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Auch eine Sorge: IWF-Chefin Christine Lagarde informierte sich im Vorfeld der Jahrestagung über die bedrohten Korallenriffe vor Bali.

Trügerisches Insel-Idyll

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Handelskonflikte, die steigende Verschuldung und Rückschläge bei der Armutsbekämpfung lasten auf der Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank auf Bali.

Der Inselstaat Indonesien steht derzeit wegen der verheerenden Naturkatastrophe auf Sulawesi mit mehr als 1000 Toten im Blick der Weltöffentlichkeit. Dabei will die indonesische Regierung in der Hauptstadt Jakarta das Augenmerk auf das für die größte Volkswirtschaft Südostasiens wichtige Ereignis auf Bali richten. Drei Jahre lang hat sich das Land auf die Jahrestagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank, auf die parallel stattfindenden Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G 20) und des Weltbanken-Verbandes IIF vom 9. bis 14. Oktober vorbereitet. „Es ist das weltgrößte Finanztreffen“, sagt die Regierung zurecht. Es bringe dem Land viele wirtschaftliche und politische Vorteile, stärke den Bankensektor, fördere Investitionen und den Tourismus.

„Das ist ein herausfordernder und aufregender Moment für Indonesien“, sagt auch IWF-Chefin Christine Lagarde. Schließlich habe sich das Land mit seinen rund 262 Millionen Einwohnern sehr dynamisch entwickelt. Sie erinnert aber auch an die Lasten, die Indonesien oft durch Naturkatastrophen zu tragen hat – derzeit auf Sulawesi und unlängst durch das Erdbeben auf Balis Nachbarinsel Lombok.

Alle drei Jahren kommen rund 15 000 Experten, darunter die Finanzminister und Notenbankchefs sowie 3000 Delegierte aus den 189 Mitgliedsstaaten von IWF und Weltbank, abseits der Zentralen in Washington zusammen. Am Rande treffen sich rund 5000 Banker, Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und etwa 1000 Journalisten. Wie vor drei Jahren in Perus Hauptstadt Lima ist es 2018 wieder ein Schwellenland. Diesmal in einem Hotspot des Tourismus auf Bali. In Nusa Dua ist in den vergangenen Jahren ein Touristenzentrum mit Luxus-Hotels und einem riesigen Konferenz-Center entstanden. Zeit, die Annehmlichkeiten der Ferieninsel zu genießen, haben die Teilnehmer nur begrenzt, Meetings reihen sich fast pausenlos aneinander. Schließlich trifft sich die Finanzszene sonst nie in einem Jahr auf so engem Raum.

Zehn Jahre nach der Pleite von Lehman und der Finanzkrise steht das Weltfinanzsystem vor neuen Herausforderungen. Ja, das Finanzsystem sei sicherer geworden, sagt Lagarde. „Aber es ist nicht sicher genug.“ Noch läuft die Weltwirtschaft. Im Juli sagte der IWF ein Wachstum von 3,9 Prozent für 2018 und 2019 voraus. Mittlerweile gibt es mehr Wolken am Himmel. In Bali wird der Fonds die Prognose herunterschrauben. Trotz Fortschritten in Nordamerika belasten die von US-Präsident Donald Trump angezettelten Handelskonflikte. Das bremse den Export und Investitionen, sagt Lagarde.

Schwellenländer leiden unter dem immer stärkeren Dollar

Gleichzeitig leiden Schwellenländer unter dem immer stärkeren Dollar. Ihre Währungen verlieren seit Monaten massiv gegenüber dem Greenback. Das verteuert die Bedienung der Schulden. Das gilt für die Türkei, für Südafrika, Indien und Indonesien, wo die Rupiah auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gesunken ist. Die Zentralbank versucht, mit Zinserhöhungen gegenzusteuern. Dramatisch ist die Lage in Argentinien. Dort hat der Peso gegenüber dem Dollar seit April fast die Hälfte eingebüßt. Ende September stockte der IWF sein Hilfsprogramm von 50 auf 57 Milliarden Dollar bis 2021 auf. Der größte Kredit, den der IWF je vergeben hat. Kritiker bemängeln, die Spar-Auflagen träfen vor allem Arme.

Eine neue Schwellenländerkrise sei unwahrscheinlich, sagen gleichwohl Ökonomen wie Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank. Die Staaten hätten ihre Schulden im Griff, nur in der Türkei und Argentinien sei die Lage kritisch. Lagarde ist vorsichtiger. Insgesamt könnten 100 Milliarden Dollar aus den Schwellen- und Entwicklungsländern abgezogen werden. Es wäre fast so viel wie in der Finanzkrise. Auch deshalb müsse der Handelsstreit beigelegt werden. „Wir müssen das System festigen und nicht zerstören.“ Das werden auch die Finanzminister und Notenbank-Chefs, darunter Bundesfinanzminister Olaf Scholz und Bundesbank-Chef Jens Weidmann, wie auch die in Bali versammelten Großbanken fordern.

Zumal ein weiteres Problem sorgen bereitet: Die privaten und öffentlichen Schulden sind laut IWF mit 182 Billionen Dollar so hoch wie nie zuvor. Das sind 60 Prozent mehr als 2007. Die Rekordschulden könnten – bei steigenden Zinsen – zu neuen Verwerfungen auf den Finanzmärkten führen und Staaten in Schwierigkeiten bringen. Wo es notwendig sei, werde der IWF Finanzhilfe leisten, sagt Lagarde.

Sorgen machen sich die IWF-Chefin und Weltbank-Präsident Jim Yong Kim auch wegen der verlangsamten Fortschritte bei der Armutsbekämpfung. Zwar ist der Anteil der Menschen an der Weltbevölkerung, die von weniger als 1,90 Dollar pro Tag leben müssen, von 2013 bis 2015 von elf auf das Rekordtief von zehn Prozent gefallen. In absoluten Zahlen konnten laut Weltbank 68 Millionen Menschen in dieser Zeit die schlimmste Armut überwinden, in den vergangenen 25 Jahren sogar mehr als eine Milliarde. Aber mit 736 Millionen ist die Zahl der Armen immer noch viel zu hoch. „Wollen wir die Armut in der Welt bis 2030 überwinden, brauchen wir viel höhere Investitionen“, sagt Kim. Ihn beunruhigt vor allem die Lage in vielen Ländern Afrikas südlich der Sahara. Dort gelten immer noch 41 Prozent der Bevölkerung als arm. Absolut ist die Zahl der Armen von 2013 bis 2015 in der Region sogar um acht Millionen auf gut 413 Millionen gestiegen. Aber die Weltbank ist gewappnet. Im April haben ihre Anteilseigner eine Kapitalerhöhung um 13 Milliarden Dollar gebilligt. Ein historischer Schritt, sagt Kim. In diesem Jahr wird die Bank die armen und ärmsten Länder mit rund 67 Milliarden Dollar für Finanzierungen, Projekte und Garantien unterstützen.

Das Gastgeberland der Jahrestagung hat – bedingt vor allem durch starkes Wachstum – die Zahl der Armen in den vergangenen zehn Jahren deutlich von 22 auf 5,7 Prozent der Bevölkerung und damit auf rund 15 Millionen Menschen drücken können. Aber auch in Indonesien hat sich dieser Prozess verlangsamt, klagt die Weltbank. Aktuell auch durch die jüngste Naturkatastrophe auf Sulawesi.

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