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Blick auf die Ruine des Tepco-Reaktors in Fukushima.

Japan

Tödliche Armut

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Der Anstieg der Energiepreise nach Fukushima hat mehr Opfer gefordert, als die AKW-Katastrophe selbst. Was lehrt uns das?

Atomkraft gilt als eine gefährliche Energiequelle. Nicht nur die Frage der Endlagerung radioaktiven Materials ist ungeklärt. Auch der Betrieb von Kernkraftwerken beinhaltet große Risiken. Zwar ist die Unfallwahrscheinlichkeit in modernen Reaktoren eher gering. Die möglichen Folgen eines Unfalls jedoch sind extrem weitreichend. Dies wurde belegt durch die Reaktorkatastrophe 2011 im japanischen Fukushima, in deren Folge Hunderte von Menschen starben. Mehr Opfer als Radioaktivität und Evakuierung forderte jedoch ein anderer Umstand: die Armut japanischer Haushalte.

In Folge eines Erdbebens am 11. März 2011 kam es in dem AKW Fukushima Daiichi zu einer Unfallserie, die vier von sechs Reaktorblöcken zerstörte. Große Mengen an radioaktivem Material traten aus und kontaminierten Luft, Böden, Wasser und Nahrungsmittel. 100 000 bis 150 000 Menschen mussten evakuiert werden. Dies brachte die Gefahren der Atomkraft wieder ins öffentliche Bewusstsein. Die Politik reagierte: Innerhalb von 14 Monaten wurde Japans Produktion von Atomenergie komplett gestoppt.

Um den Bedarf an Elektrizität zu decken, begann Japan mit dem massiven Import fossiler Brennstoffe. Dies führte allerdings zu einem Anstieg der Energiekosten. Eine Untersuchung von Ökonomen der Universitäten Columbia, Nagoya und Verona zeigt: In Regionen, die zuvor kaum auf Atomenergie angewiesen waren, stiegen die Preise nur um zehn Prozent. In anderen Regionen lag der Anstieg allerdings bei bis zu 38 Prozent. Ursache der höheren Preise waren laut den Ökonomen die höhere Angebotskosten und nicht der Anstieg der Nachfrage nach Energie, im Gegenteil: Die Verteuerung ließ viele japanische Haushalte sparsamer werden. Insbesondere in Kälteperioden sank der Elektrizitätsverbrauch zum Teil deutlich ab.

Japanische Haushalte sind beim Heizen oder Kühlen ihrer Wohnungen stark auf Lieferungen aus dem Stromnetz angewiesen. Der sinkende Energieverbrauch spricht laut den Ökonomen also dafür, dass viele japanische Haushalte die Temperatur ihrer Wohnungen weniger regulierten und im Winter weniger heizten. Gleichzeitig kam es zu einem Anstieg der Todesfälle in den entsprechenden Regionen. Die Ökonomen gehen davon aus, dass es hier einen Zusammenhang mit dem geringeren Energieverbrauch gibt. So haben bereits andere Studien in den USA nachgewiesen, dass niedrigere Energiekosten die Sterblichkeit senken. Umgekehrt lassen sich die vermehrte Todesfälle auf Verteuerung von Energie zurückführen.

Die Ökonomen schätzen, dass die höheren Strompreise im Gefolge der Fukushima-Katastrophe zwischen 2011 und 2014 zu mindestens 1280 zusätzlichen Todesfällen geführt haben. Da ihre Untersuchung nur die 21 größten Städte Japans umfasse und weil die Energiepreise auch nach 2014 höher geblieben seien, dürften es am Ende deutlich mehr gewesen sein. Dagegen hätten der Reaktorunfall selbst und die folgende Evakuierung bislang „nur“ zu 1232 Toten geführt. Ihr Fazit: „Die Zahl der Opfer der höheren Energiepreise dürfte die des Unfalls bereits in den ersten vier Jahren nach der Katastrophe überstiegen haben.“

Das zeigt eindrücklich: Der Schutz von Umwelt, Klima und Menschen ist nicht nur eine naturwissenschaftlich-technische Frage. Sondern immer auch eine soziale.

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