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Konzentrationslager Buchenwald: Vor allem Verbände und Familienunternehmen geben verstärkt die Aufarbeitung ihrer Firmengeschichten in Auftrag.

NS-Zeit

Tiefbraune Wirtschaft

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Der Energiekonzern Wintershall Dea stellt sich seiner Vergangenheit im Nationalsozialismus. Kein Einzelfall. Aber Zufall. Die Analyse.

August Rosterg war von „Bolschewismus-Furcht“ getrieben. Schon seit Beginn des Ersten Weltkrieges hatte er die Bergbaugesellschaft Wintershall geführt. Während der Weimarer Republik wurden dem Top-Manager dann auch noch die Gewerkschaften zu stark. In der politisch zerrissenen Republik stellte er sich – wie viele Konzernbosse – die Frage: „Welchen Weg gehen wir?“ Rosterg wandte sich dem Nationalsozialismus zu. Der Faschismus versprach einen starken Staat und gleichzeitig unternehmerische Freiheiten. Auch vom Autarkiestreben und der Rüstungspolitik, später der Kriegswirtschaft, erwartete Rosterg Wachstum und Profit.

In den 1930er Jahren konzentrierte sich der Mischkonzern unter Rosterg auf Mineralölprodukte und wurde zum führenden Anbieter für Rüstungsindustrie und Wehrmacht. Während des Zweiten Weltkrieges setzte er Zwangsarbeiter ein, viele kamen aus dem Konzentrationslager Buchenwald. Konkurrenz wurde „arisiert“.

In der Nachkriegszeit verlor Wintershall durch Enteignungen in der sowjetischen Besatzungszone unter anderem eine große Ölraffinerie. Letztlich ausgeglichen wurden solche Verluste durch Erdgasfunde im Emsland. Und zusammen mit DEA betreibt Wintershall die Ölförderinsel Mittelplate im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer. Ende der 1960er Jahre hatte BASF den Konzern von der Quandt-Gruppe übernommen, um seine Rohstoffbasis zu sichern. Seither konzentriert sich Wintershall auf Erdöl und Erdgas. Weltweit.

Wintershall hebt sich mit seiner NS-Geschichte offenbar nicht von anderen Unternehmen ab. Aber der Energiekonzern, seit kurzem Wintershall Dea, stellt sich nun seiner Vergangenheit. Anlässlich des 125-jährigen Bestehens fand im Herbst eine Fachtagung statt. Mittlerweile liegt eine 15-seitige Broschüre „Wintershall im Nationalsozialismus“ vor und im Frühjahr wollen Historiker eine umfangreiche Studie im Societäts-Verlag veröffentlichen.

Doch wieso wendet sich Wintershall erst jetzt seiner NS-Vergangenheit zu? Aus dem Kreis der beteiligten Historiker wird Michael Sasse, Leiter der Unternehmenskommunikation, genannt. Er treibe die Aufarbeitung der NS-Geschichte ganz wesentlich voran. So habe Sasse die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte (GUG) mit der umfassenden Untersuchung beauftragt.

Eine erste Welle von „Firmengeschichten“ hatte es in den 1990er Jahren gegeben. Getrieben vom politischen Druck waren es vor allem Großkonzerne wie BASF, Bosch oder Deutsche Bank, die Historikern ihre Archive öffneten. GUG-Geschäftsführerin Schneider-Braunberger beobachtet inzwischen „eine zweite Welle“. Speziell über die NS-Zeit mögen an die zehn Studien laufen, darunter die Keksbäckerei Bahlsen und der Verband der Goldschmiede.

Vor allem Verbände und Familienunternehmen geben verstärkt Hausgeschichten in Auftrag. Schneider-Braunberger schätzt ihre Zahl auf bis zu 50. Dazu kommen Projekte an Unis. Insgesamt sieht die GUG einen Trend zu „profunden historischen Studien“, die wissenschaftlichen Standards genügen. Die Bereitschaft dazu hänge jedoch, wie bei Wintershall, mit den „internen Konstellationen“ in den Firmen zusammen, wie weit Eigentümer und Manager offen sind für eine Aufarbeitung der manchmal tiefbraunen Vergangenheit.

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