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Keine seismischen Tests: friedlicher Sonnenaufgang in Kanadas hohem Norden.

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Triumph für die Inuit

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Der Oberste Gerichtshof Kanadas verbietet einem internationalem Konsortium, seismische Tests in Clyde River vorzunehmen.

Clyde River ist eine kleine Gemeinde auf Baffin Island im hohen Norden von Kanada. Die rund 1000 Bewohner leben hauptsächlich vom traditionellen Fischfang, der Jagd und der Schnitzkunst. Doch auch Öl- und Gasfirmen haben die entlegene Region jenseits des Polarkreises auf dem Schirm, denn in der Arktis liegen einige der größten bislang ungehobenen Rohstoffvorräte der Welt.

Das führt immer wieder zu Konflikten – auch in Clyde River. Denn ein internationales Konsortium wollte mit Billigung der kanadischen Behörden in den Gewässern rund um dem Ort seismische Tests durchführen mit dem Ziel, neue Öl- und Gasvorkommen zu entdecken. Die Bewohner waren entsetzt, klagten jahrelang durch alle Instanzen – und bekamen nun vom Obersten Gerichtshof Kanadas Recht.

In einem Grundsatzurteil stellten sich die Richter in Ottawa diese Woche an die Seite der Ureinwohner – und untersagten die Tests. Die kanadische Regierung habe ihre Pflicht verletzt, die Inuit von Clyde River angemessen zu konsultieren und an der Entscheidung über das Projekt zu beteiligen, schrieben die Juristen in ihrer einstimmigen Entscheidung, die in Kanada wegweisenden Charakter hat.

Inuit fürchten negative Auswirkungen auf die Tiere

Denn die Richter bekräftigten damit den Verfassungsgrundsatz, wonach Ureinwohner bei Industrieprojekten wie Pipelines, Minen oder Rohstoffausbeutungen zwar kein Veto-Recht haben, aber konsultiert und mit einbezogen werden müssen, wenn diese in ihren traditionellen Siedlungsgebieten stattfinden sollen. Dieses Recht gilt in Kanada schon länger, wird im Alltag aber oft schlampig oder nur unzureichend beachtet – so auch in diesem Fall in Clyde River.

So gab es in der kleinen Gemeinde anders als üblich keine mündlichen Anhörungen zu dem umstrittenen Projekt, bei denen die Inuit ihre Bedenken hätten vortragen können. Wegen fehlendem Geld und fehlender technischer Ausstattung konnten die Ureinwohner oftmals nicht zu Info-Veranstaltungen reisen und viele der offiziellen Dokumente und Gutachten nicht lesen. Viele Fragen blieben unbeantwortet.

Umso größer ist für die Dorfbewohner jetzt der Triumph. „Gerechtigkeit hat gesiegt. Denn wir kämpfen hier für unser Leben und für unseren traditionellen Lebensstil “, erklärte Jerry Natanine, der ehemalige Bürgermeister von Clyde River. Dabei kam das Urteil für die Inuit durchaus überraschend, denn nach einer juristischen Niederlage in der Vorinstanz hatten sie kaum noch auf einen Sieg gehofft.

Die Ureinwohner wehren ich gegen die seismischen Erkundungen in ihren traditionellen Jagdgründen in Polarmeer, weil sie negative Auswirkungen auf Wale, Robben oder Eisbären befürchten. Tatsächlich waren mehrere Gutachten zu dem Ergebnis gekommen, dass die Tests die Migrationsrouten der Tiere beeinflussen und das biologische Gleichgewicht in der ökologisch sensiblen Region stören – und so einen Teil der Nahrungsgrundlage der Inuit gefährden könnten.

Das hat vor allem mit der Lautstärke der Tests zu tun. Denn die Industrie wollte die Rohstoffe mit Hilfe von Schallwellen und deren Vibrationen unter dem Wasser orten und die Ergebnisse an große Energiekonzerne verkaufen. Die Versuche sollten sich über fünf Monate im Sommer erstrecken – und das fünf Jahre lang. Trotz der ökologischen Auswirkungen hatten die kanadischen Behörden und die Regierung das Projekt 2014 genehmigt – und die Bedenken der Inuit dabei zur Seite gewischt.

Die Entscheidung hatte weltweit für Aufsehen gesorgt. Die Umweltorganisation Greenpeace hatte die Inuit von Clyde River unterstützt und einen Teil der Klagekosten getragen mit dem Ziel, einen Präzedenzfall gegen die Ausbeutung der Arktis zu schaffen. Hollywood-Stars wie Emma Thompson, Jane Fonda und Leonardo DiCaprio hatten sich ebenfalls für die Rechte der Inuit eingesetzt. Vor sieben Jahren hatte auch schon das deutsche Forschungsschiff Polarstern wegen einem ähnlichen Rechtsstreit der Inuit mit der Zentralregierung in Ottawa seismische Tests in der kanadischen Arktis absagen müssen.

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