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Ukraine-Krieg: Frankreich hält russische Luxusjachten in Häfen fest

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Von: Stefan Brändle

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Die Amore Vero liegt fest vertäut im Jachthafen von La Ciotat in der Nähe von Marseille.
Die Amore Vero liegt fest vertäut im Jachthafen von La Ciotat in der Nähe von Marseille. © Nicolas Tucat/AFP

Seit dem Ukraine-Krieg sind den russischen Oligarchen im Ausland die Hände gebunden. Ihre Luxusjachten verkommen in den französischen Häfen.

La Ciota – Sie ist die schnittigste, die größte im Hafen von La Ciotat: die „Amore Vero“, pure Eleganz in Stromlinienform, blitzend weiß im Sonnenlicht und mit schwarzen Fensterreihen der drei Decks. Andere Jachten in der südfranzösischen Hafenstadt nehmen sich daneben wie Nussschalen aus. Sie können immerhin ausfahren. Nicht so die „Echte Liebe“, sie liegt fest vertäut am Quai. Abfahrt verboten.

„Riese Gulliver in Ketten“: Russische Jachten in Frankreich festgehalten

„Wie der Riese Gulliver in Ketten“, meint ein Fischer auf der anderen Seite der Hafenausfahrt. „Sehen Sie die zwei orangen Taue über der Werfteinfahrt? Das soll die Russen hindern, in See zu stechen.“ Der Fischer, der hier im Hafenbecken Barrakudas fängt, sagt in einem Satz mehr als alle involvierten Amtsstellen zusammen. Die Zollbehörde, die Werftbetreiberin La Ciotat Shipyard und auch die „Capitainerie“, die Hafenpolizei, äußern sich nicht zur Anwesenheit der Amore Vero. Sie wollen nicht einmal wissen, wem das 87 Meter lange Schiff gehört. Dabei besteht kein Zweifel: Der eigentliche Besitzer ist Igor Setschin, Hauptaktionär des russischen Ölkonzerns Rosneft.

Ein in Monaco ansässiger Jacht-Verwalter erklärte vor wenigen Tagen, nomineller Besitzer des schönen Schiffs sei nicht der Oligarch, sondern eine „Firma“. Wie so oft bei Vermögenswerten russischer Milliardäre sind die Besitzverhältnisse verschachtelt, undurchdringlich. Die französische Regierung hat die Amore Vero trotzdem festgesetzt. „Eingefroren“, nennt dies Wirtschaftsminister Bruno Le Maire.

Vermögen der Oligarchen: Russische Luxusjachten stehen leblos in den Häfen

Für eine formelle Beschlagnahme wäre ein Justizentscheid nötig. Doch dafür fehlte die Zeit. Viele Oligarchen, die wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine mit Sanktionen belegt sind, haben mit ihren Jachten längst das Weite gesucht – die Malediven, die Karibik oder Südamerika. Das Schiff von Roman Abramowitsch, dem Eigner des britischen Fußballklubs Chelsea, verließ den Hafen von Barcelona Anfang März gerade noch rechtzeitig. Das Minifürstentum Monaco, das schon immer ein Herz für Milliardäre hatte, gab die Superjacht von Sergei Galizki frei.

Andere hatten dagegen nicht so viel Glück: Auf Mallorca wurde der schwimmende Palast von Alexander Mikheev von den spanischen Behörden kaltgestellt. Zuvor hatte ein ukrainisches Besatzungsmitglied versucht, die Jacht zu versenken. Einzelne Oligarchen haben ganz einfach das Navigationssystem AIS abgestellt, damit sie nicht geortet werden können. Ein flagranter Verstoß gegen das Seerecht, der häufig den Verlust der Zulassung durch die Flaggenstaaten zur Folge hat. Seriöse Häfen nehmen solche Schiffe nicht mehr auf. Die Zollpolizei wacht. Auch Einzelpersonen machen privat Jagd auf die Superjachten: In Barcelona ist die ehemalige CIA-Agentin Alex Finley am Werk, in London ein gewisser Jack Sweeney.

Oligarchen aus Moskau: Vom Machtmensch zum Parias

Die Amore Vero dagegen bleibt auf der Webseite „Marine traffic“ auffindbar. Ohnehin in La Ciotat gefangen, hat der Kapitän keinen Grund, das AIS zu deaktivieren. Der Barrakuda-Fischer erzählt allerdings, die Russen hätten schon zweimal versucht sich davonzustehlen, das letzte Mal vor wenigen Tagen. Deshalb hielten sich nun französische Zöllner rund um die Uhr auf der Luxusjacht auf. „Die schlafen sogar dort“, meint der Mann, der alle Bewegungen auf dem Schiff verfolgt, wenn er nicht gerade seine Angelleine in weitem Bogen auswirft.

