+
Schweinezüchter machen sich angesichts der Handelskriege gleich an mehreren Fronten Sorgen um ihre Existenz.

Handelsstreit

Trump kämpft um seine Wähler

  • schließen

Donald Trumps plötzlicher Sinneswandel wurzelt in der wachsenden Enttäuschung der US-Farmer. Viele Republikaner haben Alarm geschlagen.

Der Republikaner Mike Rounds machte auf seinen Heimreisen in den Farmerstaat South Dakota eine beunruhigende Beobachtung. Bei den Sprechstunden in seinem Wahlkreis tauchten zuletzt immer weniger Menschen mit roten „Make-America-Great-Again“-Schirmmützen auf. Der Abgeordnete im Repräsentantenhaus erkennt darin ein klares Zeichen, dass der Enthusiasmus für Donald Trump nachlässt.

Auch andere Repräsentanten und Senatoren aus dem Mittleren Westen sowie anderen Staaten mit starkem Agrarsektor hörten daheim vom Frust der Sojabauern, Kirschproduzenten und Schweinezüchter. Die machen sich angesichts der Handelskriege an gleich mehreren Fronten Sorgen um ihre Existenz. Am Mittwoch pilgerten die Republikaner gemeinsam ins Weiße Haus, dem Präsidenten ihren Unmut kundzutun.

Parallel dazu brachten der republikanische Senator aus Tennessee, Lamar Alexander, und sein demokratischer Kollege Doug Jones aus Alabama einen Gesetzentwurf ein, der die Hoheit in Handelsfragen wieder in den Kongress zurückholen soll. Konkreter Anlass ist die Sorge, die deutschen Autobauer Daimler, BMW und Volkswagen könnten ihre Produktionskapazitäten nach Kanada, Mexiko oder China verlagern.

Wirtschaftsberater Larry Kudlow informierte Trump vor dem Gipfel mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker über den Kurssturz der US-Autobauer General Motors und Fiat Chrysler. Die Konzerne hatten wegen gestiegener Stahl- und Aluminiumpreise in Folge der Strafzölle starke Einbrüche im zweiten Quartal und eine deutlich nach unten korrigierte Gewinnprognose mitgeteilt. GM sackte um acht Prozent, Fiat-Chrysler um 14 Prozent ab.

Ob sich Trump von alldem beeindrucken ließ, als er mit dem „brutalen Killer“ aus Luxemburg zusammensaß, kann nur spekuliert werden. Sein Reiseplan spricht dafür. Mit der unspezifischen Zusage von Sojabohnenkäufen aus der EU und zwölf Milliarden Dollar an Subventionsversprechen jettete er am Donnerstag in den hart getroffenen Agrarstaat Iowa.

Das andere Indiz ist die lange Liste an Senatoren und Repräsentanten, die er bei dem hastig arrangierten Auftritt mit Juncker im Rosengarten willkommen hieß. Darunter auch der Abgeordnete Rounds, der die Annäherung mit der EU anschließend „als Schritt in die richtige Richtung“ wertete.

Geholfen haben dürfte dem gewieften Juncker auch die ihm eigene Mischung aus knallhartem Kalkül und jovialem Stil. Beides versteht Trump. Juncker ließ dem Vernehmen nach keinen Zweifel daran, dass die EU mit ihren 500 Millionen Verbrauchern Autozölle kompromisslos vergelten würde.

Vorläufig Waffenruhe

Dass der Sinneswandel während des Gipfels kam, dafür sprechen der frostige Auftakt, das deutlich längere Gespräch und die plötzlich angesetzte gemeinsame Erklärung im Rosengarten. Während der Verhandlungen platzierte die „Washington Post“ eine Exklusivgeschichte, die von Verwerfungen im Weißen Haus berichtete. Trump sei wild entschlossen, die Autozölle zu verhängen.

Auch die EU-Vertretung in Washington und Diplomaten aus den Mitgliedsstaaten hatten im Vorfeld Erwartungsdiät betrieben. In Hintergrundkreisen hieß es, beim Juncker-Besuch werde wohl nicht viel herauskommen. Das lässt sich nun nicht mehr sagen. Denn beide Seiten verzichten auf neue Handelsschranken, solange über eine wie auch immer geartete Neuauflage des transatlantischen Freihandelsabkommens TTIP geredet wird.

Analysten nehmen das von Trump und Juncker im Rosengarten gebrauchte Wort „Deal“ nicht in den Mund, weil die Vereinbarungen dafür zu unspezifisch seien. Beide Präsidenten beantworteten wohl auch deshalb keine Reporterfragen.

Wie viele Sojabohnen und Flüssiggas, wer, wann und zu welchem Preis kaufen wird, bleibt ebenso vage wie die Aufhebung der Stahl- und Aluminiumzölle. Es soll Arbeitsgruppen geben. Aber wie lange die Zeit haben, „null Handelsschranken und Subventionen“ zu verhandeln, ist noch ungeklärt.

Allesamt Absichtserklärungen, deren Wert nach Ansicht der Analysten vor allem darin besteht, einen Handelskrieg vorläufig abgewendet zu haben; mehr ein Waffenstillstand als ein Friedensvertrag. Das verschafft Trump Entlastung vor den Kongresswahlen im November und gibt den Europäern Zeit, eine Strategie zu entwickeln.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare