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Wer nur auf die gesetzliche Altersvorsorge setzt, wird sich im Ruhestand einen Wanderurlaub nur noch schwerlich leisten können (Symbolbild).

Ruhestand

Überlebensabend

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Viele Neurentner können ihren Lebensstandard nicht halten, zeigt eine Studie. Gesetzliche und Betriebsrente reichen nicht.

Für mehr als die Hälfte der Berufstätigen aus den Jahrgängen 1948 bis 1957 dürfte sich der Lebensabend als Überlebensabend entpuppen. Einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge können 58 Prozent aus dieser Altersgruppe ihren Lebensstandard mit den erworbenen Anwartschaften der gesetzlichen und betrieblichen Renten im Ruhestand nicht aufrechterhalten. Bei Personen, die allein auf die gesetzliche Rente angewiesen sind, steigt der Anteil auf mehr als zwei Drittel. Riester- und Rürup-Renten sowie Lebensversicherungen verbessern die Finanzlage in nur geringem Umfang, während die Versorgungslücke unter Einberechnung des privaten Vermögens deutlich sinkt. Besonders von Unterversorgung betroffen sind Singles, Soloselbstständige, Frauen und Ungelernte.

Die Zahlen sind zweifellos alarmierend, sie bedürfen aber der Erläuterung. Die Forscher haben im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung nämlich zunächst berechnet, welche Altersbezüge die Angehörigen der genannten Jahrgänge bezögen, wenn sie 2012 in Rente gegangen wären. Weitere Anwartschaften, die etwa ein 55-Jähriger des Jahres 2012 in der Zeit bis zum Renteneintritt zusätzlich erworben haben kann, sind nicht berücksichtigt. Ebenso wenig wurden Abschläge für den vorzeitigen Renteneintritt eingerechnet. Das DIW ermittelte also auf Basis der bis 2012 erworbenen Versorgungsansprüche die sich daraus ergebenden Ruhegelder.

Beamtinnen und Beamte stehen am besten da

Ergebnis: Von den 1948 bis 1957 geborene Personen, die allein auf die gesetzliche Rente angewiesen sind, können 69 Prozent ihren Lebensstandard mit den bis 2012 erworbenen Anwartschaften im Alter nicht mehr finanzieren. Tritt eine betriebliche Altersversorgung hinzu, fällt der Anteil auf 50 Prozent. Am besten stehen Beamtinnen und Beamte da: Von ihnen könnten nur 18 Prozent den bisherigen Lebensstandard nicht halten. Nimmt man alle Gruppen zusammen, ergibt sich ein Anteil von 58 Prozent der Beschäftigten, die sich im Alter einschränken müssen. Im Schnitt erhielten diese Menschen aus gesetzlicher und betrieblicher Rente sowie aus Beamtenpensionen monatlich 1230 Euro. Daraus ergibt sich im Mittel eine Versorgungslücke von 700 Euro pro Monat.

Den größten Einfluss hat das private Vermögen

Die Berechnungen zeigen auch, wie wenig Riester-Renten und andere private Vorsorgeformen dazu beitragen, den Lebensstandard im Alter zu sichern: Rechnet man die Privatvorsorge hinzu, sinken die Anteile der Unterversorgten um nur etwa zwei Punkte: Von 69 auf 67 Prozent bei jenen mit gesetzlicher, aber ohne betrieblicher Rente; von 50 auf 47 Prozent bei jenen, die Ansprüche auch auf Betriebsrente haben; und von 18 auf 17 Prozent bei den Beamten. Auch den durchschnittlichen Fehlbetrag von 700 Euro vermag die Privatvorsorge nicht wesentlich zu verringern: Er sinkt lediglich auf 650 Euro pro Monat.

Einen deutlich größeren Einfluss auf die Versorgung im Alter hat das private Vermögen. Im Schnitt verfügten die 55- bis 64 Jährigen des Jahres 2012 über ein individuelles Nettovermögen von 150 000 Euro. Dadurch sinken die Anteile der Unterversorgten auf 51 Prozent (nur mit gesetzlicher Rente), auf 34 Prozent (gesetzliche und Betriebsrente) sowie auf neun Prozent (Beamte).

Ähnliches gilt für eine zweite Berechnung des DIW: Die Experten haben aus Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) hochgerechnet, wie hoch die Anwartschaften wären, wenn die untersuchten Jahrgänge bis zum durchschnittlichen Renteneintrittsalter von 64 Jahren zu den bisherigen Bezügen weiter gearbeitet hätten. Auch in diesem Fall sinkt der Anteil aller Unterversorgten deutlich von 58 auf 50 Prozent, unter Einbezug des Privatvermögens von 41 auf 33 Prozent. Naturgemäß gilt das nicht für Personen, die über ein geringes oder kein Privatvermögen verfügen.

Vor diesem Hintergrund regen die Studienautoren Markus Grabka, Timm Bönke, Konstantin Göbler und Anita Tiefensee eine Abkehr vom reinen Äquivalenzprinzip in der gesetzlichen Rentenversicherung an: „Gerade Geringverdienenden sollten dann höhere Leistungen zugutekommen, während die Beitragsbemessungsgrenze für die oberen Einkommensgruppen aufgehoben werden sollte“, resümiert Grabka. Zudem solle die Riesterrente grundlegend reformiert und in ein provisionsfreies Staatsfondsmodell nach schwedischem Vorbild umgebaut werden.

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