algorithmen gearbeitet wird, die automatisiert arbeiten. So berichten Verkäufer vielfach über nicht nachvollziehbare Sperrungen, weil das System vermeintliche „verbotene Produkte“ oder „Hochpreisfehler“ detektiert haben soll.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare