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Die Altstadt von Dubrovnik leidet unter dem Massentourismus. Zwei Millionen Besucher kommen pro Jahr.

ITB

Überforderung durch Massentourismus

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Immer mehr Orte in Europa klagen über die Touristenmassen. Was tun? Die Reisenden mit attraktiven Angeboten umlenken? Oder sie einfach aussperren?

Es gibt kein besseres Bild von der bedrohlichen Kraft des Massentourismus als ein sich näherndes vielstöckiges Kreuzfahrtschiff. Der Gigant lässt die Kulisse einer stolzen Hafenstadt wie Dubrovnik plötzlich zwergenhaft wirken. Tausende Passagiere steigen aus dem Schiff, schieben sich drei Stunden lang durch die kroatische Stadt – und kehren dann zurück zu ihrem All-Inclusive-Menü an Bord.

An den Toren der Altstadt bilden sich Schlangen, die einen drängen herein, die anderen heraus, sie wollen ihr Schiff nicht verpassen. „Teilweise konnten selbst die Übernachtungsgäste in den Hotels nicht mehr vor die Tür“, so Dubrovniks Tourismus-Direktorin Romana Vlasic.

Zwei Millionen Touristen besuchen die „Perle der Adria“

Solche Szenen sollen Vergangenheit werden, sagt Vlasic. Sie ist nach Berlin gekommen, um auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) über die Strategie ihrer Stadt zu reden. 40 000 Menschen leben in Dubrovnik, nur noch 1000 Bewohner halten die Stellung in der Altstadt. Zwei Millionen Touristen besuchen die „Perle der Adria“ pro Jahr, davon kommen 700 000 mit dem Kreuzfahrtschiff.

In diesem Jahr soll alles entspannter werden, berichtet Vlasic. Nur noch zwei Schiffe pro Tag dürfen Dubrovnik anlaufen, maximal 4000 Passagiere sollen gleichzeitig ausschiffen. Kurzbesuche von Passagierdampfern von drei bis vier Stunden sollen am besten gar nicht mehr gestattet werden, „denn deren Besucher geben bei uns kein Geld aus. Weit besser sind Schiffe, die einen ganzen Tag bleiben“.

Die Küstenstadt leistet es sich, auf Gäste zu verzichten – notgedrungen, weil bereits die Unesco mit dem Entzug des Weltkulturerbes drohte. „Es gibt genug andere Häfen entlang der Küste“, sagt Vlasic knapp.

„Tourist go home“

Ein einziges der globalen Tourismus-Probleme hat Dubrovnik nicht – den Betten-Wildwuchs, der durch Anbieter wie Airbnb gefördert wird. „Bei uns muss jeder Privatvermieter eine Lizenz haben“, sagt Vlasic.

Overtourism, die Überforderung durch Massentourismus, ist eines der Hauptthemen auf der diesjährigen ITB. Denn die Folgen des Booms sind dabei, geschäftsschädigend zu werden. Wenn wie in Venedig oder Barcelona gegen Touristen protestiert wird, wenn wie in Berlin oder Amsterdam „Tourist go home“ an den Wänden steht, dann kann eine Destination schnell kippen. Wobei „Tourist go home“ eine groteske Forderung ist: Nach Hause geht der einzelne Tourist ja ohnehin spätestens nach einer Woche. Aber dann kommen halt die nächsten.

Stephen Hodes kann ein Lied davon singen. Jahrzehntelang arbeitete der 70-Jährige als Tourismusmanager daran, mehr Gäste in die Niederlande zu locken. Nun ist der Amsterdamer zum Mahner geworden. Er hat den Thinktank „Amsterdam in Progress“ gegründet und warnt vor einem weiteren ungebrochenen Boom: „Der internationale Reiseverkehr wird weiter stark wachsen, und ein großer Anteil entfällt auf Europa. Das Problem wird größer und größer.“ Hodes berichtet von einem Besuch im Freilichtmuseum Zaanse Schans bei Amsterdam, dort stehen historische holländische Windmühlen. „Ich stand in der Mühle und sprach mit dem Müller. Dann kam eine chinesische Reisegruppe herein und drängte uns wortwörtlich aus der Mühle heraus. Da habe ich die Zukunft des europäischen Tourismus gesehen.“

Hin zu den Attraktionen der Zweiten Reihe

Hodes hat einen „Irritationsindex“ entwickelt, auf dem Amsterdam mit seinem engen, überfüllten Zentrum längst in der höchsten Stufe angekommen ist. „Erst freut man sich über die Besucher und die zusätzlichen Einnahmen. Im zweiten Schritt nimmt man sie als gegeben hin. Im dritten wächst der Unmut und die vierte Stufe ist der Protest: Grafittis gegen Touristen tauchen auf und man macht Touristen für alles verantwortlich, was in der Stadt schief läuft, von vollen Zügen bis zu steigenden Mieten.“ Hodes wirbt für Grenzen und staatliche Eingriffe – so, wie Dubrovnik es gerade vormacht.

Amsterdam, Berlin, Florenz und andere geplagte, geliebte Touristenziele aber gehen gerade einen anderen Weg: Sie versuchen die Besucher zu lenken – weg von den Top-Attraktionen, hin zu den Zielen in der zweiten Reihe.

Am Stand der Toskana auf der ITB steht Silvia Aglietti, vor sich eine Hochglanzbroschüre des Fernwanderwegs „Via Francigena“, von dem 15 Etappen durch die Toskana führen, Gratis-Wanderkarte inklusive. „Auf dem Weg siehst du Dinge, die dich viel mehr mit dem Land verbinden. Du siehst es mehr aus der Perspektive eines Italieners“, sagt Aglietti. Und wer wandert, verbringt weniger Zeit im überfüllten Zentrum von Florenz.

Eintrittsgeld für Venedig

Berlin versucht gerade, die Besucher weg aus Mitte und Kreuzberg in die Außenbezirke zu leiten. Zwar sagt Berlins Tourismus-Chef Burkhard Kieker: „Overtourism ist in Berlin kein Thema. Von Zuständen wie in Venedig und Amsterdam sind wir weit entfernt.“ Dennoch würde er sich wünschen, wenn auch Dahlem oder Spandau Besucher anlocken könnten. Seit 2018 hat auch Spandau bei Berlin eine Tourismusmanagerin, die Altstadt und Zitadelle anpreist. Jana Friedrich, so heißt die Dame, sagt aber auch: „Natürlich ist uns klar, dass die Besucher sich nur schwer sagen lassen, wo sie hinsollen.“

Stephen Hodes in Amsterdam hat eine ganz klare Meinung zu dem als „Spreading“ (streuen) bekannten Konzept: „Es funktioniert einfach nicht. Touristen sind keine Schafe. Sie wissen, was sie suchen. Spreading ist nicht der Versuch, das Wachstum zu begrenzen. Es ist eine Methode, das Problem zu vertuschen.“

Die Anziehungskraft der Hauptattraktionen ist einfach zu groß. Wer zum ersten Mal nach Berlin kommt, wird sich nicht mit Spandau begnügen, sondern von dort die S-Bahn zum Brandenburger Tor oder zum Kultclub Berghain nehmen. Das ist in Berlin vielleicht egal, denn am Brandeburger Tor hält sich eh kein Einheimischer auf, und das Berghain lebt von seiner Schlange. Je enger und kleiner die Attraktion ist, desto klarer wird, dass es nur mit Beschränkungen geht.

„Die Masse folgt der Masse“

Eine Touristensteuer oder Eintrittsgeld, wie sie jetzt für Venedig beschlossen ist, hilft zwar der Stadtkasse, hält aber niemanden vom Besuch ab, sagt Hodes: „Venedig ist schon seit mindestens zehn Jahren überfüllt. Wer dorthin fährt, stört sich nicht daran. Wer die Preise in Venedig bezahlen kann, zahlt auch den Eintritt“, zumal er dieses Jahr nur drei Euro pro Tag beträgt.

Touristen sind erstaunlich tolerant und stressresistent. Selbst wenn es um ein Bild von der Einsamkeit geht, nehmen sie Menschenmassen in Kauf. „Trolltunga“, Trollzunge, heißt der Felsvorsprung in Norwegen, auf dem sich 100 000 Besucher pro Jahr fotografieren lassen – ein perfekter Moment für die sozialen Netzwerke, ganz allein in atemberaubender Natur. Dahinter warten Hunderte geduldig auf ihr Bild.

In den Kommentarspalten der Online-Reiseführer wird nicht etwa vor dem Ort gewarnt, sondern die eigene Cleverness gelobt: „Wir sind um 5.30 Uhr angekommen und fanden noch einen Platz auf dem Parkplatz“, schreiben Nutzer.

„Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet“, dieser Satz wird dem Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger zugeschrieben. Diese Weisheit ist inzwischen 60 Jahre alt, immer noch war, aber müsste längst ergänzt werden. Etwa so: „Der Tourist weiß, dass seine Vorgänger bereits alles Ursprüngliche zerstört haben. Er fährt trotzdem hin.“

Stephen Hodes aus Amsterdam sagt: „Die Masse folgt der Masse.“ Und auch dieser Satz muss ergänzt werden: Die Masse ist durchaus bereit, Nebenwege zu gehen und sich in begrenztem Maße lenken zu lassen. Das ergibt eine Studie der ITB und der Firma Travelzoo. Zwei von drei Urlaubern aus Deutschland wären demnach dazu bereit, ihre Reise auf eine andere Jahreszeit zu verschieben, um es etwas leerer am Ziel zu haben. Mehr als die Hälfte der Befragten (59 Prozent) würde auch woanders hinfahren, um weniger andere Urlauber anzutreffen.

Die bisher übersehenen Orte in attraktiven Regionen können sich schon einmal auf etwas gefasst machen: Die nächste Welle kommt auch zu euch. Vielleicht sogar nach Spandau.

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