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US-Ökonomen fanden heraus: Steigen die Metallpreise an den Rohstoffbörsen, lohnt sich der Abbau mehr. Das Unternehmen erhöht die Produktion, um die Gunst der Stunde zu nutzen – und vernachlässigt den Arbeitsschutz.

Sicherheit

Je besser die Geschäftslage, desto schlechter der Arbeitsschutz

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Es klingt zunächst paradox: Umso besser es einem Unternehmen geht, umso mehr spart es am Schutz seiner Mitarbeiter. Ökonomisch macht das offenbar leider Sinn. Die Analyse.

In vielen Branchen riskieren Beschäftigte Leib oder sogar Leben – zum Beispiel am Bau, in der Industrie oder im Bergbau, wo Unfälle jedes Jahr zu Tod und Invalidität führen. Die Belegschaft vor Unfällen zu schützen, ist Aufgabe des Unternehmens. Maßnahmen zum Arbeitsschutz verursachen dem Unternehmen jedoch Kosten. Daher geht die ökonomische Literatur davon aus, dass Betriebe mit schlechter Auftragslage den Arbeitsschutz eher herunterfahren oder entsprechende Gesetze missachten. Wenn das Geschäft jedoch brummt, können sie sich Schutzmaßnahmen leisten. So einleuchtend diese Annahme ist – in der Realität ist es eher umgekehrt.

Ökonomen der US-Universitäten Yale, Michigan und New York haben untersucht, wie sich die Veränderungen der Nachfrage nach Produkten von Unternehmen auf deren Arbeitsplatzsicherheit auswirken. Ihr Untersuchungsobjekt war der US-Bergbausektor, der sich dafür besonders eignet. Denn erstens ist der Bergbau für Beschäftigte besonders gefährlich, dort kommen durch Arbeitsunfälle drei Mal mehr Menschen zu Tode als im Durchschnitt aller Branchen. Durch Preisbewegungen an den Rohstoffbörsen wird zweitens die Geschäftslage ständig verändert. Und drittens sind die US-Bergbaukonzerne gesetzlich verpflichtet, alle Unfälle den Behörden zu melden.

Das Auf und Ab der Börsennotierungen von 16 Metallen über 30 Jahre kombinierten die Ökonomen mit den Unfall- und Verletzungsberichten der verschiedenen Minenbetreiber. Ihr überraschendes Ergebnis: Höhere Metallpreise, also gute Geschäftslage, führten zu vermehrten Unfällen und Verstößen gegen Arbeitsschutzverordnungen. Ein einprozentiger Anstieg der Rohstoffnotierungen zog im Durchschnitt 0,15 Prozent mehr Verletzungen und Krankheiten nach sich. Das passt zu Ergebnissen anderer Studien, die einen Anstieg der Unfallraten bei ansteigenden Gewinnerwartungen der Anleger oder bei exportgetriebenen Nachfrageschocks festgestellt haben.

Wenn das Geschäft gut läuft, dann ist Geld da, so die US-Ökonomen, also sollte man eigentlich davon ausgehen, dass das Unternehmen den Arbeitsschutz verstärken kann. Dass es andersherum ist, liegt daran, dass eine gute Geschäftslage die sogenannten Opportunitätskosten des Arbeitsschutzes erhöht.

Das bedeutet konkret: Steigen die Metallpreise an den Rohstoffbörsen, lohnt sich der Abbau mehr. Das Unternehmen erhöht die Produktion, um die Gunst der Stunde zu nutzen – und vernachlässigt den Arbeitsschutz, der Produktionszeit kostet, etwa durch den Austausch von altem Equipment, durch Kontrollen oder das Training der Beschäftigten. All das verzögert den Abbau, wodurch dem Unternehmen Einnahmen entgehen. Diese entgangenen Einnahmen sind Opportunitätskosten. Sie steigen, je rentabler die Arbeit ist.

Die US-Ökonomen haben zudem herausgefunden, dass in Rohstoffkonzernen der Arbeitsschutz in jenen Minen sinkt, deren Produkt sich an den Börsen verteuert. Umgekehrt steigt er in jenen Minen, die andere Metalle abbauen – für den Schutz der Arbeiter dort ist Geld da.

Für die betriebliche Rendite zählen also nicht nur Ausgaben als Kosten, sondern ebenso entgangene Einnahmen. Diese radikale Umsetzung des Spruchs „Zeit ist Geld“ bezahlen viele Beschäftigte mit ihrem Leben und ihrer Gesundheit.

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