Gold-Armreifen dicht an dicht in einem Shop in Istanbul.
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Gold-Armreifen dicht an dicht in einem Shop in Istanbul.

Inflation

Türkei im Goldrausch

  • vonGerd Höhler
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Weil die Landeswährung immer weiter an Wert einbüßt, investieren die Türken ihre Lira in das Edelmetall – sehr zum Ärger von Erdogan.

Viel ist nicht los im Großen Basar von Istanbul. Die Bosporusmetropole ist Corona-Risikogebiet. Vor allem die kaufkräftigen amerikanischen und asiatischen Touristen fehlen den Geschäftsleuten. Aber bei den Goldhändlern herrscht Hochbetrieb. Die Kunden stehen Schlange. Weil die türkische Lira ständig an Wert verliert, tauschen viele Türken jetzt ihre Ersparnisse in Gold. Der Goldrausch ist ein politisches Misstrauensvotum für Staatschef Recep Tayyip Erdogan.

Seit Jahren wirbt Erdogan mit patriotischen Parolen um Vertrauen in die Landeswährung. Die Bürger sollten ihre Dollar- und Euro-Bankguthaben in Lira tauschen, appelliert der Präsident. Wer seinem Rat folgte, hat viel Geld verloren: Allein seit Beginn dieses Jahres hat die türkische Währung gegenüber dem Dollar 20 Prozent ihres Werts eingebüßt. Noch dramatischer ist der Wertverlust gegenüber dem Euro: Am 1. Januar kostete der Euro in den Istanbuler Wechselstuben 6,68 Lira. Heute muss man 8,65 Lira für einen Euro bezahlen. Im Vergleich zu Anfang 2018 hat sich der Wert der Lira sogar halbiert.

Der Verfall der Lira verteuert nicht nur importierte Konsumgüter, sondern auch Waren aus einheimischer Produktion, weil die türkische Industrie wegen ihrer geringen Fertigungstiefe in hohem Maß auf Einfuhren angewiesen ist. Das heizt die Inflation an. Sie lag im Juli bei knapp zwölf Prozent. Der Kaufkraftverlust drückt wiederum den Außenwert der Lira – ein Teufelskreis.

Abwertung und Inflation sind kein neues Thema in der Türkei. Viele Türken legen deshalb traditionell einen Teil ihrer Ersparnisse in Fremdwährungen und Gold an. Die Türken horten geschätzt 5000 Tonnen Gold, meist in Form von Schmuck und Münzen. Zum gegenwärtigen Marktpreis entspricht dieser Goldschatz gut 320 Milliarden Dollar. Auch Euro- und Dollar-Anlagen sind beliebt. Die Fremdwährungs-Einlagen von Sparern und Unternehmen bei den türkischen Banken beliefen sich Anfang August auf 249 Milliarden Dollar, ein Anstieg von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Viele Menschen treibt aber inzwischen die Sorge um, angesichts dramatisch schrumpfender Devisenreserven der türkischen Zentralbank könnte der Staat schon bald nach ihren Dollar- und Euro-Ersparnissen greifen. Ein Warnsignal für die Sparer: Einige türkische Banken haben im August bereits begonnen, höhere Gebühren für die Abhebung von Devisen zu berechnen.

Deshalb bekommt Gold als krisenfeste Anlage nun einen ganz besonderen Glanz. Man braucht es nicht der Bank anzuvertrauen, sondern kann es in Form von Barren oder Münzen zu Hause aufbewahren oder in Form von Schmuck mit sich herumtragen. Marktbeobachter schätzen, dass die Türken allein in den ersten zwei August-Wochen Gold im Wert von sieben Milliarden Dollar gekauft haben. Manche Menschen spielten sogar mit dem Gedanken, ihr Auto oder ihr Haus zu verkaufen, um den Erlös in Gold anzulegen, zitierte jetzt die Nachrichtenagentur Reuters den Goldhändler Günay Günes, der einen Laden im Istanbuler Basar betreibt.

Unterdessen sind die Aussichten für die Lira nicht gut. Die Ratingagentur Fitch stufte am Wochenende den Ausblick für die Türkei von „stabil“ auf „negativ“ herunter. Die Begründung: die schrumpfenden Devisenreserven, die mangelnde Glaubwürdigkeit der Geldpolitik und wachsende Defizite und Währungsrisiken.

Nicht einmal Erdogans Ankündigung eines bedeutenden Erdgasfundes im Schwarzen Meer konnte die schwindsüchtige Währung am Freitag aufpäppeln. Weil das Gasvorkommen viel kleiner ist als zunächst erwartet, sackte die Lira weiter ab. Abzulesen ist das wachsende Misstrauen gegenüber Erdogan nicht nur am Verfall der Lira und der Flucht vieler Sparer ins Gold. Auch seine Regierungspartei AKP steht nicht mehr hoch im Kurs. Bei den Wahlen von 2011 erreichte sie noch fast 50 Prozent Stimmenanteil. Jetzt liegt sie in den Umfragen nur bei rund 30 Prozent.

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