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„Wir finanzieren Putins Krieg“

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Von: Joachim Wille

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Ukraine-Krieg
Graffiti-Kunst im spanischen Valencia. © Rober Solsona/dpa

Weniger Energie verbrauchen hilft, von Russland unabhängiger zu werden.

Frankfurt – Es ist eine schreckliche Erkenntnis, die viele Menschen umtreibt: Wer Energie in Form von Erdgas oder Heizöl, Sprit und Kohlestrom nutzte, hat jahrelang die Militärmaschine von Wladimir Putin mitfinanziert, die nun die Ukraine überfällt, Menschen tötet oder in die Flucht treibt und Städte in Schutt und Asche legt. Und selbst jetzt, da der Krieg eskaliert, fließt das Geld weiter in Moskaus Kriegskasse. Doch niemand ist machtlos. Die Verbraucher:in kann zumindest einen Teil der Energie schnell sparen. Stichworte: Langsamer fahren, mäßiger heizen, sparsame Elektrogeräte kaufen. Und eine Unternehmensinitiative forderte jetzt, die Bundesregierung müsse ein „historisches Energiesparpaket“ auflegen.

Rund 55 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases stammt aus Russland, bei Steinkohle ist es die Hälfte, bei Erdöl gut ein Drittel. Im EU-Schnitt ist die Abhängigkeit ebenfalls hoch, wenn auch etwas geringer. Russlands Einnahmen aus dem Export von Gas, Kohle und Öl alleine aus den EU-Ländern beliefen sich 2020 auf umgerechnet 67 Milliarden US-Dollar, während die Militärausgaben 61,7 Milliarden betrugen. Der Staatshaushalt wird zu einem Drittel aus den Energie-Einnahmen bestritten.

„Wir sitzen abends in warmen Wohnzimmern und schauen Krieg. Wir sind empört und wollen helfen“, schreibt der Berliner Verkehrsforscher Andreas Knie. „Morgens gehen wir aber wieder in die Garage und starten das Auto. Mit dem Geld für den Sprit finanzieren wir zu einem großen Teil Putins Krieg. Das wollen wir nicht wahrhaben und denken lieber über die Renaissance von Braunkohle und Atomkraft nach. Hauptsache, die Versorgung ist gesichert!“ Doch das Klima dreht sich. Die Forderungen werden lauter, Energie sparen und Energieeffizienz in allen Sektoren – von Verkehr über Heizung bis Industrie – umzusetzen.

Ukraine-Krieg: Deutschland finanziert mit Energie-Käufen Putins Kasse

Tatsächlich ist die Situation der Energie-Versorgung heute zumindest in Deutschland und Europa dramatischer als während der ersten Ölkrise 1973, in der die damalige Bundesregierung unter Kanzler Willy Brandt (SPD) immerhin vier Sonntagsfahrverbote und für sechs Monate ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen (Tempo 100) und Landstraßen (Tempo 80) erließ, um den Spritkonsum zu senken. Die Opec hatte damals den Ölexport gedrosselt, um den Westen unter Druck zu setzen, der Israel im Jom-Kippur-Krieg unterstützte.

Die Forderung nach einem Tempolimit (100/80/30 für Autobahn, Landstraße, Stadt) hat die Deutsche Umwelthilfe (DUH) wieder auf die Agenda gesetzt. Das Argument: So lasse sich der Rohölbedarf aus Russland sofort um mehrere Millionen Tonnen und damit etliche Prozentpunkte absenken. Auch in den sozialen Medien fordern viele #100aufderautobahn. Fachleute wie Andreas Knie unterstützen das: „Ein Tempolimit ist aus Klimaschutzgründen ohnehin überfällig. Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, um es einzuführen. Wann sonst.“ Auch an autofreie Sonntage solle man wieder denken. Das sei zudem ein „sichtbares Zeichen der Solidarität mit der Ukraine“, sagte der Verkehrsprofessor der FR.

Tipps zum Einsparen von Energie

Wie können Verbraucher:innen Energie sparen? Die Unternehmensinitiative Energieeffizienz (Deneff) rät folgendes:

Technik
• Durchflussbegrenzer im Bad einbauen
• Fenster mit Dichtungsband abdichten
• Haushaltsgeräte-Neukauf mit bester Effizienzklasse
• Heizkörper entlüften (lassen)
• Heizkörperthermostate, digitale
• Kühlschrank und Gefriertruhe abtauen
• LED in Gebäuden einsetzen
• Lichtsteuerung

Verhalten
• Auf Heizpilze verzichten
• Auf Klimaanlagen verzichten
• Autofahrten und Flüge minimieren
• Beleuchtung dimmen
• Elektrische Geräte seltener nutzen
• Elektronische Geräte ausschalten, auf Standby verzichten, gegebenenfalls mit Zeitschaltuhr
• Extra-Kühlgeräte stilllegen
• Gefriergut im Kühlschrank auftauen
• Geschirrspüler mit Ökoprogramm laufen lassen
• Größe von Elektrogeräten dem Bedarf anpassen
• Hände mit kaltem Wasser waschen
• Heizung in ungenutzten Räumen herunterdrehen (Zweitwohnung)
• Heizung herunterdrehen
• Laptop statt PC verwenden
• Licht ausschalten
• zu Fuß gehen, ÖPNV nutzen oder Fahrrad fahren
• PCs nur bei Nutzung anschalten
• Sauna ausschalten
• Solare Wärmegewinne nutzen: Sonne ins Gebäude lassen
• Rollläden im Winter gegen Wärmeverlust nutzen
• Stoßlüften im Winter bei heruntergedrehter Heizung
• Wäsche auf einem Ständer und nicht in der Wohnung trocknen
• Wäsche mit Ökoprogrammen, bei 30 Grad waschen und ohne Vorwäsche waschen
• Waschmaschine und Geschirrspüler voll beladen
• Wassersparbrause installieren
• Dusch-/Badeverhalten auf den Prüfstand stellen
• Weniger Lampen pro Raum benutzen
• WLAN bei Abwesenheit abschalten

