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Die Trickser AG

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Von: Daniel Baumann

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Durch den Schredder gejagt: Der Zoll vernichtet im Hamburger Hafen gefälschte Marken-Sportschuhe.
Durch den Schredder gejagt: Der Zoll vernichtet im Hamburger Hafen gefälschte Marken-Sportschuhe. © ddp/Roland Magunia

Die Wirtschaftskriminalität hat in Deutschland deutlich zugenommen. Die Betrüger werden auch immer kreativer. Ihre Palette reicht vom Schneeballsystemen, über fingierte Internetauktionen bis zu frei erfundene Firmenkennzahlen.

.Die Kreativität, mit der Verbraucher, Anleger, Unternehmen oder Staaten im vergangenen Jahr über den Tisch zogen werden, ist beeindruckend. Die Palette reicht vom Schneeballsystemen, über fingierte Internetauktionen, frei erfundene Firmenkennzahlen bis zu gefälschten Kettensägen. Insgesamt 102.813 Wirtschaftsdelikte wurden registriert. Das sind 1,5 Prozent mehr als im Vorjahr, was dem höchsten Stand seit Jahren entspricht, wie das Bundeskriminalamt (BKA) gestern in Berlin mitteilte.

Dabei sind die in der polizeilichen Kriminalitätsstatistik registrierten Fälle nur die halbe Wahrheit. Denn Fälle, die nicht bekannt werden oder von den Geschädigten nicht zur Anzeige gebracht werden, tauchen in der Statistik nicht auf. „Betroffene Unternehmen fürchten Image- und Reputationsverluste“, nannte BKA-Präsident Jörg Ziercke einen der Gründe dafür. Die Dunkelziffer konnte er nicht beziffern, weil es keine Dunkelfeldstudie für diesen Bereich gebe.

Klar ist, dass Wirtschaftskriminalität große finanzielle Schäden auslöst. Die registrierten Wirtschaftsdelikte machen zwar nur 1,7 Prozent aller im vergangenen Jahr registrierten Straftaten aus. Auf sie entfallen aber 55 Prozent der bekanntgewordenen Schäden, nämlich 4,65 Milliarden Euro. Ein ähnlich hoher Schaden wurde zuletzt 2006 registriert.

Ob es sich um den Betrug von Anlegern handelt, um die Ausplünderung von Unternehmen durch windige Eigentümer, die Fälschung von Markenartikeln oder Insiderhandel, im Bereich der Wirtschaftsdelikte geht es schnell um Millionenbeträge, wie etwa der Fall eines Würzburger Geschäftsmanns zeigt, dessen Schneeballsystem 2009 aufflog.

Er führte mit dem Geld, das seine Kunden bei ihm angelegt haben, ein Leben in Saus und Braus. Eine Villa in Florida, ein Hubschrauber und ein Privatflugzeug gehörten zu seinem Luxusleben. Die Auszahlungen an bestehende Anleger finanzierte er mit dem Geld, das neue Kunden zu ihm brachten. Insgesamt hat er so 5000 Anleger geprellt. Nun wurde er zu 10 Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Das war ein Fall von ingesamt 12174 Delikten im Bereich Anlagen- und Finanzbetrug im vergangenen Jahr.

Geschäfte mit der Mafia

Im Bereich Marken- und Produktpiraterie flogen zum Beispiel Geschäfte der italienischen Mafia auf. Diese ließ in China minderwertige Werkzeuge herstellen, darunter Bohrmaschinen und Kettensägen. Diese wurden über Italien nach Deutschland gebracht und hier – versehen mit den Logos nahmhafter Qualitätshersteller – auf den Markt gebracht.

Alltagsgeschäft ist aber eher, dass gefälschte Brillen, Taschen, Schuhe, Kleidung und Schmuck aus dem Ausland nach Deutschland gebracht werden, auch durch Touristen. Der Zoll verzeichnete im vergangenen Jahr einen Anstieg der Fälle von Marken- und Produktpiraterie um 145 Prozent auf 23?700 Fälle. Speziell mahnte Zircke zur Vorsicht bei Geschäften im Internet. Anbieter sollten gut auf ihre Seriosität geprüft werden. Hinweise darauf seien gut auffindbare Allgemeine Geschäftsbedingungen, ein vollständiges Impressum und gute Nutzerkommentare. Wer auf Betrüger reinfällt, hat schlechte Chancen. Im Bereich der virtuellen Kriminalität werde weniger als jeder dritte Fall aufgeklärt, so Ziercke. Er wies auf Schwierigkeiten der Ermittler hin, die Täter ausfindig zu machen.

Als „große Herausforderung“ bezeichnete er Ermittlungen im Finanzbereich. Er nannte das Beispiel eines Börsenbetruges, bei dem die Ermittler 20?000 Transaktionen überprüfen und grenzüberschreitend mit anderen Ermittlungsbehörden zusammenarbeiten mussten. Hier sei es schwierig, mit den Möglichkeiten der Finanzmarktakteure Schritt zu halten. Die komplexen Finanzprodukte stellten die Ermittler vor Beweisprobleme. Ziercke forderte deshalb „zusätzliche Spezialisten für Finanzdelikte“.

Auch die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) verlangte mehr spezialisierte Ermittler. Im Wirtschaftsbereich zeige sich eine „besorgniserregende Entwicklung“, erklärte DPolG-Vorsitzender Rainer Wendt gestern. Es brauche mehr Spezialisten, „die das Dickicht der wirtschaftlichen Verflechtungen durchschauen.“ Deutschland müsse zudem „eine personell und technisch adäquate Antwort“ auf die Herausforderungen im Internet finden, forderte Wendt. (mit AFP)

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