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Russland-Sanktionen als Chance für Chinas Firmen? Die zögern - auch wegen US-Drohung

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Von: China.Table

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Mitarbeitender eines Einkaufszentrums in Moskau vor einem geschlossenen Levi‘s-Geschäfts
Geschlossenes Levi‘s-Geschäft in einem Einkaufszentrum in Moskau: Viele internationale Marken ziehen sich wegen des Ukraine-Krieges aus Russland zurück. Chinesische Firmen könnten das Vakuum füllen, zögern aber noch. © Sergei Karpukhin/Imago/Itar-TASS

Weil sich westliche Konkurrenten aus Russland zurückziehen, könnten chinesische Tech-Firmen dort nun eigentlich in die Offensive gehen. Bislang halten sie sich jedoch zurück. Die Angst vor den USA ist groß.

Peking – Die Tatsache, dass sich zahlreiche US-Firmen im Ukraine-Krieg* aus Russland zurückziehen, ist für chinesische Tech-Konzerne zumindest auf den ersten Blick eine gute Nachricht. Russland verbindet den Westen und den Osten nicht nur geografisch. Es war in den letzten Jahren auch stets ein Land, in dem chinesische Firmen erfolgreich mit westlichen Unternehmen konkurrierten. Nun, da die Amerikaner den Rückzug antreten, wird der Marktanteil chinesischer Anbieter ohne Frage steigen. 

Der chinesische Smartphone-Hersteller Xiaomi, schon jetzt auf dem zweiten Platz der russischen Verkaufscharts hinter Samsung, dürfte davon profitieren, dass Apple – bisher Nummer drei in Russland* – dort keine Geräte mehr verkaufen will. Und nachdem vergangenes Jahr HP das Geschäft mit Computern in Russland angeführt hatte, wird nun wahrscheinlich der chinesische Konzern Lenovo die Führung übernehmen, der zuletzt auf dem zweiten Platz lag. US-Konkurrent Dell hat sich schließlich ebenfalls aus Russland verabschiedet.

Russlands Marktwirtschaft kleiner als die mancher Provinzen Chinas

Doch der abrupte Rückzug von Marken der USA und Europas versetzt Chinas* Firmen dennoch nicht wirklich in Feierstimmung. „Russlands gesamte Volkswirtschaft ist kleiner als die so mancher chinesischen Provinz. Außerdem stürzt die Wirtschaft dort gerade ab. Die Menschen werden insgesamt weniger kaufen. Ich sehe da keinen Gewinn für uns“, sagt die Mitarbeiterin einer großen Tech-Firma im südchinesischen Shenzhen*.

Eine Einschätzung, die von vielen Beobachtern geteilt wird. „Für die meisten chinesischen Unternehmen ist Russland nur ein kleiner Markt, der nicht das Risiko wert ist, von entwickelten Märkten abgeschnitten oder selbst sanktioniert zu werden“, heißt es in einer Einschätzung des Analysehauses Gavekal Dragonomics. 

Chinesische Firmen wissen genau, was ihnen blühen könnte, wenn sie sich nun als Retter der russischen Wirtschaft inszenierten. Der chinesische Tech-Konzern Huawei* hat schließlich schon zu spüren bekommen, wozu Washington in der Lage ist, wenn es ein Unternehmen erstmal ins Visier genommen hat. Huawei-Finanzchefin Meng Wanzhou saß über Jahre in kanadischem Hausarrest*, weil die USA sie beschuldigten, in die Umgehung von Iran-Sanktionen verwickelt gewesen zu sein. Huawei selbst wurde wegen unterstellter Spionagevorwürfe von Washington auf eine schwarze Liste gesetzt und so sehr verkrüppelt, dass es nun kaum noch Smartphones produzieren kann. 

Chinas Tech-Firmen: Washington warnt vor Umgehung der Sanktionen

Washington macht dieser Tage deutlich, dass es nicht zögern würde, chinesische Firmen erneut hart zu bestrafen. Unternehmen, die sich den US-Beschränkungen nach Russland widersetzen, könnten von amerikanischer Ausrüstung und Software abgeschnitten werden, die sie zur Herstellung ihrer Produkte benötigen, warnte US-Handelsministerin Gina Raimondo vergangene Woche. Die USA könnten alle chinesischen Unternehmen, die sich den US-Sanktionen widersetzen, hart bestrafen, wenn sie weiterhin Chips und andere fortschrittliche Technologien nach Russland liefern würden, sagte Raimondo in einem Interview mit der New York Times.

Die USA drohen, Unternehmen ähnlich wie zuvor Huawei auf eine schwarze Liste zu setzen, sollten sie versuchen, die Exportbeschränkungen gegen Russland zu umgehen. Raimondo ging sogar so weit, mit dem führenden chinesischen Chip-Hersteller SMIC schon einen Namen ins Spiel zu bringen. Wenn man feststellen würde, dass ein Unternehmen wie SMIC seine Chips nach Russland verkaufte, „könnten wir SMIC im Wesentlichen schließen, weil wir es daran hindern würden, unsere Ausrüstung und unsere Software zu verwenden“, wurde Raimondo zitiert.

Chinas Tech-Firmen: Mehr Risiken als Chancen durch den Ukraine-Krieg

Der Krieg in der Ukraine dürfte chinesische Tech-Firmen also kaum Chancen bieten, dafür aber ähnlich wie westlichen Unternehmen vor allem Ärger bereiten. Schwächt sich die Weltkonjunktur wegen der Krise tatsächlich wie erwartet erheblich ab, wird das auch an der ohnehin schon angeschlagenen chinesischen Wirtschaft nicht spurlos vorbeigehen. Schwächelt der Konsum auf dem Heimatmarkt, ist das für chinesische Firmen ein viel größeres Problem, als ein paar gewonnene Marktanteile auf einem Sekundärmarkt wie Russland. 

Auch die chinesische Staatszeitung Global Times scheint diese einfachen volkswirtschaftlichen Zusammenhänge mittlerweile verstanden zu haben. Ein Artikel, der mögliche Chancen für chinesische Smartphone-Firmen und Autohersteller in Russland beschrieb, wurde von der Website des regierungstreuen Blattes inzwischen wieder gelöscht. 

Von Jörn Petring und Gregor Koppenburg 

Jörn Petring und Gregor Koppenburg leben seit einigen Jahren als freie Autoren in Peking. Seit Anfang 2021 berichten sie von dort auch für China.Table.

Dieser Artikel erschien am 18. März 2022 im Newsletter China.Table Professional Briefing – im Zuge einer Kooperation steht es nun auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung. *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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