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Todesfalle auf neun Etagen

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Von: Tobias Schwab

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Eine Hinterbliebene trauert auf dem Schutt des Fabrikgebäudes.
Eine Hinterbliebene trauert auf dem Schutt des Fabrikgebäudes. © Munir Uz Zaman/afp

1138 Menschen sterben 2013 beim Einsturz des „Rana Plaza“. Unzählige andere Schinder-Betriebe arbeiten ungestört weiter. Bis heute.

Um 8.45 Uhr begann der Stahlbeton am 24. April 2013 zu knirschen und knacken – wenige Minuten später kollabierte das neunstöckige Fabrikgebäude in der Nähe von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Apokalyptische Szenen spielten sich rund um „Rana Plaza“ ab, erinnert sich Babul Akhter, Generalsekretär von Bangladeschs Garment and Industrial Worker Federation. Der Gewerkschaftssekretär eilte damals sofort zum Ort der Katastrophe und sah, wie Feuerwehrleute verzweifelt versuchten, Menschen aus den Trümmern zu retten. „Es waren viel zu wenige und sie hatten nicht die geeigneten Gerätschaften“, sagte Akther in einem Videogespräch vor dem zehnten Jahrestag des Unglücks.

1138 Menschen fanden in dem Gebäude den Tod, mehr als 2400 wurden von den einstürzenden Wänden aus Stahlbeton schwer verletzt.

Wie das Innenministerium später mitteilte, waren drei der acht Etagen von „Rana Plaza“ illegal errichtet worden. Der neunte Stock befand sich gerade im Bau. Eigentümer Sohel Rana, ein bangladeschischer Politiker, wollte noch mehr Platz für eine lukrative Vermietung schaffen. Fünf Textilfabriken waren in dem Komplex schon untergekommen.

Die Katastrophe kündigte sich bereits am Vortag an. Weil sich Risse im Beton zeigten, evakuierte die Polizei das Gebäude am 23. April. Dennoch zwangen die Fabrikbesitzer die Beschäftigten tags darauf mit Knüppeln wieder an die Arbeit – und damit in die Todesfalle. Als der Stahlbeton zu knacken begann, blieb für die Näher:innen kaum Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Auch weil blockierte Türen Fluchtwege versperrten. Dabei hatten wenige Monate zuvor noch Auditor:innen des TÜV Rheinland und des Bureau Veritas die Betriebe auf Arbeitssicherheit inspiziert.

„Rana Plaza“ wurde zum schreienden Symbol der ausbeuterischen Bedingungen in der internationalen Textilbranche, getrieben von Fast Fashion mit immer kürzeren Fertigungszyklen – für die vor allem die Näherinnen und Näher einen hohen Preis zahlen. Zu den Firmen, die in „Rana Plaza“ produzieren ließen, gehörten beispielsweise Benetton, C&A, Inditex (Zara), J.C. Penney, L.C. Waikiki, KIK, Adler, Mango, NKD, Primark und Walmart.

„Nie wieder Rana Plaza“ lautet seit 2013 das Mantra der Branche und der Politik. Zumindest bei der baulichen Sicherheit vieler Fabriken gab es seither Fortschritte. Dafür sorgte der „Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh“ – ein bindendes Abkommen für mehr Gebäude- und Brandschutzsicherheit zwischen den internationalen Gewerkschaften IndustriALL und UNI Global, Trade Unions in Bangladesch sowie internationalen Marken und Einzelhändlern. Seit September 2021 ist ein erweiterter Folgevertrag (International Accord for Health and Safety in the Textile and Garment Industry) in Kraft, der mittlerweile auch auf Pakistan ausgedehnt wurde.

„Grüner Knopf“ als Signal

In Deutschland initiierte der damalige Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) 2014 als Reaktion auf „Rana Plaza“ das Bündnis für nachhaltige Textilien, in dem Firmen, Zivilgesellschaft, Gewerkschaften, Standardorganisationen und die Bundesregierung sich für bessere Sozial- und Umweltstandards in der textilen Lieferkette engagieren.

Müller ließ außerdem das Siegel „Grüner Knopf“ kreieren, das „nachhaltig hergestellte Textilien“ für die Konsument:innen sichtbar machen soll. Nach Angaben des Entwicklungsministeriums nutzen mehr als 90 Unternehmen das Meta-Siegel, das signalisiert, dass eine Firma Verantwortung für die Lieferkette übernimmt und einzelne Produkte wie T-Shirts oder Jeans „sozial und ökologisch“ fabriziert wurden.

Über die Unglücksstelle in Sabhar unweit von Dhaka ist zwar längst buchstäblich Gras gewachsen, die seelischen und körperlichen Verwundungen bei Opfern und Hinterbliebenen aber sind geblieben, wie Babul Akther im Videogespräch betonte.

Um Betroffene zu entschädigen, vermittelte die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) Ende 2013 ein Abkommen zwischen der Regierung Bangladeschs, Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften, Textilmarken und der Clean Clothes Campaign. 2014 wurde ein Fonds eingerichtet, in den vor allem Modefirmen einzahlten. KIK etwa steuerte eine Million Dollar bei, ebenso C&A und Primark. Der irische Billiganbieter zahlte darüber hinaus mit einem eigenen Programm rund 12,5 Millionen Dollar an die Opfer einer Fabrik im Rana-Plaza-Gebäude, deren Hauptauftraggeber Primark war. Insgesamt haben Betroffene nach Angaben des „Rana Plaza Donors Trust Fund“ bislang rund 34 Millionen Dollar an Entschädigungen erhalten.

Die juristische Aufarbeitung des Falles zieht sich in Bangladesch indes quälend lange hin. 2016 waren 42 Menschen, darunter der Gebäudeeigentümer Sohel Rana, des Mordes angeklagt worden. Einigen Beschuldigten wird zur Last gelegt, bewusst mangelhafte Baustandards unterschrieben zu haben. Andere sollen Beschäftigte gezwungen haben, in einem Gebäude zu arbeiten, das erkennbar statisch nicht intakt war. Nach fünfjähriger Pause wurde der Prozess im Frühjahr 2022 wiederaufgenommen. Urteile sind noch immer nicht gefallen.

Der Hauptbeschuldigte Sohel Rana soll jetzt nach zehn Jahren Haft gegen eine Kaution sogar auf freien Fuß kommen, wie das Oberste Gericht am 6. April entschied. Der Beschluss wurde auf Antrag der Generalstaatsanwaltschaft zunächst aber ausgesetzt, wie bangladeschische Medien berichteten. Überlebende und Angehörige von Opfern macht die jüngste Entwicklung wütend. Auch zehn Jahre nach der Katstrophe habe der Staat noch immer keine Gerechtigkeit herstellen können, beklagte das Garment Sramik Oikya Forum in einer Presseerklärung.

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