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Idyllisch ist das Landleben oftmals nicht: Viele französische Bäuerinnen und Bauern sind überschuldet und nahe am Burn-out.
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Idyllisch ist das Landleben oftmals nicht: Viele französische Bäuerinnen und Bauern sind überschuldet und nahe am Burn-out.

Frankreich

Tod auf dem Bauernhof: Witwe bricht Tabu und erzählt von ihrer Tragödie

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Jedes Jahr nehmen sich in Frankreich Hunderte Landwirtinnen und Landwirte das Leben. Die Witwe Camille Beaurain bricht ein Tabu und erzählt von der Tragödie auf ihrem Gut.

Vimeu – Die Windräder stehen still, nur ein paar Raben stochern in den topfebenen Äckern. Niemand da, der Auskunft geben könnte, wo Augustins Hof lag. Oder liegt, um genau zu sein: Den Hof gibt es noch, Augustin nicht mehr. Der Schweinezüchter aus der französischen Region Picardie, nördlich von Paris und unweit des Ärmelkanals, hat sich mit 31 Jahren das Leben genommen. In einer Scheune hat er sich aufgehängt, an einem Sonntagabend gegen 23 Uhr. Seiner Frau Camille sagte er, er gehe noch kurz was bei der Mühle nachschauen.

So lapidar beschreibt es Camille in einem Buch namens „Tu m’as laissée en vie“ – Du hast mich lebend zurückgelassen. Der nüchterne Bericht fand ab Erscheinen ein breites Publikum. Die Thematik ist sehr verbreitet, obwohl sie gerade in den am stärksten betroffenen Landstrichen am meisten verdrängt wird.

In Frankreich sind 2015, dem Jahr der letzten detaillierten Erhebung, 650 Bäuerinnen und Bauern freiwillig aus dem Leben geschieden. Im Agrarbereich liegt die Suizidrate 50 Prozent höher als in der übrigen Bevölkerung. Noch höher ist sie bei den ärmeren Bäuerinnen und Bauern, welche die Mindestkrankenversicherung beziehen. Am stärksten betroffen sind Nordfrankreich und die Picardie, das Jura und das Burgund, die Bretagne und die Auvergne. 80 Prozent derjenigen, die freiwillig aus dem Leben scheiden, sind Männer, mehrheitlich Milchbauern und Rinderzüchter.

Frau eines Landwirts in Frankreich: „Mein Mann hat sich nicht getötet, er wurde umgebracht“

Camille Beaurain mag den Ausdruck Suizid nicht. „Mein Mann hat sich nicht getötet, er wurde umgebracht!“, meint die rundliche Frau mit der glasklaren Stimme. Sie meint das natürlich im übertragenen Sinne. Aber trotzdem. Der heute 27-Jährigen ist keinerlei Wut anzuhören, sie erzählt so sachlich und genau wie in ihrem Buch, voller zurückgehaltener Trauer.

Camille war gerade 15, als sie ihren späteren, sieben Jahre älteren Mann per Internet kennenlernte. Als sie sich trafen, war es Liebe auf den ersten Blick, sagt sie. Obschon sich die junge Frau, als sie das erste Mal den Schweinestall betrat, wegen der Gerüche übergeben musste.

Bald zog sie auf das Gut in der Picardie-Gegend Vimeu. Sie heirateten, verzichteten aber wegen der Arbeit auf eine richtige Hochzeitsreise. Normalerweise schufteten sie sechseinhalb Tage die Woche. „Nur am Sonntagnachmittag ruhten wir uns aus“, erzählt die Nordfranzösin. „Manchmal fuhren wir ans Meer, aber manchmal waren wir so müde, dass wir nur noch auf dem Sofa fernsehen wollten. Aber wir waren glücklich.“

Landwirte in Frankreich zahlen häufig Pacht an Familienmitglieder

Es stellten sich aber Probleme ein. Der Kinderwunsch ging nicht in Erfüllung. Und der Hof war eigentlich zu klein, die Schweine waren zu wenig zahlreich, um ein Auskommen für zwei zu finden. Aber Augustin dachte nicht daran, das Gut seiner Familie zu verlassen. Auch sein Vater hatte dort Schweine gezüchtet, bevor er unter Umständen starb, über die nie jemand sprach.