Jacht-Besitzer Setschin, ein enger Putin-Freund, ist der vielleicht einflussreichste Oligarch Russlands. Moskauer Medien nennen ihn „Darth Vader“, wie den Bösewicht von der dunklen Seite der Macht aus der Star-Wars-Reihe von Filmemacher George Lucas. Dieser Machtmensch hat nun keine freie Hand mehr über sein Statussymbol, die Amore Vero.

Ähnlich ergeht es Alischer Usmanow. Für den usbekischen Industriellen hatte die Riviera-Stadt Antibes sogar den Hafen umgebaut, damit seine über 150 Meter lange Megajacht Dilbar einen Stammplatz fand. Jetzt liegt das mit zwei Heli-Landeplätzen ausgestattete Luxusschiff in einer Werft in Hamburg vor Anker und wartet auf bessere Zeiten. Von heimlichen Herrschern über die Côte d’Azur sind die Oligarchen aus Moskau zu Parias geworden. Vorbei das Prestige, das Prassen und Protzen.

Präsidentschaftswahlen in Frankreich: Luxusvilla verkommt zum Wahlkampfthema

Ein mondäner Mittelpunkt russischer Sommergäste an der „Côte“, die Villa des Oligarchen Kirill Schamalow in Roquebrune, ist heute ebenfalls „eingefroren“. Der 40-jährige Lebemann wird erstmals selbst von westlichen Sanktionen verfolgt. Dabei zählte der ehemalige Schwiegersohn Putins – er war mal mit dessen jüngerer Tochter Jekaterina verheiratet – einmal selbst zu den Unberührbaren.

Die neun Millionen Euro schwere Traumvilla erhielt Schamalow von seiner neuen Frau, der moldauischen Jetsetterin Janna Wolkowa, zum Geschenk. Jetzt verkommt das Deluxe-Anwesen zu einem schnöden Wahlkampfthema in Frankreich. Die konservative Präsidentschaftskandidatin Valérie Pécresse will die russischen Villen an der Riviera ganz beschlagnahmen und darin ukrainische Flüchtlinge beherbergen. Das wäre eine politische Geste erster Güte.

Vermögen der Oligarchen: Frankreich will auch an die Aktiva von Ehefrauen und Kindern ran

Die Organisation „Transparency International“ unterstützt die Idee. Ihre Sprecherin Sara Brimbeuf sagt, die russischen Luxusimmobilien in Cannes, Saint-Tropez oder Nizza dienten häufig der Geldwäscherei. Besitzer seien wie bei den Jachten ganze Kaskaden von Strohmännern. An ihnen prallen Sanktionen oft wirkungslos ab. Deshalb will die französische Regierung die Gesetzgebung verschärfen: Auch die Aktiva von Ehefrauen und Kindern sanktionierter Oligarchen sollen festgesetzt werden können. „Sie dürfen sich nicht länger hinter Finanzkonstruktionen verstecken“, sagt Minister Le Maire.

In La Ciotat herrscht nicht nur Freude darüber. Der Wegfall der russischen Luxusausgaben trifft die lokale Wirtschaft hart. Laut David Sieur vom Riviera Yachting Network, einem Firmenverbund für den Bootsbau und -unterhalt, gehen die Absagen und Verluste an der Côte d’Azur bereits in die Millionen. Und das sei erst der Anfang. „Unsere Branche setzt in Frankreich zwei Milliarden Euro im Jahr um. Jetzt bleiben nicht nur die Russen aus; auch die Amerikaner annullieren Jachtreisen an die Riviera. Das Mittelmeer ist für sie gleich neben der Ukraine.“

Die Werft von La Ciotat, wo weltweit ein Siebtel aller Großjachten überholt und repariert wird, hat für diesen Sommer schon zahlreiche Aufträge verloren. „Eine Katastrophe“, meint die Vertreterin eines lokalen Dienstleisters, der bis zu 50-köpfige Jacht-Mannschaften stellt. „Wir merken erst jetzt, wie abhängig wir von unserer russischen Klientel sind.“ (Stefan Brändle)

In Hamburg gab es zudem Irritationen aufgrund einer ankernden Yacht. Offenbar gehört diese keinem russischen Oligarchen, sondern einem saudischen Prinzen.

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