+
Bauern, die das Tierwohlsiegel nutzen wollen, müssen ihren Schweinen mehr Platz im Stall gewähren.

Schweinemast

Keine Ausreden mehr beim Fleischkonsum

  • schließen

Kommt das Schnitzel von einem glücklichen Schwein? Ein Siegel soll das aufzeigen.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner strebt bessere Haltungsbedingungen in der Schweinemast an – und will dafür die Fleischkonsumenten stärker in die Pflicht nehmen. „Der Verbraucher kann zeigen, dass ihm Tierwohl nicht nur in Umfragen etwas wert ist“, sagte die CDU-Politikerin am Mittwoch bei der Vorstellung der Kriterien für ein staatliches Tierwohlkennzeichen.

Klöckner spielte damit auf die große Kluft zwischen Reden und Handeln an. So greifen die Bundesbürger nach wie vor meist zu günstigem, unter Einhaltung von Mindeststandards produziertem Fleisch – und sprechen sich andererseits für bessere Haltungsbedingungen aus. So interessieren sich laut dem jüngst vom Bundeslandwirtschaftsministerium vorgestellten „Ernährungsreport“ 86 Prozent der Bundesbürger für artgerechte Tierhaltung, und 81 Prozent wünschen sich ein staatliches Tierwohlkennzeichen.

Eben dieses Kennzeichen, ein dreistufiges Siegel, stellt Klöckner nun für das kommende Jahr in Aussicht. „Jeder kann sich dann bewusst dafür entscheiden, ob er mehr für Tierwohl investieren will“, sagte die Ministerin.

Jene Produzenten, die sich ausschließlich an den vom geltenden Tierschutzgesetz definierten Mindeststandards orientieren, haben kein Anrecht auf das Siegel. Vorgesehen ist es für diejenigen, die ihre Tiere von der Geburt bis zur Schlachtung unter Bedingungen halten, die über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgehen. Das Kennzeichen soll zunächst nur für Schweine gelten. Später soll es auf weitere Nutztiere ausgeweitet werden. So habe die Geflügelwirtschaft bereits Interesse bekundet, sagte Klöckner.

Ihr Ministerium hat 13 Kriterien für das staatliche Tierwohlkennzeichen bestimmt. Eines davon ist der Platz im Stall. Der gesetzliche Mindeststandard sieht pro Tier eine Fläche von 0,75 Quadratmetern vor. Schweine, deren Fleisch künftig die Tierwohlkennzeichenstufe 1 erhält, sollen auf 0,9 Quadratmetern aufwachsen dürfen, solche der Tierwohlkennzeichenstufe 2 auf 1,1 Quadratmetern und jene, die unter die Stufe 3 fallen, auf eineinhalb Quadratmetern.

Weitere Kriterien sind die Bereitstellung von Stroh und Heu, um Stress und Langeweile bei den Tieren zu verringern, sowie die Säugezeit: In der konventionellen Haltung werden Ferkel nach drei Wochen von der Mutter getrennt. Das Tierwohlkennzeichen sieht die Verlängerung der Säugezeit auf bis zu 35 Tage vor.

Tierhalter, die ihr Fleisch mit dem Tierwohllabel vermarkten wollen, müssen zudem nachweisen, dass sie auf die betäubungslose Kastration der Ferkel verzichten. Zudem dürfen sie, wenn sie das Kennzeichen der Stufen 2 oder 3 anstreben, den Tieren nicht die Schwänze kürzen. Wie das Label aussehen wird, steht noch nicht fest.

Der Bund will die Einführung des Labels mit einer 70 Millionen Euro teuren Kampagne begleiten. Klöckner hofft, mit dem Siegel das Kaufverhalten der Bürger zu beeinflussen und damit auch die Haltungsbedingungen in den Ställen zu verbessern. Eine Verpflichtung zu höheren Standards lehnt die Ministerin unter Verweis auf drohende Wettbewerbsnachteile deutscher Tierhalter aber ab. „Mehr Tierwohl kostet mehr Geld“, betonte sie zudem. Verbraucher, denen das Tierwohl ein Anliegen ist, müssten bereit sein, tiefer in die Tasche zu greifen. „Zur Erinnerung: Wir haben in Deutschland mehr Handys als Einwohner, wir sind Reiseweltmeister“, sagte Klöckner und beklagte, dass die Deutschen lediglich neun Prozent ihres Haushaltseinkommens für Lebensmittel ausgäben.

Mehrere Supermarktketten wollen schon im April ihre Fleischwaren mit einer eigenen Kennzeichnung zur Haltungsform versehen. Dieses Siegel soll aber auch erhalten, wer nur den gesetzlichen Mindeststandard einhält.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare