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Marie Kondo hat?s im Griff. Die Aufräumerin ist Serienstar bei Netflix.

Netflix

Der TV-Schreck

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Das US-Film- und Serienportal Netflix wächst und wächst. Deutsche Fernsehsender sollten sich ernsthaft Gedanken über ihre Zukunft machen.

Wie sieht es in Ihren Schränken aus? Haben Sie die Übersicht verloren, wie viele Klamotten sich da angesammelt haben? Keine Angst, es gibt Marie Kondo. Sie hilft: Was lange nicht angezogen wurde, wird gnadenlos weggeworfen. Das ist die Methode, mit der die Japanerin nicht nur Ordnung schafft, sondern auch zu einem Weltstar geworden ist. „Aufräumen mit Marie Kondo“ heißt die Serie, die es seit einigen Wochen auch in Deutschland zu sehen gibt. Bei Netflix. Sie ist das erfolgreichste Non-Fiction-Format des US-Streamingdienstes und ein Zeichen für den enormen Erfolg des Unternehmens, das das klassische Fernsehen zunehmend verdrängt.

Netflix hatte Ende Dezember weltweit 139 Millionen zahlende Abonnenten. Allein 8,8 Millionen sind in den drei Monaten davor hinzu gekommen. Zugleich ist der Umsatz in dem Quartal im Vergleich zum Vorjahr um mehr als ein Viertel auf knapp 4,2 Milliarden Dollar (3,67 Milliarden Euro) geklettert. Das ist Marie Kondo oder auch Hollywood-Star Sandra Bullock zu verdanken. Sie spielt die Hauptrolle in dem Horror-Thriller „Bird Box“, den nach Schätzungen des Netflix-Managements seit Dezember weltweit 80 Millionen Zuschauer abgerufen haben. Das zeigt, mit welcher Wucht der Abrufdienst agiert. Sein Unternehmen habe in den USA mittlerweile einen Marktanteil von zehn Prozent an der gesamten Bildschirmzeit der Verbraucher, sagte Konzernchef Reed Hastings bei der Präsentation der aktuellen Geschäftszahlen. In anderen Ländern sei es merklich weniger.

Noch. Es soll deutlich mehr werden. Allein im laufenden Quartal rechnet das Management mit einem Plus von 8,9 Millionen auf 148 Millionen Abonnenten. Der weit überwiegende Anteil des Zuwachses soll sich auf den Märkten außerhalb der USA abspielen.

Netflix hat ein schwer überschaubares Sortiment an Filmen, Serien und Dokumentationen aufgebaut. Doch der Erfolg des Unternehmens und seine Anziehungskraft seien ganz klar an die Original-Produktionen geknüpft, betonte Ted Sarandos, der als Chief Content Officer für die Inhalte verantwortlich ist. Und deshalb investiert die Firma, die einst als DVD-Verleiher begann, heftig in neue eigene Produktionen – rund zehn Milliarden Dollar sind es in diesem Jahr.

Unter anderen hat Netflix die Regie-Legende Martin Scorsese für den Film „The Irishman“ unter Vertrag genommen – mit Robert de Niro und Al Pacino in den Hauptrollen. Es wird eine neue Staffel des Welterfolges „Das Haus des Geldes“ geben und so weiter. Die gigantischen Summen sind im traditionellen linearen Fernsehen undenkbar. Netflix kann sich das leisten, weil die Macher immer geschickter den Vorteil ausspielen, dass die Spielfilme und die Serien mittlerweile fast überall auf der Welt heruntergeladen werden können.

Doch das haben auch andere erkannt. Amazon ist mit seinem Prime-Dienst einer der stärksten globalen Rivalen. Auch der Bezahlsender Sky investiert in hochkarätige Inhalte. Hierzulande haben vor allem „Babylon Berlin“ und zuletzt „Das Boot“ Furore gemacht. Und es drängen weitere US-Giganten auf den Markt: Apple will in diesem Jahr mit aller Macht sein Film-Angebot ausbauen. Und auch zwei traditionsreiche Hollywoodstudios wollen sich ein größeres Stück am wachsenden Streaming-Kuchen sichern: Warner und Disney. Der Kampf um die Zuschauer wird sich verschärfen. Da bleibt auch Netflix keine andere Wahl als die Flucht nach vorne – mit immer mehr und immer aufwendigeren Eigenproduktionen, um sich Marktanteile zu sichern, die die Gewähr für künftige Umsätze sind.

Das hat auch die Fernsehlandschaft hierzulande längst verändert. Deutliches Zeichen dafür ist, dass Sky „Babylon Berlin“ gemeinsam mit der ARD produziert hat. Die Öffentlich-Rechtlichen haben große Mediatheken eingerichtet, wo die Nutzer à la Netflix ganze Serien-Staffeln auf einmal abrufen können. Das lineare Fernsehen verliert massiv an Boden. Die britische Marktforschungsfirma Ampere Analysis geht davon aus, dass derzeit schon rund 20 Prozent der deutschen TV-Haushalte Abrufdienste nutzen – wobei Amazon Prime mit geschätzten zehn Millionen Nutzern die Nase vorn hat. Mit etwa halb so viel Abonnenten folgen Sky und Netflix Kopf an Kopf. Das Telekom-Portal Entertain bringt es auf rund 3,3 Millionen Kunden. Alle Marktforscher erwarten, dass die Zahlen deutlich steigen werden. Manche gehen sogar davon aus, dass das Potenzial bei 90 Prozent aller Haushalte liegt.

Die Öffentlich-Rechtlichen können den Wandel noch einigermaßen wegstecken, weil ihre Haupteinnahmequelle die Rundfunkgebühren sind. Besonders heftig dürfte es aber die werbefinanzierten Privatsender treffen, die zu den Konzernen Pro Sieben-Sat 1 und der RTL-Gruppe gehören. Adrien de Saint Hilaire, Analyst bei Merrill Lynch, hat gerade die Kursziele für die beiden Unternehmen nach unten gesetzt.

Begründung: Der Anteil des klassischen Fernsehens am gesamten Werbekuchen werde bis 2025 deutlich sinken. Treiber sei die Demografie. Immer mehr Konsumenten seien in der digitalen Welt zu Hause. Die Konkurrenz durch Netflix und Co. drücke die Werbeeinnahmen im linearen TV und zwinge die Unternehmen zu verstärkten Investitionen ins Online-Geschäft, was die Gewinnmargen drücke. Das passt zum Verhalten der Investoren. Die RTL-Aktie hat in den vergangenen zwölf Monaten gut ein Drittel an Wert verloren. Bei Pro Sieben-Sat 1 waren es sogar um die 50 Prozent.

Der Netflix-Kurs ist im gleichen Zeitraum – trotz einiger Turbulenzen – um 60 Prozent gestiegen. Und die Investmentbank Goldman Sachs hat das Papier in seine viel beachtete Empfehlungsliste für dieses Jahr aufgenommen. Analyst Heath Terry sieht noch immer Wachstumspotenziale, die höher seien als im Allgemeinen erwartet werde. Der wichtigste Indikator dafür sei, dass 2018 die Zahl der Downloads der Netflix-App massiv gewachsen sei. In Europa habe das Plus bei 49 Prozent gelegen. Die App ist die Voraussetzung, um Serien wie „Aufräumen mit Marie Kondo“ zu sehen, wo immer wieder gezeigt wird, dass nach dem Ausmisten die übrig gebliebenen Textilien sorgsam gefaltet und zurück in den Schrank gelegt werden. 

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