Die Bürger geben momentan ordentlich Geld aus - allerdings immer häufiger online. Foto: dpa
+
Die Bürger geben momentan ordentlich Geld aus - allerdings immer häufiger online.  

Einzelhandel

Trotz Corona: Es wird geshoppt

  • Frank-Thomas Wenzel
    vonFrank-Thomas Wenzel
    schließen

Die Einzelhändler verzeichnen von Januar bis Mai ein Umsatzplus - doch nicht in allen Branchen boomt es. 

Das sind Zahlen von historischer Dimension. Die Einnahmen der hiesigen Einzelhändler sind von April auf Mai um fast 14 Prozent gestiegen. „Damit konnte der Einzelhandel die Corona-bedingten Umsatzeinbußen der Vormonate wieder ausgleichen“, teilte das Statistische Bundesamt (Destatis) mit. Gleichzeitig sei dies „der stärkste Umsatzanstieg gegenüber einem Vormonat seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 1994“.

Die Daten sind auch für viele Volkswirte eine große Überraschung. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten nur ein Wachstum von 3,9 Prozent erwartet. Deshalb lässt sich das reale Plus von genau 13,9 Prozent (die Inflation wurde herausgerechnet) auch als positives Signal für eine Erholung der Gesamtwirtschaft lesen.

Die Wiesbadener Statistik-Experten machen derweil darauf aufmerksam, dass der hohe Zuwachs auf die Geschäftsschließungen bis Mitte April und die anschließenden Lockerungen zurückzuführen sei. Im Vormonat waren die Umsätze noch massiv eingebrochen (real minus 6,5 Prozent). Allerdings: Die Umsätze lagen auch im Vergleich zum Mai 2019 deutlich höher (real plus 3,8 Prozent) – und damals war die Konjunktur noch intakt und es gab sogar einen Verkaufstag mehr.

Zwar kann man zur Begründung des Zuwachses mit einem möglichen Nachholbedarf der Kunden argumentieren. Bemerkenswert ist aber, dass es auch in den ersten fünf Monaten, die den bisherigen Höhepunkt der Pandemie einschließen, ein reales Plus von 1,2 Prozent zum Vorjahr gab. Corona, Maskenpflicht und zeitweilige Schließungen konnten die Verbraucher nicht davon abhalten, emsig einzukaufen und Geld auszugeben. Wobei ein dickes Plus bei den Umsätzen mit Lebensmitteln und Getränken erzielt wurde.

Haben die Händler damit die Krise überwunden? So einfach ist die Sache nach den Worten eines Sprechers des Einzelhandelsdachverbandes HDE nicht: „Der Lebensmittelhandel konnte vor allem über höhere Preise seine Umsätze steigern“, sagte er. Untersuchungen der Universität Hohenheim bestätigen dies. So stiegen die Preise für Gemüse innerhalb weniger Wochen massiv.

Ein weiterer Aspekt ist dem HDE-Sprecher wichtig: „Die Zahlen zeigen, dass die Schere immer weiter auseinandergeht.“ Der Geldfluss von den Verbrauchern zu den Händlern sucht sich neue Wege. Die Kategorie „Einrichtungsgegenstände, Haushaltsgeräte, Baubedarf“ erzielte ein überdurchschnittliches Plus von real 8,6 Prozent – die Verbraucher machen es sich zu Hause schön. Und auch der Online-Handel verzeichnet ein außergewöhnlich hohes Wachstum. Auf der anderen Seite: „Speziell die Unternehmen, die in der Coronakrise zeitweise schließen mussten, arbeiten sich nur langsam wieder nach oben“, so der Sprecher.

Nach den Angaben von Destatis erwirtschaftete der Online- und Versandhandel im Mai Umsätze, die real knapp 29 Prozent über dem Vorjahresmonat lagen. Bislang waren bei den Onlinern Wachstumsraten um die zehn Prozent üblich. Veränderungsraten in der aktuellen Größenordnung seien „selbst in dieser sehr dynamischen Branche ungewöhnlich und somit zu einem erheblichen Teil auf einen Sondereinfluss der Corona-Pandemie zurückzuführen“, erläutert Destatis.

In der Branche wird derzeit heftig diskutiert, ob tatsächlich nur das Virus oder mehr dahinter steckt. Die Chefin des schwedischen Modegiganten H&M, Helena Helmersson, ist von Letzterem überzeugt. Für sie ist weltweit eine „rasante Veränderung im Käuferverhalten“ durch die Infektionswelle zu erkennen, die die Digitalisierung des Mode-Einzelhandels beschleunige. Zu dieser Neu-Orientierung passt, dass hierzulande der klassische stationäre Handel mit Textilien, Bekleidung und Schuhen im Mai fast ein Viertel seines realen Umsatzes zum Mai 2019 eingebüßt hat. Die Handelsverbände für Textilien, Schuhe und Lederwaren warnen denn auch für die zweite Jahreshälfte vor „einer gigantischen Insolvenz- und Schließungswelle“.

Mehr zum Thema

Kommentare