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Alles andere als virtuell: Schoko-Bitcoins in den Händen von Models bei der Eröffnung eines Zentrums für Digitalwährung im russischen Kirishi.

Kryptowährung

Traum vom digitalen Euro

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Die Zentralbanken gehen den Bitcoin-Weg und wollen ein eigenes Krypto-Geld einführen. China hat dabei die Nase vorn: Der virtuelle Renimbi ist praktisch marktreif.

Kryptowährungen waren ursprünglich ein Projekt von Informatikern, die von der Überwindung staatlicher Institutionen durch technische Neuerungen träumen. Privat geschöpftes und gemeinschaftlich verwaltetes Geld sollte die Zentralbanken überflüssig machen. Computerprogramme könnten auch die Banken zu einem guten Teil ersetzen, lautete die Vision aus den Pioniertagen von Bitcoin und Ethereum.

Heute verkehrt sich diese Vorstellung ins Gegenteil. Zentralbanken rund um den Globus arbeiten heftig an eigenen Versionen des digitalen Geldes – streng unter staatlicher Kontrolle, versteht sich. Die neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, lässt das Projekt nun offenbar im eigenen Hause konkret vorantreiben. Ziel ist ein „digitaler Euro“, wie ihr Generaldirektor für Zahlungsverkehr, Ulrich Bindseil, in einem wissenschaftlichen Papier erläutert. Es handelt sich dabei zwar ausdrücklich nicht um ein Handlungsprogramm der Zentralbank, doch es zeigt, was in Frankfurt diskutiert wird.

Das Ziel ist demnach ausdrücklich, der Wirtschaft eine staatliche Digitalwährung zur Verfügung zu stellen, ohne dabei die bestehende Ordnung anzutasten. Hier folgt die EZB dem Vorbild Chinas. Die Regierung in Peking hat eine eigene Digitalwährung praktisch marktreif. Sie könnte damit den eigenen Technikfirmen einen Vorteil verschaffen – will aber dem Vernehmen nach die Überwachung der Zahlungsflüsse durch die Behörden sogar noch ausweiten.

Dennoch wäre das digitale Geld aus China auch international anwendbar. Es wäre über das Internet verfügbar und damit auch hierzulande eine Alternative. Kein Wunder, dass die EZB reagieren will. Zugleich bedient sie Bedürfnisse der Wirtschaft, für die Geld ein wichtiger Teil der digitalen Gemengelage ist.

Die Commerzbank testet beispielsweise zusammen mit Daimler ein System, bei dem elektrische Lastwagen den gezapften Strom mit Digitalgeld direkt an der Ladesäule bezahlen. Die Transaktion verläuft von Maschine zu Maschine. Die Guthaben werden, wie bei Bitcoin, auf einer sogenannten Blockchain verwaltet. „Wir sehen grundsätzliche Nachfrage nach programmierbarem Geld“, sagt eine Sprecherin der Bank.

Das klingt verheißungsvoll, doch harte Technikfans zeigen sich enttäuscht. Statt dass die Neuerung eine Befreiung von der Obrigkeit bringt, will der Staat nun die technischen Möglichkeiten einfangen und bändigen. Bezeichnend ist, dass die privaten Banken zu den großen Befürwortern des digitalen Geldes gehören. „Wir glauben, dass es aus unterschiedlichen Gründen dringend nötig ist, sich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen“, sagt Andreas Krautscheid vom Bundesverband deutscher Banken.

Das wichtigste Argument für einen digitalen Euro sieht Krautscheid in der internationalen Konkurrenz: „Eine Währung kann auch eine politische Waffe sein.“ Wenn Europa zurückfällt und das Feld den Amerikanern überlässt, dann zementiert das die Dominanz des Dollar. „Die Europäer geraten sonst in eine Sandwichposition zwischen China, das schon sehr weit ist mit dem digitalen Renminbi, und den amerikanischen Big Techs.“ Die Pläne des US-Konzerns Facebook, mit „Libra“ eine weltweit nutzbare Digitalwährung einzuführen, hat die deutsche Wirtschaft und Politik als Warnung empfunden: Wenn wir es nicht selbst machen, dann nutzen wir auch hier künftig eine US-Dienstleistung.

Für die Geschäftsbanken bietet eine Totalumwälzung des Finanzwesens, wie die Kryptopioniere sie anstreben, gleichwohl ein ungemütliches Szenario. In extremen Versionen dieser Zukunftsutopie sind sie weitgehend überflüssig. Statt eines Kontostands definiert ein „privater Schlüssel“ den Besitz von Geld. Dabei handelt es sich einfach um große Zufallszahlen, deren Erzeugung nichts kostet.

Überweisungen laufen dann blitzschnell und kostenlos als Neueintrag in die Blockchain. Kredite kommen zustande, indem kleine Programme die Geldmittel von verschiedenen Kapitalgebern bündeln. Ebenso automatisch ziehen sie später die Rückzahlungen mit Zins ein. Auch komplexe Geldgeschäfte oder Investitionen könnten in „intelligenten Verträgen“ praktisch kostenlos abgebildet werden.

Diese Vision betrifft nicht nur die anarchische Welt der unabhängigen Währungen wie Bitcoin. Sie ist theoretisch auch in einer Zukunft möglich, in der die Zentralbank die Infrastruktur bietet und reguliert. Jeder Bürger könnte mit Beginn der beschränkten Geschäftsfähigkeit eine Identifikationsnummer von der Zentralbank erhalten und ab dann den digitalen Euro nutzen.

Die Trennung zwischen Zentralbankgeld und Umlaufgeld wäre dadurch aufgehoben. Der Staat würde einen kostenlosen und sicheren Rahmen für den Umgang mit Geld bieten. Welche Rolle die Banken dann überhaupt noch ausüben sollen, wäre unklar. Sie würden als Vermittler nicht mehr gebraucht – ein typisches Opfer der Digitalisierung.

Dem Bankenverband schwebt daher ein anderes Szenario vor. Die EZB soll zwar den digitalen Euro bereitstellen, doch die Banken behalten ihre Vermittlerrolle und kümmern sich um ihre Kunden. „Das heißt, die Fähigkeit von Banken, zum Beispiel Kredite zu vergeben, wäre weiter gesichert“, sagt Krautscheid. Die Geldhäuser erhalten zudem ihre stabilisierende Funktion als Puffer zwischen der Zentralbank und den Privatleuten. „Angesicht der hohen Taktzahl der Innovationen in der Finanzbranche gehe ich davon aus, dass Bürger gar keinen direkten Zugriff auf Zentralbankgeld benötigen“, sagt Krautscheid.

Die Pläne der EZB und anderer Zentralbanken stehen den Wünschen der Geschäftsbanken derzeit auch gar nicht entgegen – schließlich wollen sie die vorhandene Ordnung nur ergänzen, nicht ersetzen. Das wirkt jedoch zugleich wie ein Versuch, den technischen Fortschritt durch staatliche Monopolisierung zu neutralisieren.

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