Dann verlangte Augustins Großmutter von ihrem Enkel eine Pacht für den Boden. Das sei in gewissen Bauernfamilien üblich, wundert sich Camille. Tiere und Geräte, die nicht in die Erbschaft fielen, musste ihr Mann für 190 000 Euro übernehmen. Der Zins für den Kredit betrug sechs Prozent.

Viele Bäuerinnen und Bauern in Frankreich leiden an einem Burn-out

Augustin und Camille malochten von früh bis spät, aber bald waren sie auch bei der Genossenschaft verschuldet. „Und die heißt nur ‚Genossenschaft‘“, erinnert sich die Witwe Beaurain. „In Wahrheit treibt sie rücksichtslos jeden Centime ein.“ 24 016,88 Euro, um genau zu sein. Die erste per Post zugeschickte Rechnung über diesen Betrag fing Camille ab. Die zweite – mit einer Zahlfrist von acht Tagen – nahm ihr Mann entgegen.

Camille wandte sich an den Notar. Der drohte aber nur mit der Beschlagnahmung des Gutes. In ihrer Verzweiflung rief sie den lokalen Abgeordneten der Nationalversammlung in Paris an. Der versprach zu intervenieren, tat es auch. Zu spät: Augustin erhängte sich am Tag, bevor die schriftliche Zusage des Abgeordneten für einen neuen Kredit zu besseren Konditionen eintraf.

Nein, wütend sei sie nicht, beteuert Camille. Trotz der Großmutter und der Genossenschaft, trotz der Banker und Agrarbürokraten. „Die Überschuldung ist oft nur der Auslöser. Sie wird umso schmerzlicher erlebt, als sich viele Landwirte abrackern, bis sie in einen Burn-out verfallen. Dann schämen sie sich, dass sie es nicht mehr schaffen.“ Auch Augustin habe nie über seine Probleme sprechen wollen – so etwas habe man in seiner Familie nie gemacht.

Der Verein „Solidarité paysans“ hilft notleidenden Landwirtinnen und Landwirten in Frankreich

Camille hat den Hof von Augustins Familie verlassen. „Weinen musste ich nur, als sie die Schweine holen kamen“, meint sie. „Die waren mir ans Herz gewachsen.“ Heute baut die Witwe, die aus einer urbanen Familie stammt, in einem kleinen Bauerngut im Departement Somme mit Hilfe eines Pächters Getreide an. Sie liebe den Beruf der Landwirtin und wolle ihn schon zum Gedenken an ihren Mann weiterführen, sagt sie.

Camille Beaurain sagt: „Mein Mann wurde umgebracht.“

Vor allem aber hat sie aufgepasst: Auf ihrem 50-Hektar-Betrieb mit Weizen, Raps und Wintergerste lasten keine Schulden. Doch allein von der Getreideproduktion könnte sie nicht leben, trotz EU-Agrarsubventionen: „Obwohl ich die Ernte vollumfänglich verkaufe, bleibt mir am Schluss gerade mal ein Monatseinkommen von 300 Euro.“ Deshalb muss Camille in der 50 Kilometer entfernten Stadt Amiens in Teilzeit als Hebamme arbeiten.

In ihrer mageren Freizeit hilft sie im Verein „Solidarité paysans“ notleidenden Landwirtinnen und Landwirten. „Ich besuche sie, höre ihren Geschichten zu, die der meinen so sehr gleichen.“

Agrarkrankenkasse in Frankreich organisiert Seelsorge

Mit ihrer Erfahrung versucht sie Ratschläge zu geben, damit nicht noch mehr Verzweiflungstaten begangen werden. Auch die französische Agrarkrankenkasse MSA hat eine Telefonberatung eingerichtet, um der steigenden Zahl von Suiziden vorzubeugen. Dieser Dienst namens „Agri-Ecoute“ (Agrar-Zuhören) wird jeden Monat von 200 Landwirtinnen und Landwirten genutzt. 60 Prozent rufen wegen persönlicher Probleme an, 40 Prozent wegen beruflich-finanzieller Schwierigkeiten.

„Es ist unsere Pflicht, diesen oft völlig isolierten Bauern zu helfen“, sagt Camille sehr bestimmt, und nun mischt sich doch etwas wie Empörung in ihre Stimme: „Wir können doch nicht zulassen, dass unsere Welt gerade die, die unsere Lebensgrundlage liefern, selber aus dem Leben schafft.“ (Stefan Brändle)

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