Der Freiburger Umweltforscher Rainer Grießhammer vom Öko-Institut sieht im Verkehr weitere, noch größere Einsparpotenziale für die teure Energie. „Innerorts radeln, auf Bahn und ÖPNV umsteigen, längere Autofahrten möglichst vermeiden, spritsparend fahren“, rät er. Auch eine Fortsetzung der wegen Corona eingeführten Homeoffice-Regelungen wirke positiv. Noch größere Effekte habe ein Verzicht auf Flüge, ob für Geschäftsreisen oder Wochenendtrips, wenn dadurch die Flugpläne ausgedünnt werden können.

Energie sparen als Anti-Putin-Maßnahme: Wenige Mittel haben große Wirkung

Weiteres Aktionsfeld: Heizen und Warmwasserbereitung, speziell bei den rund 48 Prozent der Haushalte, in denen dafür Erdgas genutzt wird. Mit wenigen Mitteln könne der Gasverbrauch hier um 15 bis 20 Prozent gesenkt werden, rechnet Professor Grießhammer vor – und zwar auch von Mieterinnen und Mietern. Zum Beispiel: die Heiztemperatur um ein bis zwei Grad senken, automatische Thermostatventile einsetzen und mit Sparduschköpfen den Warmwasserverbrauch reduzieren.

Der Experte Michael Kopatz vom Wuppertal-Institut für Klima, Energie, Umwelt verweist darauf, dass so auch der Anstieg der Energierechnung wenigstens etwas gemildert werden kann: „Wenn jemand das Raumthermostat von 23 auf 21 Grad runterreguliert, spart die Person zwölf Prozent Heizkosten.“ Auch nutzten viele immer noch die Fenster-Kipplüftung statt der empfohlenen Stoßlüftung. „Das ist eine Kostenfalle.“ Mittel- und langfristig geht in dem Sektor freilich noch viel mehr: vor allem durch Wärmedämmung von Häusern und die Umstellung der Heizung auf Wärmepumpen.

Auch Stromsparen in allen Varianten macht laut den Fachleuten als Anti-Putin-Maßnahme Sinn, da hierzulande noch rund 20 Prozent der Elektrizität mit Erdgas und Steinkohle produziert werden, die zu mehr als der Hälfte aus Russland kommen. Hier gibt es unzählige Möglichkeiten – vom Wäschewaschen mit Ökoprogrammen über das Abschalten des WLAN bei Abwesenheit bis zum Haushaltsgeräte-Neukauf mit bester Effizienzklasse.

Öfter mal aufs Fahrrad umsteigen senkt die Kosten.
Öfter mal aufs Fahrrad umsteigen senkt die Kosten. © Imago

Energie-Verbrauch: Industrie und Gewerbe sind oft schon effizient

Auch in Industrie und Gewerbe gibt es nach Einschätzung der Fachwelt noch zahlreiche Handlungsmöglichkeiten, den Verbrauch von Energie schnell zu senken, vor allem beim Strom: Pumpen hydraulisch optimieren, Druckluft-Leckagen abdichten, Lichtsteuerung verbessern, Videokonferenzen statt Dienstreisen – das sind Beispiele. Da viele Produktionsprozesse in den letzten zwei Jahrzehnten aber schon aus Kostengründen optimiert wurden, sind große Sprünge hier nicht zu erwarten. Mittel- und langfristig gibt es dagegen erhebliche Verbesserungspotenziale, weil sich viele Alternativen durch die hohen Energiepreise und die CO2-Bepreisung rechnen.

In dieser Situation macht die „Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz“ (Deneff), der 200 Firmen, darunter Konzerne wie Covestro, Rockwool und Siemens, angehören, nun Druck, die „stille Reserve Energieeffizienz“ zu nutzen. „Der Staat darf die Menschen nicht allein lassen und muss jetzt in historischem Ausmaß aktiv werden“, schreibt die Deneff in einem Appell. Die Bundesregierung müsse jetzt schnell handeln, um die Bevölkerung und die Unternehmen zu befähigen, den Energieverbrauch zu senken. Im Einzelnen fordert sie unter anderem eine große, medienwirksame Energiesparkampagne, kostenlose Heizkosten- und Stromsparchecks, Energiespar-Gutscheine etwa für besonders effiziente Geräte und den Start einer „Sanierungswelle“ für den Gebäudesektor, beginnend mit den energetisch schlechtesten Häusern aus der Nachkriegszeit.

Dass eine solche Kampagne fruchten kann, belegt die Erfahrung aus Japan, wo die Regierung nach dem Fukushima-Super-GAU 2011 und der zeitweisen Stilllegung aller Kernkraftwerke des Landes das Energiesparen zur nationalen Aufgabe erklärte. Zeitweise sank der Stromverbrauch durch Maßnahmen in den Haushalten, Büros und Firmen um bis zu rund 20 Prozent, Energie sparen wurde zu einer Art Volkssport. Deutschland sei gut beraten, sich daran ein Beispiel zu nehmen, meint Experte Grießhammer. „Die beste Kilowattstunde ist die, die gar nicht erst produziert werden muss.“ (Joachim Wille)

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