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Hisao Tanaka umringt von Pressevertretern.

Toshiba

Toshiba-Chef entschuldigt sich

Der Elektrokonzern Toshiba hat jahrelang die Geschäftsbilanzen gefälscht, es geht um einen Milliardenbetrag. Die Anweisung zur "kreativen Buchführung" kam offenbar von ganz oben.

Von Finn Mayer-Kuckuk

Der Chef des japanischen Elektro- und Nuklearkonzerns Toshiba ist zurückgetreten, nachdem jahrelange Bilanzfälschungen bei dem Unternehmen bekannt geworden sind. „Die Verfehlungen haben das Image von Toshiba nachhaltig beschädigt“, sagte Hisao Tanaka am Dienstag in Tokio. Er entschuldigte sich wortreich und mit Verbeugungen bei den Aktionären und Mitarbeitern für die Verfehlungen. Auch sein Vize Norio Sasaki sowie der frühere Präsident Atsutoshi Nishida mussten ihre Ämter niederlegen. Bis ein Nachfolger für Tanaka gefunden wird, wird Chairman Masashi Muromachi das 140 Jahre alte Unternehmen führen.

Toshiba hat seit 2008 geschönte Zahlen vorgelegt, wie eine unabhängige Untersuchungskommission herausgefunden hat. Der Großkonzern hat in diesem Zeitraum eine gute Milliarde Euro mehr Gewinn ausgewiesen, als er tatsächlich erwirtschaftet hat. Die kreative Buchführung sollte ursprünglich nur dazu dienen, ein schwaches Jahr zu verdecken. Als der ausgleichende Erfolg auch im Folgejahr – und danach immer weiter – ausblieb, setzte die Firmenleitung die Praktiken weiter fort.

Der Untersuchungsbericht gibt ganz klar dem Top-Management die Schuld, auf dessen eindeutige Anweisungen die Buchhalter die Zahlen frisiert haben. „Die vorschriftswidrigen Buchhaltungsvorgänge erfolgten als Umsetzung einer vom Management vorgegebenen Firmenpolitik“, stellen die Prüfer fest. Das Unternehmen wird nun bereinigte Bilanzen vorlegen müssen, in denen scheinbare Erfolge zu einer mauen Seitwärtsentwicklung zusammenschrumpfen.

Regierungschef kämpft für mehr Transparenz

Bei dem einstigen Vorzeigeunternehmen haben offenbar alle Aufsichtsmechanismen versagt, und auch den Buchprüfern scheint nichts aufgefallen zu sein. Die Regierung in Tokio macht sich nun sogar Sorgen um den Standort Japan. „Ich bin total enttäuscht“, sagte Finanzminister und Vizepremier Taro Aso. „Die Vorgänge können das Vertrauen von Investoren in den japanischen Markt nachhaltig schädigen.“

Die Affäre Toshiba kommt in einer Zeit, in der die Transparenz Japans gerade etwas zugenommen zu haben schien. Bis Ende der 90er Jahre war die „Japan AG“ berüchtigt für gegenseitige Verflechtung, Filz und Geheimhaltung. Der Reformpremier Junichiro Koizumi hatte jedoch vor zehn Jahren die Mammutaufgabe auf sich genommen, die gegenseitigen Beteiligungen und damit die Verflechtung der Aufsichtsräte abzubauen. Der aktuelle Regierungschef Shinzo Abe hat hier erst vor kurzem angeknüpft und eine Transparenzinitiative ins Leben gerufen. Mehr Verantwortung, bessere Aufsicht und klarere Zahlen sollten den Standort für Aktionäre und Investoren interessanter machen.

Erst im Jahr 2011 hatte ein Skandal die japanische Firmenwelt erschüttert: Der Kamerahersteller Olympus hatte seine Gewinne um einen ähnlich hohen Betrag geschönt wie Toshiba. Der neue Fall gilt jedoch als schwerwiegender, weil Toshiba größer ist. Das Unternehmen ist am Markt mehr wert. Zahlreiche Zulieferer sind von seinem Wohlergehen abhängig.

Keine Wistleblower in Japan

Es mangelt in der japanischen Unternehmenskultur jedoch chronisch an Whistleblowern. Mitarbeiter bei traditionellen Firmen wie Toshiba, Hitachi oder Toyota sind oft sehr langfristig angestellt und in eine strenge Hierarchie eingebunden. Wechsel von einem Großkonzern in den anderen sind selten – wer einmal auf alle Seltsamkeiten seiner Firma getrimmt ist, passt woanders nicht mehr hinein.

Die Verantwortung gilt dem Chef – nicht der Öffentlichkeit, dem Stolz auf saubere Arbeit oder gar den Aktionären. „Es gab für die Buchhaltung in der Toshiba-Unternehmenskultur keine Möglichkeit, gegen die Absichten des Managements zu handeln“, stellt der Report fest.

Die Frage, wie die Wirtschaft aus eigener Kraft sauberer werden kann, beschäftigt die USA und die EU. Eine ganze Reihe deutscher Unternehmen hat nach Korruptionsskandalen nun Telefon-Hotlines eingerichtet. Mitarbeiter können dort von schlechten Praktiken berichten, die ihnen aufgefallen sind. Bei Siemens heißt die Einrichtung „Compliance-Meldeweg ‚Tell Us‘“. Die Hotline ist rund um die Uhr besetzt und in 13 Sprachen verfügbar. Der Konzern verspricht, dass kein Hinweis dort Nachteile für den Arbeitnehmer mit sich bringt.

Das Toshiba-Management hatte verständlicherweise in den vergangenen Jahren nur wenig Interesse, solche Einrichtungen im eigenen Unternehmen zu verankern. Auch der Weg zu den Medien ist in Japan eher selten – es gilt immer noch die Vorstellung, dass die Mitarbeiter der Firma um jeden Preis treu sein müssen.

In der Nachkriegszeit hatte sich ein Wirtschaftsethos entwickelt, in dem die Angestellten den Großkonzernen dienten wie früher die Samurai den Fürsten. Diese Denkweise schwindet allerdings bei der jungen Generation: Eine Mehrheit findet schlicht keinen der gutbezahlten, sicheren Jobs mehr bei den Großunternehmen, sondern schlägt sich als Freiberufler, in Start-ups oder ungünstigenfalls mit einem Bündel von McJobs durch.

Toshiba hat ab 2008 darunter gelitten, dass infolge der Finanzkrise der Export zusammengebrochen war. Im Jahr darauf war der Heimatmarkt Japan in die Rezession gerutscht. Diese Entwicklung hat vor allem das Geschäft mit Mikrochips und mit Elektrogeräten belastet. Zu dieser Zeit hat immerhin noch die Atomsparte das Ergebnis gerettet – Toshiba baut unter der Marke Westinghouse auch Kernkraftwerke. Nach dem Atomunglück in Fukushima im Jahr 2011 brach jedoch auch hier der Absatz ein. Das Management hat sich auch da nicht getraut, reinen Tisch zu machen – und die Manipulationen fortgesetzt. Kommentar

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